Der sowjetische Lockdown

Von Michail Schischkin

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Moskau in den 1930er Jahren. Foto: Getty Images


Als einzige glaubwürdige Informationsquelle in der Sowjetunion dienten Gerüchte. Ich weiß noch, wie im April 1986 selbst noch unter Gorbatschow das staatliche Fernsehen beteuerte, dass keine Gefahr für die Bevölkerung bestehe, und wir, Lehrer und Eltern, versuchten, unsere Kinder von Schulhöfen und Spielplätzen nach Hause zu holen: Es kursierten die schrecklichen Gerüchte über den Gau in Tschernobyl. Auch keine offizielle Warnung für die Bevölkerung gab es im Dezember 1939, mitten im blutigen Winterkrieg gegen Finnland, als sich herumsprach, dass die Pest in Moskau ausgebrochen war. Meine Großeltern und meine Mutter, damals elfjährig, erfuhren durch Bekannte von der Gefahr. Über jene Ereignisse schrieb Ljudmila Ulitzkaja 1978 das Drehbuch „Die Pest“. Zu einem Film kam es in der Sowjetunion verständlicherweise nie.

Was genau damals bei dem Pestausbruch passierte, wurde erst nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes bekannt, als ein Teil der Archive für kurze Zeit geöffnet wurde. Ljudmila Ulitzkaja schrieb ihr Drehbuch in den 1970er-Jahren aber nur auf der Grundlage der Überlieferungen damaliger Gerüchte, wie sie in Interviews erklärt hat. Dabei verwundert, wie genau die „Klatschgeschichten“ in einer totalitären Gesellschaft der Wahrheit entsprachen.

„Nur drei Personen starben sowohl im realen Leben als auch im Buch: Berlin (Mayer), Gorelik (Sorin) und ein Hotelfriseur“ 

Tatsächlich kam der infizierte Mikrobiologe Abram Berlin (im Drehbuch die Figur Rudolf Mayer) im Dezember 1939 auf einer Dienstreise aus Saratow nach Moskau. Und gerettet wurde die Stadt von dem Arzt Simon Gorelik (bei Ulitzkaja heißt er Sorin), der die Lungenpest diagnostizierte, sich selbst mit dem infizierten Mikrobiologen in Quarantäne sperrte und den Geheimdienst NKDW informierte. Dieser organisierte eine rasche Kontaktverfolgung und die Katastrophe wurde vereitelt. Nur drei Personen starben sowohl im realen Leben als auch im Buch: Berlin (Mayer), Gorelik (Sorin) und ein Hotelfriseur. Was Ulitzkaja damals nicht wissen konnte, blieb auch außerhalb des Skripts. Die Schriftstellerin stellt Mayer als mutigen Forscher dar, der an einem Impfstoff arbeitet, um die Menschheit vor der tödlichen Seuche zu retten. In Wirklichkeit – wie Studien in den vergangenen Jahren ans Licht brachten – beteiligte sich Abram Berlin an einem streng geheimen Programm der Sowjetregierung: Sein Team war an der Entwicklung biologischer Waffen beteiligt. Makabre Details ihrer „wissenschaftlichen“ Arbeiten: Die Versuche für das Programm wurden an Gulag-Häftlingen durchgeführt.

Die Gerüchte, die über die damaligen Ereignisse später in der Sowjetunion umgingen, wussten allerdings von einem Brief, den der Arzt Simon Gorelik vor seinem Tod in Quarantäne an Stalin geschrieben hatte. Ljudmila Ulitzkaja lässt Sorin im letzten Schreiben um die Freilassung seines verhafteten Bruders bitten. In Wirklichkeit war fast die ganze Familie des Arztes im Gulag verschwunden: 1937 wurden seine Schwester und ihr Mann verhaftet, 1938 folgte sein Bruder, und 1939 wurde der Mann seiner Tochter Mirra mit einem Genickschuss exekutiert.

Was auch nicht im Roman steht: Für die erfolgreiche Operation und die hohe Effizienz ihrer Arbeit bei der Pandemiebekämpfung wurden mehrere Geheimdienstler mit hohen Orden dekoriert. Eine sehr spezielle „Auszeichnung“ bekam posthum auch der wahre Held der Geschichte Simon Gorelik. Monate nach seinem Tod wurde Goreliks Witwe, die Krankenschwester Emilija Jakowlewna, verhaftet. Sie starb im Gefängnis. Das Zimmer der Goreliks in ihrer „Kommunalka“, der Moskauer Gemeinschaftswohnung, bekam der NKWD-Henker, der im „Fall“ Emilija Jakowlewnas selbst ermittelt hatte. Zimmer an Zimmer mit dem Mörder ihrer Mutter wohnten dann jahrelang die Töchter Mirra und Lea.

„Das Abholung jener, die in Quarantäne müssen, wird als Verhaftung getarnt“

Das Erscheinen dieses Buches von Ulitzkaja verdankt ihre große Fangemeinde den jüngsten unerfreulichen Entwicklungen: Die Hysterie der russischen Massenmedien um die neue tödliche Corona-Seuche im vergangenen Frühjahr, die Bilder der Militärwagen voll mit Särgen und die Fotos der Massengräber erinnerten die Schriftstellerin während des Lockdowns an ihr altes Drehbuch. Die unverfilmte Geschichte passte zu den aktuellen Ereignissen. Und das Manuskript aus der Schublade erwachte zu neuem Leben. In der deutschen Übersetzung erhielt „Die Pest“ den neuen Titel „Eine Seuche in der Stadt“. In Zusammenarbeit mit der Autorin hat die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt den ursprünglichen Text an manchen Stellen etwas gekürzt und abgeändert.

Jedenfalls liest sich dieser Text heutzutage, mitten in weltweiten, eher misslungenen Quarantänen und Shutdowns, anders als zur Zeit seiner Entstehung. Westliche Leserinnen und Leser mögen den Eindruck bekommen, es gehe um die Vorteile einer totalitären Gesellschaft bei der Bekämpfung einer tödlichen Seuche und der Text sei ein ungewolltes Loblied auf den sowjetischen Geheimdienst, der die Pandemie vereitelte. Nur der NKWD konnte die Millionenmetropole Moskau damals von der Katastrophe retten. Aber eine solche „regimetreue“ Deutung hatte die Autorin bei der Arbeit am Drehbuch sicher nicht im Sinn.

Ljudmila Ulitzkaja schrieb eigentlich über eine ganz andere Seuche, von der es für die Stadt und für das ganze Land keine Rettung gab: die Angst. Die pure tierische Angst vor dem eigenen Staat ist die Hauptfigur dieses Buches. Nur ein Detail sagt alles über die Atmosphäre in der vom Schrecken triefenden Stadt: Die Abholung der Personen, die Kontakte mit dem Infizierten hatten und in Quarantäne mussten, wurde als Verhaftung getarnt. Auf solche Weise sollte sich eine wahre Erklärung des Verschwindens erübrigen und die Gefahr eines Panikausbruchs gebannt werden. Denn bei den Verwandten und Nachbarn der abgeholten Menschen entstanden so keine Fragen.

Das Drehbuch endet mit einer entlarvenden Pointe. Einer der Überlebenden kommt nach Hause und beruhigt seine Frau: „Dina, es war die Pest. Nur die Pest!“ Seine Frau fragt mit Erleichterung: „Nur die Pest?“ Das sarkastisch-makabre Happy End tut fast weh.

Der Roman „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja ist heute, fast ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung, höchst aktuell. Die Seuche der Angst ist in meinem Land wieder da. Die Bevölkerung Russlands will die Angst vor dem eigenen Staat endlich begraben. Doch die Diebe und Mörder an der Macht sehen ihre Überlebensstrategie darin, diese Angst durch Repressionen auferstehen zu lassen.

Eine Seuche in der Stadt. Von Ljudmila Ulitzkaja. Hanser, München, 2021.



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