Im Kreidezeit-Park

von Li Dawei

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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In einer Ausgrabungsstätte in Zhucheng gelang es Paläontologen, die Knochen mehrerer Tyrannosaurier wieder zusammenzusetzen. Foto: Xinhua / Eyevine / laif


Zu Beginn der 1960er-Jahre, vor der Kulturrevolution, hofften die Menschen in der ostchinesischen Stadt Zhucheng auf eine Industrialisierung: Ein von der Provinzregierung entsandtes Ingenieurteam war gekommen, um nach Öl zu suchen. Bei den Bohrungen fand man dann allerdings keines der von China so dringend benötigten Ölfelder – sondern stieß auf eine große Anzahl von Dinosaurierfossilien. In der Vergangenheit hatten Einheimische diese „Drachenknochen“ als Medizin zur Behandlung von Knochenbrüchen und anderer Verletzungen eingesetzt, aber nie waren die Versteinerungen wissenschaftlich erforscht worden. Dies sollte sich nun ändern. Forscherinnen und Forscher entdeckten hier in den darauffolgenden Jahren unter anderem den Shantungosaurus, den größten Saurier Asiens, und einen asiatischen Cousin des Tyrannosaurus rex. Heute ist Zhucheng bekannt für die Museen, in denen man diese Funde bewundern kann.

Die Art und Weise, wie Zhuchengs Fossilien gefunden wurden, ist in der Geschichte der chinesischen Paläontologie kein Einzelfall: Chinas Dinosaurierforschung begann mit einem Bergbauexperten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts suchte der schwedische Geologe Johan Gunnar Andersson im Auftrag der Beiyang-Regierung nach Bodenschätzen wie Kohle und Eisen. Dabei stieß er zufällig auf eine ganze Reihe Dinosaurierfossilien. Andersson unterstützte in den 1920er-Jahren Chinas ersten Paläontologen Yang Zhongjian (C. C. Young) während seiner Promotion an der Universität München bei der Forschungsarbeit. Yang Zhongjian war auch an der Ausgrabung des Peking-Menschen beteiligt – 750.000 Jahre alte Fossilien, die in einer Höhle südwestlich von Peking vergraben lagen. Seine größten Erfolge waren jedoch die Entdeckung und Benennung des Lufengosaurus und des Mamenchisaurus. Letzterer trägt den Beinamen „constructus“, der deutlich macht, wie eng der Fund von Fossilien mit dem industriellen Bauwesen verbunden ist: Dieses Fossil wurde zufällig an einer Straßenbaustelle bei Yibin in Sichuan gefunden. Auch der Name des fleischfressenden Gasosaurus constructus aus der Jurazeit verrät die Umstände seines Fundes: Seine Fossilien entdeckte man in den 1980er-Jahren beim Bau einer Gasanlage in der südwestlichen Provinz Sichuan.

„Das Herzstück des Museums ist eine natürliche Schlucht von etwa 500 Metern Länge und 26 Metern Tiefe, die ‚Dinosaurierklamm‘ genannt wird. Auf einer Seite der Schlucht ragen zahllose versteinerte Skelettteile aus dem Fels“

Auch in vielen europäischen und amerikanischen Ländern sind Funde von Dinosaurierfossilien oft der Nebeneffekt von Berg- oder Straßenbau. Hätte man etwa nach dem Ende des amerikanischen Sezessionskriegs nicht quer durch den Kontinent Eisenbahnschienen verlegt, so wäre es zu einer großen Anzahl von paläontologischen Entdeckungen nie gekommen. Ebenso war der Fund des Archaeopteryx im bayerischen Solnhofen eine unbeabsichtigte Folge der Erfindung der Lithografie: Für das Druckverfahren, das Alois Senefelder 1798 entwickelte, verwendete man Kalkstein. Bei dessen Abbau stieß man auf die Fossilien.

Der Megastar der Dinosaurierwelt ist auch in China der Tyrannosaurus rex. Eines der drei Sauriermuseen von Zhucheng, errichtet auf einer Ausgrabungsstätte von 2008, ist speziell dem hier gefundenen Zhuchengtyrannus gewidmet. Er ist zwar kleiner als der nordamerikanische T-rex, gehört aber zu der größten in Asien gefundenen Gattung aus der Familie der Tyrannosauridae. Blickt man vom Rand der Grube aus hinunter, kann man außer dem Gerippe des Hauptdarstellers auch, verstreut darum herum, Schwanzwirbel, Kiefer, Rippen und Schienbeine anderer Dinosaurierarten betrachten: Shantungosaurier aus der Familie der Entenschnabelsaurier, einen zur Gruppe der Ceratopsidae gehörenden Zhuchengceratops oder riesige Sauropoden wie den Zhuchengtitan. Diese Dinosaurierarten gehören zur sogenannten Wangshi-Gruppe und lebten hier in der oberen Kreidezeit, vor etwa 65 bis 100 Millionen Jahren.  

Die Knochen in den Ausgrabungsstätten in Zhucheng liegen so verstreut, dass man nicht ein einziges Beispiel findet, bei dem sie in einem Zusammenhang stehen. Es ist deshalb schwierig zu bestimmen, zu welchen Tieren sie jeweils gehören. Im Nationalen Dinosaurier-Geopark erkennt man jedoch ein erstaunliches Muster: Das Herzstück des Museums ist eine natürliche Schlucht von etwa 500 Metern Länge und 26 Metern Tiefe, die „Dinosaurierklamm“ genannt wird. Auf einer Seite der Schlucht ragen zahllose versteinerte Skelettteile aus dem Fels, sodass der Betrachter wie durch ein riesiges Beinhaus geht. Fast alle Schädelknochen zeigen nach Osten, während die Schwanzwirbel nach Westen ausgerichtet sind. Die einen meinen, dies sei ein Hinweis auf einen Exodus von geradezu epischem Umfang. Horden von Dinosauriern sollen vor 65 Millionen Jahren nach dem Einschlag eines Meteoriten vergeblich vor einer vernichtenden Hitzewelle geflohen sein. Andere Forscher vermuten hingegen einen gewaltigen Tsunami. Die zerbrochenen Knochen und Gliedmaßen seien die Überreste prähistorischer Tiere, deren Skelette durch den Aufprall des Wassers zertrümmert wurden. Öl fand man übrigens nie in Zhucheng. Dafür ist der Dinosaurier-Geopark heute eine der flächenmäßig größten Ausgrabungsstätten der Welt.

Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen



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