Grand Tour

von Jess Smee

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)


Das Leben, in dem wir uns in ferne Städte verirren, legt gerade eine Zwangspause ein. Doch zum Glück gibt es Bücher gegen das Fernweh. Seit jeher ist das Reisen eine Möglichkeit, unsere Sinne wachzurütteln. Nicht umsonst nannte Goethe seine Italienreise eine „Schule des Sehens“. Vom hellwachen Blick des Reisenden lebt auch das neue Buch des Historiker-Altstars Norman Davies. Sein Wälzer „Ins Unbekannte“ ist voller Situationen, in denen er einen Weitwinkelblick auf die Welt wirft. Schon der Untertitel spannt einen denkbar weiten Bogen: „Eine Weltreise in die Geschichte“. Die Erkundungsreise, die eher mäandert, als geradlinig verläuft, ist die Grand Tour eines Geschichtswissenschaftlers, der sich von Neugier und Forscherdrang leiten lässt – und im Nachwort das eigene Vorgehen erläutert: "Der Streckenverlauf wurde von keinem anderen Prinzip bestimmt als dem, dass ich mich jedes Mal in Richtung Sonnenaufgang bewegen wollte."

Der international renommierte Davies bezeichnet sich selbst in aller Bescheidenheit als „abgebrühten Historiker“. Seine Publikationsliste ist lang und umfasst Bestseller über die Geschichte Europas, wie etwa „Verschwundene Reiche“ (2013). Diesmal lässt er sich entspannt in einen Flugzeugsitz sinken und folgt seiner Wissbegier rund um den Globus.

Dabei erweist er sich als sympathischer Fremdenführer und erinnert bisweilen an einen Freund, der vor Anekdoten sprudelt. Aus der Ich-Perspektive notiert er kleine Beobachtungen wie die Aufschrift „Kühlschrank für Leichen“ auf einem Lieferwagen, der in Delhi an ihm vorbeibraust, oder den T-Shirt-Slogan „Singapore: A fine city“, um anschließend die vierstelligen Bußgelder („fines“) aufzuzählen, die man in Singapur riskiert, wenn man Vögel füttert oder Blumen pflückt.

Der Autor berichtet von den Zeiten, als die Seerouten unversehens zum maßgeblichen Faktor avancierten

Bei alldem lässt uns Davies als Mitreisende an seinen historischen Einsichten teilhaben, wenn er mit Faktenwissen geschichtliche Abläufe schildert. Davies’  ganz eigene „Schule des Sehens“ begnügt sich nicht mit der Gegenwart der bereisten Orte, sondern arbeitet sich in die Vergangenheit vor: „Das Reisen hat es mir ermöglicht, einmal ganz frei und ungezwungen über den Gegenstand nachzudenken, mit dessen Erforschung ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe: die Geschichte.“

Beginnen lässt Davies seine weltumspannende Abenteuerreise fast vor der eigenen Haustür. Im ersten Kapitel geht es um den Südwestzipfel seiner englischen Heimat – um Cornwall und seinen uralten Wunsch nach Unabhängigkeit. Wie an vielen anderen Stellen im Buch rüttelt der Autor hier an unseren vorgefertigten Meinungen. Er macht uns bewusst, wie anders die Dinge sich darstellen, wenn man statt eines modernen Atlas eine Seekarte zur Hand nimmt, und berichtet von den Zeiten, als die Seerouten unversehens zum maßgeblichen Faktor avancierten. Binnen kurzer Zeit wandelte sich Cornwall (das man damals „Kerno“ nannte) vom entlegenen Winkel des Königreichs zur Drehscheibe zwischen Wales, Irland, der Bretagne und dem fernen Galicien. Dies wird zum Ausgangspunkt für einen der Erzählstränge dieses Buches, das geografisch immer wieder große Sprünge macht: „Die Frühgeschichte von Kerno/Cornwall liefert ein hervorragendes Beispiel für die anhaltenden Probleme, mit denen sich indigene Völker auf der ganzen Welt in ihrem Kampf gegen raffgierige Eroberer, Eindringlinge und Ausbeuter konfrontiert sehen.“

Davies nimmt den Leser mit nach Dubai, Delhi, Kuala Lumpur, Mauritius, Neuseeland, Tahiti, Texas oder New York. In dem Kapitel FRA befasst er sich mit dem Frankfurter Flughafen. Er macht sich Gedanken über das Fliegen im Allgemeinen und über Reisen, die unter einem unguten Stern stehen, im Besonderen. Die deutsche Übersetzung kommt zu einem schmerzlich passenden Zeitpunkt auf den Markt: Sie katapultiert den Leser zurück in eine Welt, in der Mobilität eine Selbstverständlichkeit war. In Davies’ Buch herrscht auf den Straßen und in den Restaurants Hochbetrieb, die Auditorien sind prall gefüllt.

Trotz der Verengung, die das Leben in der akademischen Blase mit sich bringt, ist Davies ein demütiger und reflektierter Erzähler

Als Leserinnen und Leser reisen wir an der Seite eines langgedienten Gelehrten von internationalem Ruf, der immer einen Stoß Vortragsnotizen im Gepäck hat, und begleiten ihn zu Talkshows, Uni-Vorlesungen und Podiumsdiskussionen in aller Welt. Dieser Lebenswandel bringt es mit sich, dass Davies sich abgeschirmt in einer Sphäre von Wissenschaftlern und Botschaftspersonal bewegt, das ihm auch einmal zur Hilfe eilt, wenn er es am Flughafen mit einem sturen Bürokraten zu tun bekommt, weil das Datum auf dem Visum nicht stimmt. Somit sind wir hier vom Reisetagebuch eines Rucksacktouristen ebenso weit entfernt wie von den ärmeren Menschen in den Ländern, die der Autor bereist. Doch trotz der Verengung, die das Leben in der akademischen Blase mit sich bringt, ist Davies ein demütiger und reflektierter Erzähler, der seinen Sonderstatus freimütig einräumt, die Entstehungsgeschichte des Kastenwesens bis zu den Ursprüngen zurückverfolgt und ein ganzes Kapitel seines Buches dem Imperialismus widmet.

Dass seine Reisen auch seine eigenen Denkgewohnheiten zurechtgerückt haben, gibt Davies ebenfalls offen zu – etwa wenn er im Fernen Osten feststellt, dass für die dort lebenden Menschen der ferne Osten eher in Mexiko oder Kalifornien zu finden ist und sich seine Denkweise als „peinlich engstirnig“ erweist. „Ortskonzepte sind aus dem ganz einfachen Grund mobil, dass die Erde selbst rund und mobil ist.“

Davies’ Prägung durch die britische Geschichte schwingt immer wieder mit. Das Schlusswort überlässt Davies indes dem indischen Politiker Shashi Tharoor: „Kein Wunder, dass über dem Empire die Sonne niemals unterging – den Engländern wollte selbst Gott nicht im Dunkeln begegnen.“

Ins Unbekannte. Eine Weltreise in die Geschichte. Von Norman Davies.wbg Theiss, Darmstadt, 2020.
Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

 



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