Morgendlicher Appell und Nationalhymne

von Jan Weber

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Abu Dhabi ist eines der sieben Emirate am Persischen Golf und gleichzeitig die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Hier hat die German International School, die 1976 gegründet wurde, ihren Sitz. In die Schule ist ein Kindergarten integriert, der 2005 erstmalig auch emiratische Kinder aufnahm. Einige dieser Kinder zählen zu den Schülerinnen und Schülern, die zum ersten deutsch-emiratischen Schüleraustausch in Deutschland eingeladen waren.

Der wechselseitige Besuch der 18 Jugendlichen entstand in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft, die Freundschaft, Verständnis und Vertrauen zwischen Deutschland und arabischen Staaten schaffen will. Ein Schüleraustausch, der genug Raum und Zeit für einen interkulturellen Dialog schafft, ist die praktische Umsetzung dieser Philosophie. Außerdem soll den emiratischen Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit geboten werden, in Deutschland Freundinnen und Freunde zu finden.

Die zwei Wochen im April 2014 in Abu ­Dhabi und die zwei Wochen im August in Deutschland haben wechselseitiges Interesse und Verständnis für die unterschiedlichen Denk- und Lebensweisen gefördert. Im Von- und Miteinander-Lernen sollten Vertrauen und Respekt entstehen. „Es ist ein voller Erfolg und es hat wirklich super funktioniert. Die Schülerinnen und Schüler sind total begeistert“, sagt Gerald Miebs, der ehemalige Schulleiter der German International School in Abu Dhabi, der das Projekt betreut und in den nächsten Jahren fortsetzen möchte.

Die Erfahrungen der Austauschschüler definierten sich vor allem im Ausmachen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. „Das Erste, was ich gemerkt habe, war: groß, heiß, anders“, beschreibt die 16-jährige Lucie, die zwei Wochen lang Wald gegen Wüste eintauschte, ihre Erfahrungen in den Vereinigten ­Arabischen Emiraten. Auf der anderen Seite stellte sie fest, dass das Leben einer Abiturientin in der Rub al-Chali gar nicht so anders ist: „Man steht morgens auf, frühstückt, dann geht man in die Schule, nach der Schule kommt man zurück, isst etwas und macht anschließend was mit der Familie.“ In der Schule selbst gehe es dann aber doch ein wenig anders zu als in der Heimat. Der morgendliche Appell, bei dem sich die komplette Schule jeden Morgen vor dem Unterricht auf dem Schulhof versammelt und die Nationalhymne hört, wäre in Deutschland wohl schwer vorstellbar. Was die Teenagerin wirklich beeindruckte, war, dass die Menschen trotz Bauboom und Größenwahn „im Privaten versuchen, ihre Kultur zu bewahren“.

Aber die jungen deutschen Gäste sind nicht nur zur Schule gegangen – zu ihren Erlebnissen gehörten etwa ein zweitägiger Trip durch die Wüste sowie der Besuch des Yas-Wasserparks und der Scheich-Zayid-Moschee.
In Deutschland hingegen standen ein Besuch im Bundestag, im Roten Haus, im Berliner Olympiastadion sowie die Besichtigung des Schlosses Sanssouci auf dem Programm. Nun war es an den arabischen Schülern, die kulturellen Unterschiede zu benennen: Die Architektur, aber auch der Lärmpegel waren es, die einer Schülerin aus Abu Dhabi auffielen. Berlin schien irgendwie lauter und rasanter zu sein. Das erklärte ihre deutsche Gastschwester mit dem quirligen Leben in Berlin, das sich hauptsächlich auf der Straße abspielt. Anders ist das in Abu Dhabi. Wegen der großen Hitze, tagsüber sind es bis vierzig Grad, halten sich die Menschen wenn möglich in geschlossenen und klimatisierten Räumen auf. Das Leben findet nicht draußen, sondern drinnen statt.

Aber auch das Farbspektrum des Alltags, das uns so „normal“ erscheint, verwunderte die Schülerinnen und Schüler: „Ich habe noch nie so viel Grün in meinem ganzen Leben gesehen. Nur im Fernsehen“, stellten Ahmed und Hamad fest. Ein weiterer wesentlicher Unterschied für sie war, dass man in Abu Dhabi „normalerweise mit dem Auto in die Schule fährt und nicht mit dem Bus oder zu Fuß geht“, wie es in Deutschland üblich ist.

Sowohl auf emiratischer als auch auf deutscher Seite wurde nicht nur Interesse an den jeweiligen Ländern geweckt, sondern vor allem verstärkt. Viele der emiratischen Schülerinnen und Schüler können sich nun beispielsweise vorstellen, ihr Studium in Deutschland zu absolvieren. Auch die emiratischen Familien begrüßten den kulturellen und sprachlichen Austausch – und vor allem den neuen Familienzuwachs. Der erste deutsch-arabische Schüleraustausch dieser Art zeigte den Teilnehmern: Das Leben ist eben nicht immer nur schwarz oder weiß, sondern viel eher gelb oder grün, das ganze Spektrum.



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