Oh, wie schön ist Panama

von Marilina Vergara Polo

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Das angenehme Klima, die Ruhe, die Sicherheit, eine hohe Lebensqualität und die freundlichen Menschen – all diese Dinge haben Tausende amerikanische Rentner dazu gebracht, ihren Wohnsitz von den USA nach Panama zu verlegen. „Panama ist im Vergleich günstig, es bietet einheimischen und ausländischen älteren Menschen viele Steuerbefreiungen und finanzielle Hilfen“, erklärt der Soziologe Alonso Ramos. So geriet Panama ins Blickfeld all jener Angehörigen der sogenannten Babyboomergeneration, die sich der Vorzüge des Ruhestands in Mittelamerika erfreuen. Ein weiterer verlockender Grund ist, dass der Dollar in Panama als Zweitwährung gebraucht wird, was die Wirtschaft stabiler macht als in anderen Ländern der Region. „In den vergangenen zehn Jahren konnte das Land ein stetiges BIP-Wachstum von über sieben Prozent vorweisen“, erklärt Ramos.

Die meisten ausländischen Rentner haben sich an zwei Orten in Panama niedergelassen: Boquete im Bergland der Provinz Chiriquí und Pedasí in der Provinz Los Santos an der Küste und weit entfernt von der Hauptstadt des Landes. Laut Joswar Alvarado, dem Bürgermeister von Boquete, kamen die ersten Amerikaner 2004 an. 2007 war die Zuzugsrate schon so weit gestiegen, dass man von einem „Boom“ sprach, und seitdem kommen immer noch mehr, obwohl die Rate 2012 aufgrund der Rezession in den USA ein wenig zurückging. Alvarado schätzt, dass in Boquete, 320 Kilometer von Panamas Hauptstadt entfernt, rund 4.000 Rentner leben. Insgesamt hat der Bezirk mit einer Fläche von 488 Quadratkilometern rund 23.000 Einwohner.

Was zieht die Menschen an diesen Ort? „Ein malerisches Dorf, menschliche Wärme, und die Grundstückspreise sind leicht erschwinglich“, erklärt der Bürgermeister. Was sich seit der Ankunft der ausländischen Rentner geändert habe, sei die Architektur. Zuvor seien die Häuser einfach gewesen, nun seien sie größer und teurer, stellt er fest.

„Die Aktivitäten, denen Watts und ihr Freundeskreis nachgehen, sind zahlreich: Yoga, Malerei, Percussion, Tanz“

Wie alle Dörfer im Landesinneren besitzt Boquete einen Platz, enge Straßen und kleine Geschäfte, unter denen die Cafés und Bäckereien hervorstechen. Am Ortsrand sind Gourmetrestaurants anzutreffen und hausgemachte Produkte wie Kekse und Marmeladen zu erstehen. Außerdem gibt es Supermärkte, Apotheken und Banken. Vierzig Autominuten entfernt liegt die Provinzhauptstadt David, ein urbaner Knotenpunkt mit Privatkliniken, die eine effizientere Versorgung bieten als die medizinischen Einrichtungen des Staates. Boquete und seine Umgebung weisen durch die Lage in der zentralen Gebirgskordillere als einzige Region in Panama ein gemäßigtes Klima mit Temperaturen zwischen 15 und zwanzig Grad auf, während die Temperaturen in anderen Landesteilen auch mal 35 Grad erreichen.

Mary Ellen Watts ist 68 Jahre alt. Sie lebt seit 2004 in Boquete. Nachdem sie als Verkaufsmanagerin für ein Immobilienunternehmen in Texas gearbeitet hat, erteilt Watts nun Kunstunterricht und leitet Kulturprojekte in Boquete. Sie tut es, um mit ihren neuen Mitbürgern in Kontakt zu sein, und nicht, um sich ein zusätzliches Einkommen zu generieren. Die Kunst zählte schon immer zu ihren Hauptinteressen. Als sie in den Ruhestand trat, bereiste sie per Segelschiff die Welt und erlernte dabei das Aquarellmalen, wieder an Land konzentrierte sie sich mehr auf die Acryltechnik. Da sie Kinder mag, begann sie in Boquete Kunstunterricht zu geben: „Kunst zu unterrichten ist genauso so schön wie Kunst zu schaffen ... oder sogar noch schöner“, erzählt sie.

Mit der Zeit begann sie, auch Erwachsene zu unterrichten. Den überwiegenden Teil ihres Unterrichts hält sie im Zentrum für Menschen mit Behinderung ab und in der öffentlichen Bibliothek, und zwar ehrenamtlich. „In Boquete habe ich mehr Freunde als zu meiner Schulzeit“, stellt sie gerührt fest. Die Aktivitäten, denen Watts und ihr Freundeskreis nachgehen, sind zahlreich: Yoga, Malerei, Percussion, Tanz – aber am meisten Befriedigung erhalte sie durch ihre ehrenamtliche Arbeit.

„Er ist vor über vierzig Jahren nach Panama gekommen, um Urlaub zu machen – und dann hängen geblieben“

„Nach Boquete zu ziehen, würde ich einem Rentner nur empfehlen, wenn er viel zu geben hat. Er wird es wesentlich mehr genießen, wenn er bereit ist, sich zu verändern und sein Herz und seinen Geist für eine andere Lebensweise zu öffnen“, sagt Watts und warnt: „Wer nur an einem billigeren Ort leben möchte, wird das in Boquete nicht finden. Wer erwartet, die Dinge so vorzufinden ›wie in den USA‹, sollte besser in den USA bleiben.“ Sie findet: „Wer hierherzieht, sollte sich Mühe geben, Spanisch zu lernen, und nicht erwarten, dass die Leute hier Englisch sprechen.“ Die stolze Neu-Bewohnerin Panamas hebt hervor, dass man in Boquete lernen müsse, Geduld zu haben, das nicht Perfekte zu akzeptieren und offen für die Natur zu sein, inklusive Spinnen und Schlangen, und man müsse verstehen, wie wichtig der Schutz dieser Arten sei.

Nachdem er andere Länder in Erwägung gezogen hatte, beschloss der 75-jährige Howard Hill 2003, nach Boquete zu ziehen. Als er in Panama ankam, fühlte er sich gleich wohl. Grund für seine Entscheidung war das gemäßigte Klima gewesen, die damals sehr niedrigen Lebenshaltungskosten und dass ihm ein so exotischer Ort ein Gefühl von Abenteuer vermittelte. Früher war er Psychologe und führte wissenschaftliche Tests für die US-Armee durch. Nun ist er im Ruhestand und in seiner neuen Heimatgemeinde aktiv. Als Mitglied des Rotary Clubs zählt er die lange Liste bereits realisierter Projekte auf, etwa zur Verbesserung der öffentlichen Schulen in der Region, wo Trinkwassersysteme installiert worden sind. Außerdem hat der Club Anlagen zur Regenwassergewinnung aufgebaut, Aquädukte in indigenen Gemeinden, Bildungsprogramme, internationale Initiativen zum Lehreraustausch und Solaranlagen an Orten, wo Stromleitungen fehlen. „Ich habe in großen Städten und in kleinen Dörfern gelebt, aber in dieser Phase meines Lebens bevorzuge ich das Einfache, die kurzen Strecken innerhalb eines Dorfes, und vor allem fühle ich mich hier sicher“, betont Hill.

Bei John Wolff verhält es sich anders: Er ist vor über vierzig Jahren nach Panama gekommen, um Urlaub zu machen – und dann hängen geblieben. Zunächst arbeitete er in der US-Armee, die vor der Rückgabe des Kanals in Panama stationiert war. Wolff betreute für sie Computersysteme und verschob Jahr für Jahr seine Rückkehr, wobei er sich stets sagte: „Ich bleibe bis Weihnachten oder bis zum Ende der Regenzeit.“ So vergingen die Jahre, bis er in Panama eine Familie gründete. Nachdem er aus der Armee in den Ruhestand getreten war, arbeitete er als Pilot bis zu seinem zweiten Renteneintritt und jetzt ist er Leiter des Boquete Jazz Festivals und des Blues Festivals. „Boquete ist ein wunderbarer Ort. Die Menschen sind warmherzig und freundlich, unter den Expats besteht ein wahrer Gemeinschaftssinn“, schwärmt Wolff.

„Die hohe Konzentration an US-amerikanischen Rentnern in Boquete und Pedasí hat mittlerweile wirtschaftliche Konsequenzen“

Der Bezirk Pedasí liegt am Rand der Halbinsel Azuero im Süden Panamas. Das Dorf im Landesinneren hat etwa 7.000 Einwohner. Berühmtheit erlangte es dank Mireya Moscoso, die als erste Frau von 1999 bis 2004 Präsidentin von Panama war. Moscoso förderte die Entwicklung des Tourismus in Pedasí, private Unternehmer bauten Hotels und Restaurants. Damals trafen die ersten Rentner aus den USA in Pedasí ein.

Die Architektur des Dorfes ist repräsentativ für Panamas Landesinneres, das von der spanischen Kolonialzeit geprägt ist: Der Platz mit der kleinen Kirche ist der Mittelpunkt des Dorflebens. Die meisten Häuser sind aus Lehm und Stroh gebaut und mit Ziegeln gedeckt, alle haben Vordächer, unter denen Einwohner sitzen, sich unterhalten oder eine handwerkliche Arbeit verrichten. Die traditionellen Häuser stehen im Kontrast zu den Luxushotels der Touristen. Nur wenige Meter entfernt von ihnen liegt die Küste, an der internationale Surfwettkämpfe abgehalten werden.

Seit der Ankunft der Ausländer hat sich der Umgang der Einheimischen mit der Natur sehr verändert. „Die Menschen sind jetzt viel umweltbewusster und halten das Dorf sauber“, erklärt Daniel Pérez, Beamter der Ortsverwaltung von Pedasí. Ein Daueraufenthalt als Rentner oder Pensionär kann in Panama von all denjenigen beantragt werden, die eine monatliche Rente oder Pension von mindestens tausend Dollar beziehen. Wenn der Antragsteller in Panama ein Grundstück im Wert von über 100.000 Dollar erworben hat, muss seine Rente nur mindestens 750 Dollar betragen.

Die hohe Konzentration an US-amerikanischen Rentnern in Boquete und Pedasí hat mittlerweile wirtschaftliche Konsequenzen. Der Soziologe Alonso Ramos erklärt, dass die Immobilienspekulation zu einer Verteuerung des Lebens in Dörfern wie Boquete und Pedasí geführt hat. Außerdem sieht die Realität für eine bedeutende Zahl panamaischer Rentner ganz anders aus als für ihre US-amerikanischen Altersgenossen.  Ihre durchschnittliche Rentenhöhe reicht nicht, um die Lebenshaltungskosten in Panama zu decken. Viele Rentner organisieren sich daher, gehen auf die Straße, um Verbesserungen ihrer Lebenssituation zu fordern.

 

 Aus dem Spanischen von Laura Haber



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