Die Schneegefangenschaft

von Andrej Kurkow

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Pinguin -

Foto: Getty Images


Der Februar des Jahres 2021 schüttete über Woroniwka ein Meer von Schnee aus. Dieser Schnee bedeckte die niedrigen alten Bauernkaten bis unters Dach und die zweistöckigen, in den fernen Neunzigern für die Umsiedler aus Tschernobyl gebauten kleinen Häuser bis an den Balkon des Obergeschosses. Gleich auf den mehrtägigen Schneefall setzte Frost mit bis zu zwanzig Minusgraden ein und festigte das Meer aus Schnee, das sich an Woroniwkas Stelle ausgebreitet hatte. Mochten sie jetzt noch so viele Drohnen in den Himmel schicken, den Weg zum Dorf würden sie durch ihre Videokameras nicht erblicken! Da war ein reines weißes Blatt, nur an den Dächern der Häuser ließ sich die Lage der Straßen erahnen.

Solche Gedanken gingen Viktor durch den Kopf, der im Obergeschoss seines Tschernobyl-Häuschens saß. Er hatte es vor zwanzig Jahren von einem echten Umsiedler gekauft, als er beschlossen hatte, aus Kiew dorthin zu ziehen, wo es wenig Menschen und viel Luft gab, wo die städtische menschliche Anonymität nicht existierte, wo man alle vom Gesicht her kannte, auch wenn man ihre Namen nicht wusste, und wo man schnell verstand, was von welchem Menschen zu erwarten war und um wen man besser einen weiten Bogen machte.

Er saß am Fenster seines Schlafzimmers und sah hinunter auf den in der Sonne funkelnden Schnee. Bis zu diesem Schneefeld war es kaum mehr als ein Meter, wenn man sich aus dem Fenster lehnte und die Hände danach ausstreckte! Im Zimmer war es durch den Schnee außerordentlich hell geworden, er warf die Sonnenstrahlen gleichsam zurück und sie füllten vom Boden bis zur Decke den Raum. Die gelbe Steppdecke, die über der anderen, wärmeren aus Kamelhaar lag, wurde unter diesen Strahlen selbst zur rechteckigen Sonne.

Leicht beklommen bedachte er seine Lage: Brot hatte er keines, im Außenkeller lagen Kartoffeln

Viktor schien es sogar, als wäre es im Schlafzimmer wärmer geworden. Obwohl er die Gänsehaut am Arm unter dem Pullover spürte. Er hob den Blick zum Thermometer, das an zwei Gummisaugnäpfen an der Fensterscheibe hing. 14 Grad plus, wie gewöhnlich. Es war die Temperatur-Untergrenze, die Viktor klaglos aushalten konnte und die ihm half, beim Heizen zu sparen. Es erlaubte, die Anhäufung seiner Gasschulden zu bremsen. Seine Schulden waren noch nicht bedrohlich, aber im Dorf zählte man schon etwa zehn Häuser, denen man vollständig das Gas abgedreht hatte. Viktor hatte sich einmal mit einem Mann aus der Franko-Straße unterhalten, dem man sowohl Gas als auch Strom bereits abgeschaltet hatte. „Ich fürchte mich vor nichts mehr“, sagte der erstaunlich gelassen. „Vom Wasser schaltet mich keiner ab – ich habe einen Brunnen! Und Streichhölzer sind immer billig, ich habe meinen Ofen repariert. Bin ins neunzehnte Jahrhundert zurückgekehrt und lebe in aller Ruhe!“
"Hätte ich nur seine Gelassenheit!", hatte Viktor damals neidvoll gedacht. Aber der Neid war schnell abgeklungen, als ihm einfiel, dass er weder einen Brunnen noch einen Ofen hatte und man in seinem Haus ohne Strom und Gas im Winter nicht überlebte!
Ihm war nach einem heißen Tee, und er stieg die Holztreppe in die Dunkelheit des Erdgeschosses hinunter. Er knipste das Licht an und hatte sofort die Empfindung von spätem Abend oder Nacht. Und Kälte!

Als er den Teekessel aufgesetzt hatte, trat er ans Fenster, vor dem eine Wand aus Schnee stand. Zwischen Schnee und Scheibe hingen zarte, erlesene Eisblumen.
Die Neugier trieb Viktor dazu, den Schlüssel im Schloss zu drehen und gegen die Haustür zu drücken. Sie rührte sich nicht vom Fleck.
Leicht beklommen bedachte er seine Lage: Brot hatte er keines, andere Lebensmittel nur wenige. Im Außenkeller lagen Kartoffeln, aber da kam er nicht hin! Spaghetti gab es allerdings, Konservendosen, Erbsen und Reis!

Er beruhigte sich ein wenig, als ihm klar wurde, dass der Laden jetzt genauso eingeschneit war wie sein Haus, wie das ganze Dorf.
Mit einer Tasse Tee stieg er hoch ins Obergeschoss, in sein Schlafzimmer, und setzte sich an das Tischchen am Fenster. Der Heizkörper daneben war warm. Der Heizkessel arbeitete. Wenn auch am Minimum, aber er wärmte.
Er rief den Nachbarn an. Der hatte ein einstöckiges Haus, er war viel schlechter dran!
„Wie geht’s?“, fragte er.
„Ach, schlimm!“, klagte der Nachbar heiser. „Durch die Lüftungsklappe habe ich ein Loch zum Himmel durchgestoßen, in einem Zimmer ist es jetzt ein bisschen heller.“
„Werden sie denn die Straßen räumen?“, erkundigte sich Viktor.
„Sind schon dabei. Von der großen Straße her ist ein Bulldozer am Werk. Aber da hat er ja noch drei Kilometer bis zum Dorf!“
Viktor seufzte. „Bei dir alles in Ordnung?“, fragte er seinen Nachbarn.
„Wieso nicht“, antwortete der. „Der Fernseher geht, zwar mit Unterbrechungen, aber er tut’s. Essen habe ich, Getränke stehen auch da. Ich muss nirgends hin!“
„Na, ruf an, wenn etwas ist!“, sagte Viktor ihm zum Abschied und gleich darauf kam ihm der Satz sinnlos vor. Was würde er denn tun, wenn bei dem Nachbarn etwas wäre? Anfangen, einen Tunnel zu graben?

Er legte das Handy auf den Tisch, begann zu überlegen, wie er die Tür nach draußen aufbekommen konnte. Während er dem Dampf über der Teetasse hinterhersah, lächelte er auf einmal. Seine Stimmung hatte sich gehoben. „Wir kommen hier raus!“, flüsterte er sich entschieden zu.
Er trank den Tee aus und stieg hinunter. Mit der Schulter stieß er minutenlang immer wieder gegen die Tür und irgendwann gab sie ein wenig nach. Er schob seine Finger durch den Spalt und fühlte den harten, kalten Schnee. In der Küche stellte er die Bliny-Pfanne auf den Herd, zündete die Flamme an und wartete, bis die Pfanne heiß war, dann packte er sie schnell am Griff, eilte mit ihr zum Ausgang und schob sie durch den Spalt. Der Schnee zischte. Viktor fuhr mit der heißen Pfanne auf und ab und lauschte, wie der Schnee unter der Berührung zu tauen begann. Als der Schnee zu zischen aufhörte, lief er mit der jetzt kalten Pfanne zurück in die Küche und stellte sie wieder aufs Gas.
Nach einer Stunde war er müde. Aber nicht ohne Grund! Jetzt ging die Tür schon bis zum Ellenbogen auf. Zwar ging sie bisher ins Nichts, in den Schnee. Aber dafür hatte er, Viktor, bis der Bulldozer ihre Straße erreichte, vielleicht schon einen Tunnel bis zur Gartenpforte gegraben.

Vom Hin- und Herlaufen mit der heißen Pfanne erschöpft, erkannte Viktor plötzlich, dass es lächerlich und ineffizient war, den Schnee auf diese Art zu bekämpfen.
Es kam ihm eine andere Idee. Er griff zum Zinkeimer, schöpfte mit ihm Schnee hinter der geöffneten Tür, kippte ihn in die Badewanne und lief zurück zum Ausgang. Nach einer Viertelstunde war die Badewanne voller Schnee und der Platz vor der Tür fast befreit. Den Schnee in der Wanne stampfte er mit dem Eimerboden fest, jetzt konnte noch mehr dazu!

Und plötzlich stieß er auf etwas Schwarzes. Er schob die Hand weiter vor und spürte Fell, kalt und stachelig


Er schaltete das Licht im Flur ein, um den Ort seines Kampfes mit den Elementen besser zu beleuchten. Da fiel ihm die oberste Schneeschicht vor die Füße und er erblickte den Himmel, schon weniger leuchtend blau, frühabendlich. Viktor räumte den herabgefallenen Schnee fort und begann mit dem Eimer den Tunnel zum Gartentor zu graben. Vielleicht einen halben Meter weit war er gekommen, als ihm kalt und elend wurde und er sich vollkommen entkräftet fühlte.
Er kehrte ins Haus zurück. In langen Unterhosen und warmem T-Shirt kroch er unter seine zwei Decken, begann die Wärme seines Körpers unter ihnen anzusammeln und schlief ein.

Im Traum gab es denselben Schnee und denselben Kampf mit ihm. Und er grub weiter seinen Tunnel zum Gartentor und kippte eimerweise Schnee in die Badewanne. Nur war es auf einmal erstaunlich warm. Viktor lächelte im Schlaf. Jetzt war ihm sogar in dem Tunnel, den er zwei Meter Richtung Gartentor vorangetrieben hatte, überhaupt nicht kalt.

Und plötzlich stieß er auf etwas Schwarzes. Er nahm den Eimer fort, grub mit der Hand weiter und erblickte eine Art Gänse- oder Entenfuß, nur schwarz. Er schob die Hand weiter vor und spürte Fell, kalt und stachelig.

Vielleicht hatte ein Hund vor dem Schneefall irgendjemandes Gans in seinen Hof geschleppt? Er fuhr mit beiden Händen um den kalten kleinen Körper herum und zog ihn dann zu sich her. Und er zog keine Gans und keine Ente aus dem Schnee. Er zog einen Pinguin heraus, der ihn furchtbar an den Pinguin Mischa erinnerte, von dem er vor einer ganzen Ewigkeit Abschied genommen hatte.

„Himmel!“, dachte er erschrocken. „Wie kann das sein?“ In seiner Erinnerung tauchten alte Fernsehnachrichten auf, wie eine Katze in Japan, bei einem Autounfall von ihren Herrchen getrennt, hundert Kilometer bis zu deren Haus gelaufen war, wie in Brasilien ein gestohlener und in eine andere Stadt gebrachter Hund seinen Räubern weglief und den Weg nach Hause fand!
„Mischa konnte doch nicht wissen, dass ich hierhergezogen bin! Ich träume bloß!“, blitzte in seinem Kopf ein nüchterner Gedanke auf. Aber Viktor vertrieb ihn.

Er brachte den kalten Pinguin ins Haus, rieb ihn im Bad lange mit einem Handtuch ab, dann wickelte er ihn in ein anderes trockenes Handtuch und trug ihn ins Wohnzimmer, wo er ihn aufs Sofa legte. Er deckte ihn mit einem Überwurf zu, holte aus dem Schlafzimmer die Kamelhaardecke. Dann machte er Wasser heiß und füllte die Wärmflasche, die er oft mit ins Bett nahm. Er legte sie auf den Überwurf, jedoch unter die Kamelhaardecke, damit sie wärmte, aber nicht verbrannte. Ihm schien, als würde der Pinguin husten. Er fuhr mit der Hand unter die Decke und berührte seine Füße – sie waren eisig. Dann schob er die Hand weiter hinauf. Er strich über die Pinguinbrust und spürte die deutliche Linie einer Narbe!
„Wahrhaftig Mischa!“, dachte er und erinnerte sich daran, wie man Mischa das Herz eines bei einem Autounfall gestorbenen Kindes eingesetzt hatte. Er lächelte und fühlte sich wieder jung, fühlte sich glücklich.
Er wälzte sich im Schlaf auf die andere Seite. „Also ist er hierhergelaufen, zu mir!“, dachte er dabei. „Von weit her, deshalb hat es so lang gedauert!“

Am Morgen stieg er ins Wohnzimmer hinunter und sah zum Sofa. Mischa war nicht da. Er war in seinem Traum und seinen Gedanken geblieben.
Nachdem er gefrühstückt hatte nahm er den Eimer und grub weiter seinen Tunnel zum Tor. Als er ihn einen Meter vorangetrieben hatte, hörte er auf einmal einen kläglichen Laut. Er begann den Schnee mit den Händen wegzugraben. War der Traum etwa prophetisch gewesen, war dort wahrhaftig Mischa? Da brach die dünne Schneewand vor ihm ein und er erblickte eine kleine, wie in den Schnee gegrabene Höhle vor sich. Und in der Höhle den zerkratzten, um die Nase blutverkrusteten Nachbarskater, zitternd und klägliche Zischlaute ausstoßend.

Zum Abendessen öffnete Viktor eine Dose Sprotten. Die Hälfte legte er für den Kater in eine kleine Schale

Eilig trug er ihn ins Haus. Und seine Gesten wiederholten aufs Haar, was im Traum vor sich gegangen war. Er rieb den Kater im Bad mit dem Handtuch ab, dann wickelte er ihn ein und brachte ihn zum Sofa, deckte ihn mit Überwurf und Kamelhaardecke zu, füllte heißes Wasser in die Wärmflasche und schob sie auf den Überwurf unter die Kamelhaardecke – damit sie wärmte, aber nicht verbrannte. Er zog einen Stuhl zum Sofa und setzte sich daneben wie im Krankenhaus ans Bett des Kranken.
„Was ist dir da bloß eingefallen?“, fragte er.
Der Kater zischte nicht mehr, er lag regungslos da, aber atmete heftig.
„Na, wärm dich ordentlich auf!“

Viktor stieg hoch in sein Schlafzimmer. Er griff nach dem Handy und wählte den Nachbarn an.
„Hallo! Wie geht es Mursik?“, fragte er sarkastisch.
„Na, normal! Liegt schon den dritten Tag unter der Heizung und schläft! Ich hab ihn heute noch gar nicht gesehen! Ist vollkommen faul geworden!“
„Dann schau mal nach!“
„Mach ich, warte!“ Es war zu hören, wie der Nachbar in Pantoffeln über den Boden schlurfte. „Oh! Da ist er nicht! Vielleicht ist er hinter den Herd gekrochen?“
„Ich habe ihn bei mir aus dem Schnee gegraben!“, teilte Viktor dem Nachbarn mit.
„Was sagst du da! Erfroren?“ Aus der Stimme des Nachbarn klang Verzweiflung.
„Nein, lebendig! Ich wärme ihn gerade wieder auf.“
„Wie ist das bloß passiert?“
„Vielleicht haben ihn vor dem Schneefall die Hunde gejagt oder er hatte Ärger mit anderen Katern. Seine Nase ist blutig. Vielleicht hatte er keine Kraft mehr, vor dem Schnee wegzulaufen!“
„Gott sei Dank, wenigstens lebt er! Hast du was, womit du ihn füttern kannst?“
„Was frisst er denn?“
„Das bringt immer mein Sohn, verschiedene Beutel mit Pürees für Katzen, wie die heißen, weiß ich nicht!“
„Woher soll ich Katzenfutter haben?“, fragte Viktor verwundert. „Ich habe vielleicht ein paar Dosen Sprotten, verschiedene Körner …“
„Sprotten mag er. Schreib auf, wie viel er wovon frisst, ich bezahl es dir!“
„Ja, sicher, ich werde den Preis der Dosen durch die Anzahl der Sprotten teilen!“, brummte Viktor. „Keine Angst, er wird hier nicht verhungern.“
Zum Abendessen öffnete Viktor eine Dose Sprotten. Die Hälfte legte er für den Kater in eine kleine Schale, seine eigene Hälfte aß er direkt aus der Dose. Am Tisch im Wohnzimmer, mit Blick auf Mursik, der sich unter den Decken aufwärmte.
„Ja, du hast keinen schlechten Geschmack!“, sagte er zu dem Kater, als er seine letzte Sprotte zu Ende gekaut hatte. „Wenn du essen willst, dann maunze!“
Ein paar Minuten später begann Mursik sich von einer Seite auf die andere zu wälzen und zu maunzen.
Viktor lächelte. Im selben Augenblick war von irgendwo oben Lärm zu hören.
„Der Bulldozer!“, freute sich Viktor im Vorgefühl seiner baldigen Befreiung.
Er blickte auf den Kater und sah an seiner Stelle einen Augenblick lang den Pinguin Mischa. Mursik war ja ebenfalls schwarz-weiß wie ein alter Fernseher, wie ein Pinguin. Und auch er mochte Fisch.
„So, es ist angerichtet!“ Viktor beugte sich über den Kater. „Stehst du auf oder soll ich dich mit dem Löffel füttern wie einen Kranken?“
Mursik schien zu verstehen, was man ihm sagte. Er maunzte und versuchte, sich aus seinen Decken zu befreien.

Aus dem Russischen von Sabine Grebing



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