Rätsel eines Untergangs

von Mara Mulrooney

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Rapa Nui, auch Osterinsel genannt, galt eine Zeit lang als Paradebeispiel für den Zusammenbruch einer Gesellschaft. Der Autor Jared Diamond geht so weit, in der „ökologischen Katastrophe“, die sich auf der entlegenen Südseeinsel ereignete, eine Metapher für das ökologische Schicksal unseres Planeten zu sehen.

Die ersten Siedler auf Rapa Nui waren polynesische Einwanderer. Folgt man der populären Erzählung ihres Untergangs, waren die Inselbewohner schon bevor die ersten Europäer am Ostersonntag 1722 landeten, verschwunden. Mit ausgiebiger Abholzung der Wälder und dem Raubbau an ihren Ressourcen hätten die Menschen auf der Osterinsel für ihren eigenen Untergang gesorgt. Großflächige Plantagen dienten einst der Grundversorgung der Insulaner. Die rapide steigende Bevölkerungszahl führte dann angeblich zu einer Misswirtschaft, die Bewohner verließen das abgewirtschaftete Innere der Insel. Sippenverbände lösten sich auf und die Menschen siedelten fortan in den Küstengebieten. Die Bewohner hinterließen also verbrannte Erde und beraubten sich selbst ihrer Lebensgrundlage – der Ökokollaps war selbst verschuldet. So zumindest die verbreitete These über den Untergang. Neuere archäologische Befunde bringen diese Erklärung nun ins Wanken.

Seit zehn Jahren untersucht unser Forschungs-team gemeinsam mit heimischen Archäologen die Siedlungsstruktur und die landwirtschaftliche Produktion auf Rapa Nui. Wir wollen herausfinden, wie die Menschen zu bestimmten historischen Zeitpunkten mit der Landschaft interagiert haben. In Steinen und im Erdreich finden wir Hinweise, dass die Geschichte des Untergangs anders erzählt werden sollte.

Um das bisher geltende Szenario zu überprüfen, untersuchten wir Steinproben alter Häuser in Küsten- und Binnenregionen der Insel. So stießen wir bei Ausgrabungen auf alte, zerfallene Türschwellen aus Basalt, die uns Aufschluss über die Siedlungsplätze auf der Insel gaben. Die Radiokarbondaten des Testmaterials deuteten darauf hin, dass die Inselbewohner kontinuierlich im Innern und an den Küsten der Insel siedelten, und zwar vor dem ersten Kontakt mit den Europäern und auch noch danach. Doch was konnten uns die ehemaligen Plantagen über den angeblich selbst provozierten ökologischen Zusammenbruch erzählen?

In Kanus hatten die ersten Siedler Nutzpflanzen wie Süßkartoffeln und Yamswurzeln aus Polynesien mitgebracht. Auch Taropflanzen, deren proteinreiche Stängel, Blätter und Knollen man verzehren kann,   wurden angebaut. Dazu brauchten die Siedler Platz.Wie sie es aus ihrer Heimat kannten, rodeten die neuen Bewohner der Osterinsel also große Flächen ihrer Insel. Mit der Zeit entwickelten sie jedoch ein innovatives Verfahren der landwirtschaftlichen Produktion: Sie legten Steingärten an. Dafür schichteten sie Felsbrocken auf die Felder und gruben zum Teil Vulkangestein in den Boden ein, was die Produk­tionsleistung der Insel deutlich steigerte. Die Steingärten schützten Pflanzen vor dem Wind, reduzierten die Verdunstung des Regenwassers und hielten die Bodentemperatur stabil. In den meisten Fällen erhöhte die innovative Anbaumethode den Nährstoffanteil im Boden.

Im Vergleich zu Böden anderer pazifischer Inseln sind jene von Rapa Nui nicht sehr ertragreich. Durch Abholzung, den Einsatz von Steingärten und die Intensivierung ihrer Landwirtschaft verbesserten die Bewohner der Insel jedoch die Qualität ihrer Ackerböden. Die wachsende Bevölkerung konnte also mit mehr Grundnahrungsmitteln versorgt werden. Die Insulaner führten auf ihrer entlegenen Insel im Südostpazifik eine nachhaltige Lebensweise ein.

Die Reaktionen auf die ökologischen Herausforderungen waren der Schlüssel zum Erfolg der bemerkenswerten Osterinsel-Kultur. Man sollte Rapa Nui also eher als Beispiel der Anpassungs- und Innovationsfähigkeit des Menschen in schwierigen Umständen verstehen, nicht als eine Gesellschaft, die ihre Ressourcen und sich selbst vernichtet hat.

Die Geschichte der Urbevölkerung auf der Osterinsel steht eher für ein bekanntes Muster der Kolonialgeschichte. Durch den zunehmenden Kontakt mit Europäern kämpften die Einheimischen mit Krankheiten, gegen die sie nicht immun waren. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reduzierte sich die Bevölkerung aufgrund einer Pockenepidemie und durch die Versklavung der Menschen drastisch. Der Untergang war nicht selbst gemacht, er brach über die Insel herein.

Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff



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