Macht Kultur automatisch emphatisch?

von Eckart Liebau

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Wenn man den Versprechungen ihrer Akteure glauben dürfte, wäre die Kulturelle Bildung die große Heilsbringerin in der Kultur- und Bildungslandschaft. Alles ist immer gut, immer ist der ganze Mensch beteiligt, alles ist mit wunderbaren allgemeinen Wirkungen verbunden, immer wieder wird Neues erfunden, jeder ist ein Künstler und die entscheidende Frage ist die nach Eigenwert oder Mehrwert. Solche Behauptungen werden gern zur Begründung der Notwendigkeit und der finanziellen Förderung von kulturellen Bildungs-angeboten und Projekten herangezogen, ganz egal, ob sie wissenschaftlich belegt sind oder nicht.

Dabei zeigt sich ein gemeinsames Grundmuster: Kulturelle Bildung wird als wertvoll erachtet, weil sie Ziele und Zwecke zu erreichen verspricht, die über sie hinausweisen. Immer öfter werden dabei die sozialen Effekte von Kunst- und Kulturprojekten beschworen – sie machen quasi jeden automatisch kommunikationsfähig, empathisch, kreativ und leistungsfähig. Aber das sind in Wirklichkeit eher unsichere Nebenwirkungen. Es spricht viel dafür, dass auch in der Kulturellen Bildung insbesondere domänenspezifische Kompetenzen gefördert werden: Im Chor lernt man Chorsingen, im Theater Theaterspielen, beim Malen Malen.

Solche Aktivitäten kann man aus kultureller, politischer, pädagogischer Perspektive gut begründen. Dass stattdessen so häufig mit den Nebenwirkungen argumentiert wird, ist das Ergebnis von Antragspolitik und damit von politisch-strategischen Orientierungen. Gleichzeitig ist es aber auch ein Zeichen mangelnden Selbstvertrauens und mangelnden Mutes im Feld. Der Sache selbst wird nicht genügend Überzeugungskraft zugetraut. So kommen die legitimatorischen Mythen in die Welt, die der Rat für Kulturelle Bildung in seiner ersten Denkschrift „Alles immer gut. Mythen Kultureller Bildung“ identifiziert und kritisiert hat.

Neben Versprechungen zu individuellen, ökonomischen, gesellschaftlich-politischen und institutionellen Effekten werden die angestrebten Ziele und Zwecke gerne auch aus sozial-interaktiven Wirkungsfeldern entnommen. In diesem Zusammenhang wird häufig die integrative Wirkung Kultureller Bildung hervorgehoben: Dass sie den sozial Benachteiligten helfe, dass sie inklusiv und wesentlich partizipativ sei und dass sie Menschen verbinde, sind verbreitete Thesen, die in zahllosen Positionspapieren behauptet werden.

Hierbei handelt es sich allerdings ebenfalls um kaum belegte Behauptungen, die empirisch auf wackeligen Beinen stehen und nicht selten schlichtweg falsch sind. Vielmehr verstellen derartige Begründungen, die die Relevanz kultureller und künstlerischer Projekte mit ihrem Potenzial für sozialen und gesellschaftlichen Wandel erklären, den Blick auf die Künste als eigenständigen Bereich des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens.

Dennoch wird die positive Wirkung für sozial Benachteiligte häufig postuliert. Dieses ideologische Muster gilt, vice versa, auch für andere soziale Wirkungsbehauptungen: Kulturelle Bildung ist keineswegs a priori partizipativ. Ihre Angebote gestalten sich enorm exklusiv, wenn den beteiligten Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen etwa die Fähigkeit, das Gesehene oder Gehörte zu beschreiben oder sich darüber auszudrücken fehlt.

Ohne Berücksichtigung der subjektiven Voraussetzungen ist Teilhabe an Kultureller Bildung aber kaum denkbar. Künstlerische Fähigkeiten und kulturelles Verständnis werden normalerweise in der Familie in regelmäßiger Tätigkeit grundgelegt und dann in mehr oder weniger aufwendigen formalen und non-formalen Bildungsprozessen vertieft. Angesichts ungleicher Ausgangspunkte ist eine „Alphabetisierung“ in den Künsten, die auch die in den Familien nicht oder wenig geförderten Kinder zu erreichen versucht, eine unabdingbare Voraussetzung. Das ist auch strukturell eine
massive Anforderung an das allgemeinbildende Bildungssystem. Daher kommt alles darauf an, hier eine möglichst gute Grundversorgung für alle zu sichern.

Dazu muss es Möglichkeiten und Gelegenheiten geben und es müssen politisch und praktisch Zugänge geschaffen werden. Man darf nicht damit zufrieden sein, das „Stammpublikum“ oder die „Bildungswilligen“ zu erreichen – schon gar nicht, wenn Beteiligungsfähigkeiten und -interessen nicht berücksichtigt werden. Es ist dahingehend wenig erfolgversprechend, mit der Aura der „Erleuchteten“ und pauschalen Ertüchtigungsratschlägen den bisher Unerreichten den Weg erhellen zu wollen.

Insgesamt bieten auch Kunst und Kultur substanziell besondere Möglichkeiten der Förderung sozial Benachteiligter – wie andere gesellschaftliche Teilbereiche auch. Anstrengungen und Maßnahmen zur sozialen Förderung sind ohne Zweifel wünschenswert. Aber dieses Potenzial der Kulturellen Bildung als empirische Wirklichkeit zu deklarieren, gehört in den Bereich der Ideologie, in der normativ begründete Wünsche als Tatsachen ausgegeben werden.



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