Das Versprechen

von Abraham Haile

Neuland (Ausgabe II/2016)


"Weiter, weiter, weiter!“, stets hallen diese Worte mir nach. Ohne sie hätte ich kein Abitur gemacht, ohne sie hätte ich in einem Land fernab meiner Heimat nicht Fuß gefasst, ohne sie hätte ich keine Schule in einem der ärmsten Länder der Welt gebaut.

Es sind die Worte meiner Mutter an mich, Abraham Haile, das Glückskind der Familie. Per Losverfahren hatte sich damals mein Schicksal gewendet: Ich war  vom Rat meines Dorfes dazu auserkoren worden, eine Schule zu besuchen. Das war keine Selbstverständlichkeit in dem kleinen eritreischen Ort Adi Belsey, in dem ich aufwuchs. Nur einer Handvoll Kinder wurde dieses Privileg zuteil.

Von heute auf morgen musste ich nicht mehr auf dem Feld helfen, sondern Bücher wälzen. Zwölf Kilometer lang war mein Schulweg. Erst ging ich ihn widerwillig, weil ich nicht wusste, welchen Sinn es haben mochte, zweieinhalb Stunden durch unwegsames Gelände zu marschieren. Doch spätestens als ich meiner Familie abends Geschichten erzählen und meinen Geschwistern vorlesen konnte, hatte ich es verstanden: Das Lernen veränderte mich.

So kam ich auf eine weiterführende Schule im 170 Kilometer entfernten Mendefera. Es war nicht einfach, als Jugendlicher in einer so großen, fremden Stadt zurechtzukommen. Aber meine Mutter sagte stets, ich müsse nur weitermachen. Ich lernte Mathematik, ich lernte Englisch und ich lernte Geschichte – auch die meines Landes. Ich erfuhr von der italienischen Kolonisierung, der späteren britischen Militärverwaltung, der Annexion durch Äthiopien.

Das machte mich wütend. Ich wollte nicht tatenlos mit ansehen, wie mein Land von Fremden beansprucht wurde. Nach dem Abitur schloss ich mich Mitte der 1970er-Jahre den Freiheitskämpfern an, die im Eritreischen Unabhängigkeitskrieg gegen die äthiopischen Besatzer aufbegehrten. Neun Jahre lang kämpfte ich und wurde mehrmals verletzt. Am Ende stand ich vor der Entscheidung, in meinem Land zu bleiben und vermutlich getötet zu werden oder zu fliehen.

Ich entschied mich für die Flucht. Im Sudan fand ich einen Schlepper, der mir für viel Geld falsche Papiere und ein Flugticket nach Frankfurt besorgte. Ich wollte nach England oder Kanada weiterziehen, immerhin würde ich mich dort verständigen können. Doch die Polizei sah das anders. Man behielt mich in Deutschland. Ich steckte fest in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach. Sechs Monate später wurde ich als politisch Verfolgter anerkannt. Spätestens als man im Krankenhaus meine Schussverletzungen entdeckt hatte, zweifelte niemand mehr daran.

Das war 1984. Deutschland war jetzt mein Zuhause, ob ich wollte oder nicht. Eines Tages sah ich eine Berufsschule, ging hinein und fragte, ob ich dort etwas lernen könne. Man drückte mir einen Test in die Hand, und ich bestand ihn auf Anhieb. Ich machte eine Ausbildung zum Elektroinstallateur, traf eine Frau, gründete eine Familie.

Eritrea blieb in meinem Kopf. Immer wieder musste ich an ein Versprechen denken, das ich meinen Eltern vor meiner Flucht gegeben hatte: „Wenn ich in Europa überlebe, werde ich in Adi Belsey eine Schule bauen.“ Es vergingen Jahre, bis ich meinen Freunden in Deutschland davon erzählte. Ihre Reaktion war überwältigend. Mein Traum wurde zu unserem. 1998 gründeten wir den Verein „Grundschule Adi Belsey in Eritrea e.?V.“. Anfangs sollte es eine ganz kleine Schule werden, als dann aber immer mehr Spenden kamen, wurde daraus ein großes Schulgebäude. Die Umsetzung dauerte zehn Jahre, die eritreische Regierung musste das Projekt erst bewilligen.

Heute gehen in Adi Belsey 250 Kinder zur Schule. Sie kommen nicht nur aus meinem Heimatdorf, sondern auch aus acht weiteren Nachbardörfern. Wir haben eine Zisterne gebaut, damit die Kinder auf ihrem Heimweg, der oft länger als zwölf Kilometer ist, etwas zu trinken haben. Wir haben Solaranlagen gebaut, damit abends auch die Eltern unterrichtet werden können.

Alle zwei Jahre komme ich zurück. Ich schaue mich in meinem Heimatdorf um und sehe Fortschritt. Ich weiß, dass Bildung die Menschen in Adi Belsey voranbringen wird, so wie mich – immer weiter, weiter und weiter.

Protokolliert von Ruth Beck und Kai Schnier



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