Warum Armenier Tüten aus Plastik lieben

von Marc Degens

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Im September 2008, beim denkwürdigen WM-Qualifikationsspiel zwischen Armenien und der Türkei, bei dem erstmals in der Geschichte beider Staaten ein türkischer Präsident das armenische Nachbarland besuchte, konnte ich mich gar nicht auf das Fußballspiel konzentrieren, weil ständig Plastiktüten über das Spielfeld wehten. Kein Wunder, sie kosten auch nichts, werden großzügig verteilt, und selbst Kleinigkeiten wie eine einzelne Kaugummipackung werden in einer Plastiktüte überreicht. So kann es geschehen, dass man vom Einkauf mit neun Tüten zurückkommt, obwohl man nur sieben Produkte gekauft hat. Allerdings sind nicht alle Plastiktüten kostenlos: Einige besonders schöne und große Tüten mit Aufdrucken wie „Dolce & Gabbana“ oder „Chanel“ oder „Prada“ werden sogar an eigenen Straßenständen für 500 Dram (etwa 1,10 Euro) verkauft – mit solchen Plastiktüten betreten die Studenten dann auch bevorzugt die Universität. Warum bloß sind die Armenier so versessen auf Plastiktüten? Ist es eine Spätfolge der jahrzehntelangen Sowjetwirtschaft? Gab es früher in Armenien keine Plastiktüten? Gelten Plastiktüten als schick und modern? Wenn ich meine armenischen Freunde all dies frage, nicken sie zustimmend und zeigen dann auf den Jutebeutel, den ich trotzig überallhin mitnehme. „Und du“, fragen sie, „willst du weiterhin als wandelnde Reklame für Umweltbewusstsein durch Armenien laufen?“



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