Auf dem Schatzhügel

von Carina Rother

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Ein grüner Rückzugsort inmitten der Hauptstadt Taiwans: das Künstlerviertel Treasure Hill. Foto: Jui-Chi Chan / iStock / Getty Images


An einem verkehrsberuhigten taipeher Flussufer beginnt ein grüner Hügel, der „Treasure Hill“. Den Hang entlang zieht sich eine Siedlung eng stehender Betonhäuschen. Von fern sehen sie aus wie graue Schachteln, wild übereinandergestapelt, die jeden Moment den Hügel hinunterpurzeln könnten. Hier verbringen jährlich zwanzig ausländische Kunstschaffende ihre dreimonatige Künstlerresidenz. Einer von ihnen ist der tschechische Architekt Petr Danda: „Ich wollte weg von der konventionellen Architektur. Ich habe mich auf diese Künstlerresidenz beworben, um einen Rahmen zu haben, in dem ich mein Experiment umsetzen konnte.“

Sein Experiment, einen sinnlichen Raum, der ganz aufs Hören ausgelegt ist, bespielt er zum Abschluss seiner Residenz einen Monat lang mit Musik und Vorträgen. Dandas Veranstaltungen sind gut besucht, aber ihm fehlte während der Residenz der Austausch innerhalb des Künstlerdorfes: „Wegen der Pandemie war es ehrlich gesagt ein bisschen einsam.“ Nur zwei ausländische Künstler waren 2021 vor Ort, viel weniger als üblich.

Normalerweise wohnen in den Studios des Künstlerdorfes internationale Kunstschaffende aller Disziplinen. Die Hälfte kommt durch Direktbewerbungen, die andere durch Austauschprogramme ausländischer Kunststiftungen, erklärt Programmdirektorin Catherine Lee. Dazu gibt es 15 Atelierplätze, die an Handwerkskünstler aus Taiwan vergeben werden. Finanziert wird das Künstlerdorf von der Stadt Taipeh. Die Residenz bietet eine kostenlose Unterkunft und einen Materialkostenzuschlag. Und noch dazu eine einzigartige Atmosphäre, sagt Petr Danda: „Das Dorf Treasure Hill ist eine alte Wohnsiedlung mit teilweise illegal gebauten Hütten aus dem 20. Jahrhundert. Es war eine interessante Erfahrung, dort zu leben, weil es keine breiten Straßen oder Autos gibt. Man fühlt sich wie in einem Bergdorf.“

„Wenn man durch Treasure Hill läuft, trifft man diese älteren Herren, die dort sitzen, Tee trinken und sich mit den Besuchern unterhalten. Das ist ihr Alltag.“

Ein Bergdorf inmitten der Millionenmetropole, mit einer bewegten Vorgeschichte: Weil der Hügel eine Zeit lang als Militärbasis diente, war das Betreten über Jahre verboten. Als Taiwans Wirtschaftswachstum in den 1960er-Jahren jedoch immer mehr Menschen in die Städte drängte, besiedelten dort erste Arbeiter- und Soldatenfamilien und zimmerten sich rudimentäre Hütten. Doch die prekären Bauten waren Fluten und Taifunen schutzlos ausgeliefert und wurden immer wieder beschädigt. In den 1990er-Jahren erwog die Stadt deshalb sogar, den Hügel komplett zu räumen. 

Stattdessen entstand dann jedoch die Idee des Künstlerdorfes. Seit 2010 leben internationale Künstler neben rund  fünfzig ursprünglichen Bewohnern in den restaurierten Mauern der alten Siedlung. Die Programmdirektorin Catherine Lee schätzt diese Kombination: „Wenn man durch Treasure Hill läuft, trifft man diese älteren Herren, die dort sitzen, Tee trinken und sich mit den Besuchern unterhalten. Das ist ihr Alltag.“ Die Besucher, das sind Touristen und Ausflügler, die sich durch die engen Gassen schlängeln, in den Ateliers stöbern und Fotos vor der pittoresken Kulisse aus Beton, Kunst und Dschungel machen.

Während der Corona-Pandemie wurde weltweit verstärkt über „virtuelle Residenzen“ für Künstler nachgedacht. Doch Treasure Hill sei als Ort der Begegnung nicht ersetzbar, ist Catherine Lee sich sicher:  „Die Menschen wollen trotzdem reale Begegnungen. Sie wollen die Leute sehen, die Stadt erleben.“    



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