Wie man sich wehrt

von Jaime H. Díaz

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Die Einigung auf einen Friedensvertrag in Kolumbien im Juni dieses Jahres war ein historischer Moment. Mehr als fünfzig Jahre lang hatten Guerillagruppen  wie die FARC und der Staat gegeneinander gekämpft. In dieser Zeit ist eine Kultur der Gewalt entstanden, die bis heute andauert. Diese drückt sich nicht nur in einer hohen Mordrate aus, sondern auch in Aggressionen im Alltag und im Familienleben. Durch den Friedensvertrag und die Demobilisierung der Guerilla wird jedoch ein anderes Problem verstärkt: Land- und Umweltkonflikte durch den Bergbau.

Die Regierung will den Rohstoffabbau zur Haupteinnahmequelle Kolumbiens machen. Würden alle Bergbauprojekte in Angriff genommen, würde das Land zerstört werden. Denn insbesondere beim Tagebau wird keine Rücksicht auf die Natur genommen. Die Regierung hat zum Beispiel zugelassen, dass der Río Ranchería umgeleitet wurde, weil in seinem Bett Kohle liegt. In einige Gebiete konnten die Bergbauunternehmen bislang nicht vordringen, weil dort die Guerilla operierte. Doch auch diese hat teilweise illegalen Bergbau betrieben – ein fast größeres Geschäft als der Drogenhandel. Beim illegalen Abbau wird überhaupt nicht auf die Einhaltung von Umweltvorgaben geachtet.

In den Gebieten, in denen sich Gold-, Nickel- und Steinkohlevorkommen befinden, leben indigene Völker und Afrokolumbianer, die in Kolumbien noch immer stark diskriminiert werden. Die „indígenas“ fühlen sich ihrem Land, der „Madre Tierra“ („Mutter Erde“) besonders verbunden. Sie haben einen starken Gemeinsinn und verteidigen ihr Land vehement gegen Eingriffe von außen. Dasselbe gilt für die Afrokolumbianer. 1991 wurde ihnen an der Pazifikküste kollektiver Grundbesitz zugesprochen, der nicht veräußert werden darf. Die Rohstofflagerstätten finden sich aber auch in Gemeinden, in denen weiße oder mestizische Bauern leben. Sie sind individualistischer,  geben ihre Dörfer schneller auf und ziehen in die Großstädte.

Laut Gesetz müssen Bewohner informiert und befragt werden, bevor in ihren Territorien Rohstoffe abgebaut werden dürfen. Doch oft starten die Bergbaukonzerne im Vorfeld regelrechte Desinformationskampagnen und versuchen die Gemeinschaften zu spalten: indem sie ihnen zum Beispiel eine Schule errichten, was eigentlich Aufgabe des Staates wäre, als Ausgleich für die zu erwartenden Umweltschäden. Ich leite eine NGO, die Mitgliedern dieser Gemeinden theoretische und praktische  Werkzeuge an die Hand gibt, damit sie ihr Land verteidigen können. Zum Beispiel zeigen wir ihnen, wie sie ihr Territorium kartografieren können, um zu erfahren, wo sich Menschen, Wasservorkommen, Pflanzen oder Rohstoffe befinden.

Auch bringen wir die Menschen aus verschiedenen betroffenen Dörfern zu gemeinsamen Workshops zusammen, damit sie ihre Erfahrungen austauschen können, zum Beispiel die Einwohner des Departamento de Huila, in dem ein Staudamm gebaut wurde, mit Menschen, die sich gegen den Bau weiterer Stauwerke in ihren Gemeinden wehren. Unser letzter Workshop fand in Pasto im Süden des Landes statt – mit einer indigenen Gemeinschaft, die ihr Land wiederbekommen hat, es nun wieder bepflanzt und versucht, die Umwelt zu bewahren. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind bereits Anführer ihrer Gemeinschaften. Sie sind gut organisiert. Was sie aber brauchen, ist juristische Begleitung. Wir stellen ihnen Anwälte, informieren sie über ihre Rechte und zeigen ihnen, auf welche Gesetze sie sich zu ihrem Schutz berufen können. Die Anführer sind zwar Individuen, aber sie handeln nicht allein.

Sie sind kollektive Anführer. Das ist wichtig, sowohl in den Schulungen als auch in der Arbeit vor Ort. Denn wer als Anführer in der Öffentlichkeit steht, kann leichter angegriffen und getötet werden. Deswegen vermitteln wir den Anführern, dass sie den Bergbaufirmen nicht allein die Stirn bieten, sondern zusammen mit der ganzen Gemeinschaft auftreten sollen. Das ist eine notwendige Strategie, denn es gibt auch in den Gemeinden die Versuchung, in den Anführern eine Art Erlöser zu sehen, was diese noch verwundbarer macht. Die Aktionen für die Rechte der Menschen in Bergbaugebieten müssen im Kollektiv stattfinden und durch Pressearbeit, E-Mail-Kampagnen und Petitionen an die Nationalregierung unterstützt werden.

Protokolliert von Timo Berger und Christina Focken



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