Das Newborn-Denkmal im Kosovo

von Nikola Richter

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Westlich von dem Newborn-Denkmal, das an einer viel befahrenen Straße steht, beginnt die Fußgängerzone, wo sich fliegende Buch-, Handy- und Plastikspielzeughändler vor Edelboutiquen aufbauen; östlich davon steht der ehemalige kommunistische Sportpalast, der heute, provisorisch entkernt, als Parkplatz dient. Erdacht und umgesetzt hat das Denkmal Fisnik Ismaili mit seiner Agentur Ogilvy Kosova. Das Monument verändert sich ständig. Ganz am Anfang war es einmal sonnengelb. Dann weihten es der kosovarische Präsident und der Premierminister am 17. Februar 2008, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, offiziell ein und unterschrieben mit schwarzem Stift darauf. Prompt taten es die Bürger ihnen nach. Fisnik Ismaili fühlt sich noch immer als Eigentümer des Denkmals, sodass er es 2013 zum fünfjährigen Geburtstag mit den Flaggen der Länder überzog, die das Kosovo 2008 anerkannten. Aber auch das hatte er irgendwann über: Im Frühjahr dieses Jahres ließ er es mit Tarnfarben überstreichen, jeder Buchstabe trägt nun die Farben der Militäruniformen der im Kosovo stationierten Truppen.

Ein paar Bürgern gefiel das nicht. In einer Nacht- und Nebel-Aktion malte eine anonyme Künstlergruppe pinke Herzen auf die nun grünbraun- fleckigen Betonteile. Das hässliche Monument, das wie so viele Nationaldenkmäler vor allem als Treffpunkt für Verabredungen dient, ist somit ungewollt zum Symbol einer sich formierenden Zivilgesellschaft geworden. Es ändert sich, mal auf Staatskosten, mal durch die Kreativität von Aktivisten. Es ist ein Provisorium und ein Stimmungsbarometer. Zuletzt klebte jemand cartoonartige Einschusslöcher auf. Diese wurden schnell übermalt. Denn der Krieg ist zum Glück vorbei.



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