„Musik ist wie Therapie“

Ihre Gitarre half der amerikanischen Musikerin Sunny War, als Jugendliche auf der Straße zu überleben. Ein Gespräch über Obdachlosigkeit, die Flucht in die Musik und das Versagen des US-amerikanischen Sozialsystems

Interview mit Sunny War

September 2022

In deinen Liedern verarbeitest du deine bitteren Erfahrungen als obdachloser und alkoholabhängiger Teenager. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen deiner Biografie und deinen Liedern?

Normalerweise schreibe ich Gedichte und Texte, wenn ich versuche, etwas emotional zu verarbeiten. Sie handeln oft von meiner Teenagerzeit. Ich wurde in Nashville, Tennessee, geboren.

Mit 13 bin ich von zu Hause weggelaufen und habe dann auf der Straße gelebt. Ich habe an der ganzen Westküste Straßenmusik gemacht, bin heimlich auf Güterzüge geklettert und von Bundesstaat zu Bundesstaat gefahren.

Ich schreibe oft über diese Jahre oder was sonst so in der Welt oder in meinem Kopf vor sich geht. Ich schreibe viel über Sucht, weil ich schon mein ganzes Leben damit zu kämpfen habe. Musik ist wie eine Therapie. Ich kann mir keine Therapie leisten, also muss ich schreiben.

Die Triebfeder deiner Texte ist also die Wut?

Als ich jünger war, bin ich wütend geworden. Jetzt bin ich einfach nur traurig. Ganz ehrlich, in Amerika gibt es im Moment viel, was einen traurig macht.

Worüber genau?

Manchmal denke ich, das ganze Land sollte einfach verschwinden. Abtreibung steht jetzt auch auf der Liste der Dinge, über die ich mich aufregen kann: Rassismus, Sexismus, Klassismus, die Tatsache, dass so viele Menschen keine Gesundheitsversorgung oder kein Dach über dem Kopf haben. Heutzutage gibt es viele Menschen, die Vollzeit arbeiten, sich aber nicht einmal eine Wohnung leisten können.

Es gibt auch viele Kinder, die auf der Straße leben. Was sind deiner Erfahrung nach die Gründe dafür, dass sie obdachlos werden?

Ich bin als Kind weggelaufen, weil ich alkoholabhängig war. Ich wollte nicht zur Schule gehen und habe diesen Lebensstil auch romantisiert. Die meisten anderen obdachlosen Jugendlichen, denen ich begegnete, waren Pflegekinder, die wegen sexuellen Missbrauchs weggelaufen waren.

Das hat auch mit der aktuellen Abtreibungsproblematik zu tun: Ungewollte Kinder landen oft in Pflegefamilien, wo sie manchmal sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen werden. Sie laufen weg, weil sie nicht mehr vergewaltigt werden wollen.


 

„Wenn Menschen ihr Kind nicht wollen, sollte man sie nicht zwingen, es zu bekommen und in eine Pflegefamilie zu geben. Das schafft Heerscharen von ungewollten Kindern, die auf der Straße leben.“

 


Obdachlose Kinder sind zu jung, um legal zu arbeiten, und enden oft als Prostituierte. Ab meinem 13. Lebensjahr habe ich auf der Straße und in Zügen gelebt, und ich habe so viele junge Menschen gesehen, die vor sexuellem Missbrauch in Pflegefamilien weggelaufen sind.

Es ist ein schlechtes System, das gebrochene Menschen hervorbringt. Man könnte genauso gut tot sein. Wenn Menschen ihr Kind nicht wollen, sollte man sie nicht zwingen, es zu bekommen und in eine Pflegefamilie zu geben. Das schafft nur Heerscharen von ungewollten Kindern, die auf der Straße leben. 

Wie wichtig war die Musik für dich, als du obdachlos warst?

Die Gitarre war meine einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ich war oft in San Francisco, dort hat mir das Musizieren auf der Straße am meisten Spaß gemacht. Wenn ich nicht Straßenmusik gemacht hätte, hätte ich mich prostituieren müssen, denn ich brauchte das Geld: Ich musste ja irgendetwas essen.

Als Kind auf der Straße fällst du durchs Raster. Als ich von zu Hause wegging, war ich noch nicht einmal alt genug, um Lebensmittelmarken zu bekommen, ich konnte keine Leistungen oder Hilfe beantragen.


 

„Ich muss stärker sein als du, bloß um zu überleben. Das ist ein Leben, bei dem man immer auf dem Sprung sein muss.“


In meinem Song „Soul Tramp“ gibt es einen Refrain über diese Zeit: „Ich schwör dir, ich bin vor Sonnenaufgang weg, ich bin stark genug für das, was ihr Krise nennt.“ Das heißt, ich muss stärker sein als du, bloß um zu überleben. Das ist ein Leben, bei dem man immer auf dem Sprung sein muss. Du kannst dich nirgendwo niederlassen. Du lebst auf der Straße.

Woran denkst du vor allem, wenn du an deine Jahre auf der Straße zurückdenkst?

Da sind so viele wirklich üble Dinge passiert. Am traumatischsten ist für mich, dass fast alle, mit denen ich früher Häuser besetzt habe, jetzt tot sind. Überlebt haben nur diejenigen, die verhaftet wurden und eine lange Zeit ins Gefängnis gingen und nüchtern blieben. Oder sie haben ein Kind bekommen, und das hat ihr Leben verändert.

Aber abgesehen davon sind alle meine ehemaligen Bekannten vor ihrem 30. Lebensjahr gestorben – entweder an einer Überdosis Heroin oder an Leberversagen. Das ist wirklich tragisch. Viele von ihnen waren Pflegekinder und hatten keine Eltern oder Familie.

Damals waren sie einfach nur Kinder. Niemand hat ihnen je gesagt: „Tu das nicht, versuch das gar nicht erst.“ Es ist schwer, 15-Jährigen zu sagen, dass sie etwas nicht tun sollen, wenn sie es schon mal gemacht haben. Ehe sie es merken, sind sie heroinabhängig.

Als eine Art von Eskapismus?

Wenn man obdachlos ist, langweilt man sich und ist deprimiert, weil alle auf einen herabsehen und einen wie Luft behandeln. Also will man sich einfach nur zudröhnen. Wenn ich daran zurückdenke, möchte ich Aktivistin werden, um mit diesem Schlamassel gründlich aufzuräumen. Irgendetwas muss sich ändern.


 

„Wir müssen uns in die Politik einmischen, wir müssen einen Weg finden, wie wir Gesetze ändern können. In Los Angeles zum Beispiel ist die Wohnungssituation völlig außer Kontrolle geraten.“


Und jetzt arbeitest du ehrenamtlich mit Obdachlosen?

Ich habe die Ortsgruppe von „Food Not Bombs“ in Los Angeles gegründet, die zweimal pro Woche vegane Mahlzeiten anbietet. Das ist großartig, aber wir müssen uns in die Politik einmischen, wir müssen einen Weg finden, wie wir Gesetze ändern können. In Los Angeles zum Beispiel ist die Wohnungssituation völlig außer Kontrolle geraten.

Es gibt große Probleme im System: Wenn Leute verhaftet und straffällig werden, können sie keinen Job bekommen. Weder an einer Tankstelle noch sonst irgendwo. Was sollen die Leute dann tun? Natürlich brechen sie am Ende wieder das Gesetz. Diese Situation muss sich ändern, wenn die Gesellschaft Kriminalität ernsthaft bekämpfen will.

Außerdem haben viele Obdachlose psychische Probleme, es gibt Schizophrene, die keine Medikamente nehmen. Sie brauchen Unterstützung, aber in Los Angeles werden sie einfach aus der Psychiatrie geholt und auf die Straße gesetzt.

Es ist also ein Versagen des Staates.

Ja, das habe ich gesehen, als ich bei „Food not Bombs“ mitgemacht und die Leute wirklich kennengelernt habe. Da gab es einige, die vorher Crack verkauft hatten, aber wenn man ihre Geschichte hört, versteht man: Ja, natürlich haben sie das getan. In ihrer Situation hätte ich das Gleiche getan.

Vielleicht must du also Politikerin werden, um die Dinge an der Spitze zu verändern.

Ja, wahrscheinlich schon (lacht). Dieses ganze Chaos kann nur die Politik ändern, aber das ist leider das komplette Gegenteil von dem, was ich gern tun will.


Das Interview wurde geführt von Jess Smee. Die Singer-Songwriterin Sunny War lebt in Los Angeles. Ihr letztes Album „Simple Syrup erschien 2021 bei Hen House Studios.

 

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