„Die Menschen fangen an, zu teilen“

ein Gespräch mit Adriana Freire

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Mitten in der Finanzkrise in Portugal 2011 haben Sie eine Nachbarschaftsküche in der Mouraria von Lissabon, dem ehemaligen Maurenviertel der Stadt, gegründet. War das eine Antwort auf die schwierige finanzielle Situation?

Als Fotografin und Journalistin habe ich die Veränderungen am eigenen Leib gespürt. Ich bekam immer weniger Aufträge. Es war die Krise, die mich dazu brachte, mein Leben zu ändern. Ich wollte, dass sich Menschen beim Essen begegnen und kennenlernen und dass ein Austausch beginnt, der für alle von Vorteil ist.

Wer kommt zum Essen zu Ihnen?

Die einfachen Menschen im Viertel haben normalerweise keinen Kontakt zu den Arabern oder Indern hier. Jetzt kommen aber die Immigranten oft zu uns, um in der „Cozinha Popular“zu kochen – und die Einheimischen probieren alles. Essen ist eine universelle Sprache, die Barrieren abbaut. Die Leute tauschen jetzt auch Kleidungsstücke oder Informationen über Jobs aus.

Die Menschen werden also solidarischer.

Ja. Besonders weil wir kein Geld mehr zum Ausgeben haben! Viele meiner Freunde in Portugal leben von ihrem Ersparten.Wir müssen schauen, welche unnötigen Ausgaben wir vermeiden können. Anstatt gleich alles einzukaufen, könnten wir auch erst unsere Nachbarn fragen, ob sie haben, was wir brauchen. Leute, die ohne Geld zum Essen zu uns kommen, bekommen für etwas Hilfe in der Küche eine Mahlzeit. In diesem Sommer kam ein Mann und brachte uns ein Wildschwein und wir kochten ein riesiges Mittagessen. Die Menschen fangen jetzt an, zu teilen.Auch die Einstellung zum Konsum hat sich verändert. Wenn jemand ein Sofa braucht, kann er eins von den vielen nehmen,die bei uns herumstehen.

Denken Sie, dass die „Cozinha“ weiter bestehen wird, wenn sich die finanzielle Lage in Portugal wieder verbessert?

Ich glaube, dass die „Cozinha“ vor allem deshalb weiter bestehen wird, weil die Krise für immer bleiben wird. Selbst wenn wir höhere Löhne bekommen oder es wieder mehr Jobs geben sollte – woran ich nicht glaube –, müssen sich unsere Einstellungen grundlegend wandeln. Während in Deutschland seit längerer Zeit Recycling oder Urban Gardening praktiziert werden, müssen wir in Portugal unsere Gewohnheiten erst noch ändern.

Das Interview führten Annett Hellwig und Fabian Ebeling



Ähnliche Artikel

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Bahn oder Auto?

von Jürgen Stellpflug

Wie schwer es ist, sich ökologisch richtig zu entscheiden

mehr


Beweg dich. Ein Heft über Sport (Thema: Sport)

„Die Lunge schrumpft auf Apfelsinengröße“

ein Interview mit William Trubridge

William Trubridge taucht ohne Sauerstoffflasche – tiefer als alle anderen

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Alles, nur keine Schwarzmalerei

von John Halpin

Ein ökologische Wende wird in den USA nur mit positiven Anreizen möglich sein – und mit einer neuen Bürgerbewegung

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Wenn Verzicht unmöglich ist

von Adania Shibli

In der arabischen Welt leben die meisten Menschen in Armut. Die Eliten orientieren sich lieber am westlichen Lebensstandard

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Pizza, Pasta, Pesto

ein Interview mit Rosanna Marziale

Italiens Küche ist weltberühmt. Ein Gespäch mit der Sterneköchin über Küchenklassiker

mehr


Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Thema: Konsum)

Permanentes Networking

von Renata Salecl

Woran Menschen in Konsumgesellschaften leiden. Eine Bestandsaufnahme

mehr