Frauen mit Augenbinden

von Maristella Svampa

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

-

Tausende von Frauen protestieren unter dem Slogan „Ni una menos” in zahlreichen argentinischen Städten wie hier in Buenos Aires am 3. Juni 2019 gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Foto: Carol Smiljan/NurPhoto via Getty Images


Seit Jahrzehnten spielen Frauen in Lateinamerika und in anderen Regionen des Globalen Südens in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eine tragende Rolle. Als beispielhaft gilt Argentinien, wo sich in den 1970er- Jahren die „Mütter der Plaza de Mayo“ organisierten, um nach ihren in der Militärdiktatur 1976 bis 1983 verschwundenen Kindern zu suchen. Doch auch in neueren Menschenrechtsbewegungen spielen Frauen eine tragende Rolle. Viele von ihnen wurden von Müttern gegründet, deren Töchter von Söhnen mächtiger Männer umgebracht wurden. Einer der ersten dieser Fälle ist der Mord an María Soledad Morales, die 1990 in der nordargentinischen Provinz Catamarca gewaltsam zu Tode kam und deren Mörder von lokalen Politikern gedeckt wurden. 

Aber auch Arbeitslosenbewegungen in Argentinien würden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existieren, wären nicht seit 1996 Frauen auf die Straße gegangen wären, um Verkehrswege zu blockieren und so gegen Hunger und Arbeitslosigkeit zu protestieren. Und im heutigen Kampf gegen Megabergbau, Fracking oder die Folgen von Agrargiften sind die wichtigsten Protagonisten ebenfalls Frauen. 

Die Frauenbewegung mit der größten landes- und weltweiten Wirkung ist aber jene, die sich 2015 ausgehend von der Kampagne „Ni una menos“ („Nicht eine weniger“) bildete. Angestoßen wurde sie von Journalistinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen, die gegen die steigende Zahl von Frauenmorden in Argentinien protestierten. Der Anfang eines von ihnen verfassten Manifests lautete damals: „2008 wurde alle vierzig Stunden eine Frau getötet, 2014 alle dreißig Stunden. In diesen sieben Jahren veröffentlichten die Medien Nachrichten über 1.808 Frauenmorde. Wie viele Frauen wurden 2015 umgebracht, nur weil sie Frauen waren? Das wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass wir stopp sagen müssen.“ 

„Die Feministinnen machten das pañuelo verde, das grüne Halstuch, zum Symbol ihrer Befürwortung von Abtreibung.“

Die Wirkung war gewaltig. Bei der ersten Demonstration am 3. Juni 2015 versammelten sich 200.000 Frauen in verschiedenen Städten des Landes. Das Hashtag „#Niunamenos“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wurde zu einem Symbol für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Als Großkollektiv, das aus verschiedenen kleineren Kollektiven besteht, organisiert sich Ni una menos auf Versammlungen, die Manifeste und Aktionen – von Streiks und Massenprotesten zum Frauentag am 8. März bis hin zu Perfomances – beschließen. Im März 2015 fand die erste Aktion statt, bei der Schriftstellerinnen, Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen vor der Nationalbibliothek einen Lesemarathon gegen Frauenmorde veranstalteten. 

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass in dieser Feminismuswelle mehrere Strömungen zusammenfließen: Zum einen kämpfen die Pionierinnen seit Jahrzehnten für mehr Rechte, darunter das Recht auf Abtreibung, und gegen Gewalt an Frauen – jahrelang erfasste nur die zivile Organisation Casa del Encuentro die landesweiten Fälle von Gewalt an Frauen in einem Verzeichnis. Erst 2015 nahm sich das Höchste Gericht Argentiniens der Aufgabe an, eine Femizid- Statistik zu erstellen. Zum anderen ist Argentinien eines der wenigen Länder, in dem einmal pro Jahr Teilnehmerinnen aus allen Schichten und Generationen zu einem Nationalen Frauentreffen zusammenkommen. Seit 1986 findet es jedes Jahr in einer anderen Stadt statt und endet mit einer Großdemonstration. Seit 2019 kommt es auch der Forderung indigener Frauen nach, ihre speziellen Anliegen zu berücksichtigen. 

Mit Ni una menos schlossen sich junge Städterinnen zwischen zwölf und zwanzig Jahren der Frauenbewegung an. Sie kämpften für das Gesetzesvorhaben einer legalen und kostenlosen Abtreibung, über das 2018 der Argentinische Kongress entschied. Das Gesetzesvorhaben zielte darauf ab, Abtreibung als Problem der öffentlichen Gesundheit zu behandeln und die Folgen heimlicher Abtreibungen zu diskutieren. Vor allem Frauen aus ärmeren Schichten sehen sich häufig gezwungen, Schwangerschaftsabbrüche unter prekären Umständen vornehmen zu lassen. Trotz der Ablehnung des Gesetzes im Senat hat die breite Debatte dazu geführt, dass der Feminismus in der Mitte der Gesellschaft ankam. Es gab Massendemonstrationen, die sogenannten Pañuelazos. Die Feministinnen machten das pañuelo verde, das grüne Halstuch, zum Symbol ihrer Befürwortung von Abtreibung. Wissenschaftlerinnen wie die Anthropologin Rita Segato und viele Schriftstellerinnen sprachen sich für das Abtreibungsgesetz aus und wurden zu populären Figuren.

„Die Infragestellung dominanter Männlichkeit geht einher mit der Forderung nach körperlicher Selbstbestimmung.“

Das neue feministische Denken wurde auch in den Nachbarländern aufgenommen: Das Kollektiv Lastesis aus Valparaíso in Chile führte im November 2019 die partizipative Performance „Un violador en tu camino“ („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“) durch: Frauen mit Augenbinden tragen, einer Choreografie folgend, einen Text vor. Dieser erklärt auf verständliche Art feministische Theorien und zeigt gleichzeitig, wie Opfern geschlechtsspezifischer Gewalt oft die Schuld dafür zugewiesen wird. Die Performance wurde in Städten weltweit – in Paris, Sidney, New York und Istanbul – nachgeahmt, ihr Text wurde eine feministische Hymne. Gleichzeitig riefen die Aktionen der Frauenbewegung aber auch ultrakonservative Gegenreaktionen hervor. Evangelikale sowie der papsttreue Flügel der katholischen Kirche protestierten mit hellblauen Halstüchern gegen die Forderungen der Frauen. 

Der Kampf um die Legalisierung der Abtreibung hat bewirkt, dass die feministische Bewegung in Argentinien eine neue gesellschaftliche Kraft geworden ist. Jüngere Frauen empfinden es heute unerträglich, dass jene, die über das Schicksal von Frauen entscheiden, meistens männlich, weiß, heterosexuell und älter als sechzig Jahre sind. Die Jüngeren sind hyperkritisch und scheinen Vieles, was ältere Frauen noch verinnerlicht haben, abzuschütteln. Zugleich jedoch erleben wir die schlimmste Welle von Femiziden in der Geschichte Lateinamerikas. 

Die Infragestellung dominanter Männlichkeit geht einher mit der Forderung nach körperlicher Selbstbestimmung. Die Fähigkeit, gegenseitiges Verständnis und Empathie zu entwickeln, fließt zusammen mit der Forderung, den Wert von Gefühlen und Schwesternschaft anzuerkennen. Der Wert von Fürsorge hängt dabei auch zusammen mit der Verteidigung von Gemeingütern und funktionierenden Ökosystemen. Alles deutet deshalb darauf hin, dass die neue feministische Bewegung nicht nur gekommen ist, um zu bleiben, sondern auch, um ihre Forderungen auszuweiten. Denn sie behandelt Themen, die nicht nur mit der Befreiung der Frauen, sondern der ganzen Menschheit verknüpft sind. 

Aus dem Spanischen von Laura Haber



Ähnliche Artikel

Iraner erzählen von Iran (Bücher)

Was gut für uns war

von Elmar Altvater

Wie funktionierende Ordnungssysteme im Kapitalismus zerfallen, untersucht Günther Lachmann in seinem neuen Buch

mehr


Talking about a revolution (Thema: Widerstand)

„Ich hatte nichts mehr zu verlieren“

ein Interview mit Oleg Senzow

Weil er gegen die Annexion der Krim gekämpft hatte, saß der ukrainische Regisseur Oleg Senzow fünf Jahre in russischen Gefängnissen. War es das wert?

mehr


Talking about a revolution (Thema: Widerstand)

Mut ist ansteckend

von Wu'er Kaixi

Wie ich das Tiananmen-Massaker überlebte und zu einem der meistgesuchten Dissidenten Chinas wurde

mehr


Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Die Welt von morgen)

Züge in die Pampa

Eine Kurznachricht aus Argentinien

mehr


Talking about a revolution (Thema: Widerstand)

Wir sind Spiegel

von Lizzie Doron

Gedanken über den langen Konflikt zwischen Israel und Palästina

mehr


Geht doch! Ein Männerheft (Thema: Männer)

Ein Herz für Männer

von Rebecca Walker

Die Sprache des Feminismus schließt die Hälfte der Menschheit aus. Die Verhältnisse können wir nur gemeinsam ändern

mehr