Archivarin am Golf

von Frauke Heard-Bey

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

  • Als eine der ersten westlichen Frauen reiste Frauke Heard-Bey 1969 auf dem Landweg zur Liwa-Oase im Süden der VAE. Foto: Privatarchiv Heard-Bey

    Als eine der ersten westlichen Frauen reiste Frauke Heard-Bey 1969 auf dem Landweg zur Liwa-Oase im Süden der VAE. Foto: Privatarchiv Heard-Bey

  • Die Historikerin Frauke Heard-Bey. Foto: Gundula Haage

    Die Historikerin Frauke Heard-Bey. Foto: Gundula Haage

  • Frauke Bey und ihr späterer Mann David Heard in Rottweil im Jahr 1960. Foto: Privatarchiv Heard-Bey

    Frauke Bey und ihr späterer Mann David Heard in Rottweil im Jahr 1960. Foto: Privatarchiv Heard-Bey

  • Frauke Heard-Bey, der damalige Außenminister der VAE, Ahmed bin Khalifa Al Suwaidi, und Heard-Beys Töchter Miriam und Theresa (von rechts nach links). Foto: Privatarchiv Heard-Bey

    Frauke Heard-Bey, der damalige Außenminister der VAE, Ahmed bin Khalifa Al Suwaidi, und Heard-Beys Töchter Miriam und Theresa (von rechts nach links). Foto: Privatarchiv Heard-Bey

  • Das Center for Documentation und heutige Nationalarchiv der VAE in Abu Dhabi. Foto:  Oliver Gerhard / imageBROKER / picture alliance

    Das Center for Documentation und heutige Nationalarchiv der VAE in Abu Dhabi. Foto: Oliver Gerhard / imageBROKER / picture alliance


Ich habe nie erwartet, den größten Teil meines Lebens in Abu Dhabi zu verbringen. Aber das Leben ist unvorhersehbar. Geboren wurde ich 1941 in Berlin, mitten hinein in den Krieg. Mein Vater, der bei der Marine war, brachte meine Mutter, meine Schwester und mich damals in einer Wohnung in Gera unter. Momentaufnahmen habe ich noch vor Augen, obwohl ich noch ganz klein war: Wie ich in meinem Wägelchen lag, wie der Volksempfänger lief und wie eines Tages ein großer Mann in Uniform auftauchte. Männer gab es in unserer Welt ja kaum, darum hat sich dieses Bild tief eingeprägt. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich meinen Vater sah. Er fiel am zweiten Weihnachtsfeiertag 1943.

Trotz allem war meine Kindheit in Thüringen einigermaßen behütet. Es gab einen Garten und einmal schenkte uns der Hausverwalter ein Kaninchen. Doch natürlich waren es auch harte Zeiten. Als meine Schwester in die Schule kam, mussten alle Kinder Kohlen mitbringen, um die Schule zu heizen. Als ich elf war, verließen wir die DDR illegal und lebten danach in Rottweil. Die letzten beiden Sommerferien meiner Schulzeit verbrachte ich als Au-pair in England. Dort lernte ich auch einen jungen Briten namens David Heard kennen. Wir verliebten uns. Am Ende des Sommers fuhr er per Anhalter nach Rottweil, um mich zu besuchen. Später studierte er Physik und Geologie in England, während ich in Heidelberg mit Geschichte, Politikwissenschaften und Anglistik begann. Abends spielten wir im Wald die Klampfe, das war in den frühen 1960er-Jahren. Dann zog es mich nach Berlin, wo ich über die politischen Umwälzungen in der Hauptstadt nach dem Ersten Weltkrieg promovierte. David bewarb sich in der Zwischenzeit auf eine Annonce: „Leading oil company is looking for science graduate“ – kurz darauf landete er mitten in der Wüste, in Abu Dhabi.

„Vom Studienhaus für Mädchen am Ernst-Reuter-Platz in Berlin ging es direkt in einen Bungalow der Ölfirma in Abu Dhabi. Da war nur gleißend weißer Sand und das Meer“

Es war damals keineswegs klar, dass ich ihm folgen würde. Ich wollte mich nicht binden und meine Forschung faszinierte mich. Aber David hörte nicht auf, mir Briefe zu schreiben. 1967 haben wir dann geheiratet. Fünf Tage vor unserer Hochzeit hatte ich noch die mündliche Prüfung für meine Promotion. Vom Studienhaus für Mädchen am Ernst-Reuter-Platz in Berlin ging es direkt in einen Bungalow der Ölfirma in Abu Dhabi. Da war nur gleißend weißer Sand und das Meer; spannend war das. Zuerst habe ich mich ins Arabischlernen gestürzt und parallel meine Doktorarbeit gekürzt, die publiziert werden sollte. Da saß ich also in der Wüste und erstellte einen Index über die Politik Berlins. Kurz nach meiner Ankunft kam dann der politische Knall: Großbritannien beschloss, sich aus der Region zurückzuziehen. Alle Welt berichtete darüber und mir wurde klar: Ich sitze direkt an der Quelle und könnte mich umfassend informieren. Eine Anlaufstelle dafür fand ich schnell, denn im alten Fort von Abu Dhabi war das Center for Documentation gegründet worden, eine Art erstes Archiv der Emirate. Der spätere Außenminister, Ahmed bin Khalifa Al Suwaidi, hatte den Auftrag, alles an Texten zu sammeln, was er finden konnte. Dann tauchte ich auf. Ich bemerkte, dass in der kleinen Bibliothek immer wieder Bücher verschwanden, weil es keine Registrierung gab. Das sprach ich an – und wurde mit der Aufgabe betraut, das Archiv zu katalogisieren.

In den 1970ern war das alte Fort das Herz der Verwaltung und die Kommunikationszentrale des jungen Staates. In den Gängen tauchten Beduinen mit Falken auf der Hand auf, Politiker und Diplomaten. Einmal lief mir Jassir Arafat über den Weg. In den folgenden fünfzig Jahren half ich mit, das stetig wachsende Archiv aufzubauen, das heute das Nationalarchiv ist. Ich war zwar die einzige Frau und die einzige Europäerin, aber ich hatte nie das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Auch mit dem ersten Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Zayid, hatte ich Kontakt. Bei Feierlichkeiten wie dem islamischen Īd schüttelte er mir ostentativ die Hand, um zu zeigen: Wir sind keine Kleingeister, die Frauen nicht achten. 

Für viele Menschen, die in der Ölindustrie gearbeitet haben, war Abu Dhabi nur eine Durchgangsstation. Aber David und ich sind einfach geblieben. Unsere Kinder sind dort aufgewachsen. Ich begann, Bücher zu schreiben und mich immer tiefer in die Geschichte der Emirate einzuarbeiten. In den letzten Jahrzehnten hat sich allerdings unglaublich viel verändert. Da, wo in den 1960er-Jahren nur ein kleiner Ort mit Palmhütten lag, ragen jetzt Wolkenkratzer in den Himmel. Früher saßen wir bei befreundeten Familien auf dem Boden, heute leben sie in fantastischen Gebäuden im puren Überfluss. Doch wenn ich an Abu Dhabi denke, dann denke ich an unser Häuschen mit unseren Büchern und den Garten. Für mich ist das der Ort, den ich Zuhause nenne.

Protokolliert von Gundula Haage



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