Unterwegs

Was lernt man beim Reisen? Und warum sollte man überhaupt aufbrechen? Die südafrikanische Schriftstellerin Lerato Mogoatlhe hat in vierzehn Jahren dreißig Länder auf ihrem Kontinent bereist – und dabei vor allem viel über sich selbst gelernt

Ein Essay von Lerato Mogoatlhe

Juli 2022

Mein Name ist Lerato Mogoatlhe, und ich möchte mich Ihnen gerne vorstellen: Ich bin Reiseschriftstellerin, seit aus einer ursprünglich auf drei Monate angelegten Reise durch Afrika über fünf Jahre geworden sind und ich meine Erlebnisse in Form eines Buches veröffentlicht habe. In den letzten vierzehn Jahren habe ich dreißig Länder Afrikas kennengelernt.

Die Menschen, denen ich begegne, stellen mir viele Fragen zu meinen Reisen. Warum ich überhaupt damit angefangen habe. Wie ich es schaffe, immer weiterzureisen. Und was das alles soll. Die kurze Antwort ist: Ich möchte den weit verbreiteten Katastrophenberichten über Afrika etwas Positives entgegensetzen. Ich erzähle gerne von meinen Eindrücken und Erfahrungen. Die einzige Frage, die ich nicht gerne beantworte, ist die, was ich denn auf meinen Reisen gelernt habe. Ein südafrikanischer Redakteur war der erste, der das wissen wollte, als ich gerade in Mali unterwegs war. Seitdem bin ich das immer wieder gefragt worden, sei es bei Lesungen, bei Diskussionsveranstaltungen oder von Journalistinnen und Journalisten.


 

„Ich möchte meine Reisen nicht mit Botschaften überfrachten und immer wieder versichern müssen, dass Afrika ein gastfreundliches und bezahlbares Reiseziel ist“

 


Meine Standardantwort lautet dann: „Natürlich habe ich viel gelernt.“ Wenn die Leute nachhaken, erwähne ich Werte wie Gemeinschaftssinn, Freundlichkeit, Humor, Integrität und die Bereitschaft, mit anderen zu teilen. Menschen mit diesen Eigenschaften zu begegnen, hat mir auch sehr geholfen, wenn ich keine Arbeit hatte und mir keine Übernachtung in Hotels oder eine Busfahrkarte zu meinem nächsten Ziel leisten konnte. Aber solche Erfahrungen hätte ich auch anders machen können, sie sind nicht reisespezifisch.

Ich möchte meine Reisen nicht mit Botschaften überfrachten und immer wieder versichern müssen, dass Afrika ein gastfreundliches und bezahlbares Reiseziel mit passablen Luft- und Straßenverbindungen ist – mit anderen Worten: ebenso gut geeignet für romantische Begegnungen und Abenteuer wie beispielsweise eine Rundreise durch Europa oder Südostasien (auch wenn es in Afrika ein bisschen langsamer zugeht).

 

Vom Länderdurchstreifen zu inneren Reisen

Ich reise nicht, um mein Leben zu verändern. Ich möchte eine unkomplizierte Beziehung zu Afrika haben. Ich will Spaß und Abenteuer; möchte feiern, Liebschaften anfangen und wieder beenden, mich inspirieren lassen, und wenn ich auch irgendjemanden inspirieren kann, dann ist das sozusagen das Sahnehäubchen.

Ich möchte aus meinen Reisen nichts lernen. Es würde die Orte, die ich besuche und die Leute, die ich treffe, unnötig belasten, wenn ich mehr von ihnen erwarten würde als eine angenehme Begegnung. Die Wahrheit ist, dass ich nur reise, weil ich den Kontinent außerhalb der Grenzen meines Heimatlandes kennenlernen möchte, und irgendwie muss ich das Ganze ja finanzieren; also erzähle ich Geschichten.

„Aber was hast du denn nun aus deinen Reisen gelernt?”, will ich schließlich doch auch selbst von mir wissen – und warte darauf, dass sich mein Herzschlag verlangsamt. Wie erwartet, bleibe ich mir die Antwort zunächst schuldig. Allerdings ist die Frage ein Anstoß für mich, etwas tiefer darüber nachzudenken, warum ich so gerne Afrika durchstreife. Dabei stoße ich auf folgende Erklärung: Das äußere Unterwegssein ist der Auslöser für andere, innere Reisen.



Der unglaublichste innere Trip, zu dem ich bei meinen Reisen aufgebrochen bin, sind die endlosen Begegnungen mit mir selbst, in all meiner Pracht.

Ich bin Liebe. Das ist eine Erkenntnis, die ich einem sechsmonatigen Aufenthalt in Mali verdanke. Ich finde, die Menschen dort lieben auf eine ganz eigene Art, zärtlich und mit größter Fürsorglichkeit für das Herz des anderen. Liebevoll gehalten zu werden auf die spezielle Weise, in der die Malierinnen und Malier es tun, ist ein Geschenk für die Seele. Das Land hat mir bedingungslose Liebe für mich selbst mitgegeben.

Ich bin großzügig. Das ist eines der besten Reisegeschenke, das ich aus meiner Zeit in Sudan mitnehmen konnte. Dort werden Fremde wie gute Freunde behandelt. Es ist das einzige Land, in dem ich war, in dem man mir Reiseproviant mitgegeben hat. Der Sudan liegt in der Sahara, und tagsüber herrscht dort eine extreme Hitze. In jedem Teil des Landes, den ich besucht habe, gab es Tonkrüge, die den ganzen Tag lang immer wieder mit Trinkwasser befüllt wurden. „So kann jeder, der Durst bekommt, etwas trinken, ohne darum bitten oder dafür bezahlen zu müssen”, erklärte mir einer dieser sofortigen Freunde, dessen Namen ich vergessen habe.

 

Reisen durch ganz Afrika als Antrieb der Literatur

Ich bin gütig. Ich habe gelernt, die Menschen so zu sehen, wie Elizabeth, die mich durchschaute, als ich das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia besuchte, um über die Entstehung des Südsudan zu schreiben. Mein Geld hatte gerade gereicht, um von Nairobi aus dorthin zu fahren. Ich dachte, ich würde bei irgendwem draußen auf deren Terrasse schlafen. Elizabeth war aber aufgefallen, dass ich nach einer zweitägigen Busreise direkt zu einem festlichen Mittagessen und später zum Wahllokal und zu einer Party auf einem Fußballplatz gegangen war, ohne zwischendurch das Lager zu verlassen. So bot sie mir an, bei ihrer Großmutter und ihren Cousins zu wohnen.

Mein Wort ist Gold wert. Dies ist ein Geschenk aus Dakar, das mir der Empfangschef und Kellner des Via Via machte, eines Hotels in Yoff. Es war das erste Mal, dass mir das Geld ausging, während ich auf einen Scheck für eine Auftragsarbeit wartete. „Du bist zu Hause“, sagte er. „Man wird sich hier immer um Dich kümmern.“ Und das bedeutete, dass er mich unterbrachte, verpflegte und durch West- und Ostafrika kutschierte, wann immer ich nicht selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen konnte (was oft der Fall war).

Ich zeige meine Wut offen und fürchte mich nicht vor den Konsequenzen. Als ich David Bahati interviewte, einen ugandischen Abgeordneten, der einen Gesetzesentwurf einbrachte, der vorsah, dass Mitglieder der LGBTIQ*-Community aufgrund ihrer Identität und ihrer sexuellen Orientierung ins Gefängnis geworfen oder sogar hingerichtet werden sollten, sagte ich ihm, dass ich mit Frauen schlafe. Ich forderte ihn auf, mich verhaften zu lassen. Er tat es nicht. Zwei Jahre später jedoch wurde ich in Uganda bei der Eröffnungsfeier der Pride Uganda festgenommen, weil ich wütend den Polizisten entgegentrat, die die Veranstaltung auflösten und führende Aktivistinnen und Aktivisten inhaftierten.


 

„In den schmerzlichsten Phasen meines Lebens fühlen sich meine Reisen wie eine lange, liebevolle Umarmung an“ 

 


Und zum Abschluss, das letzte und aktuellste Geschenk, das ich auf meinen Reisen erhalten habe: Ich bin ein Mensch. Ich habe mich immer über meine Stärke definiert, oder, wie ich zu sagen pflege: „Ich lande immer auf meinen Füßen.“ Das verdanke ich meinem Überlebensinstinkt, der dadurch geschärft wurde, dass ich in einem gewalttätigen Elternhaus aufgewachsen bin. Nichts zwingt mich in die Knie, am allerwenigsten Menschen.

Ich war immer stolz und froh, eine starke schwarze Frau zu sein. Dazu gehörte auch, dass ich mich jahrzehntelang zusammengerissen habe und mir immer wieder beweisen musste, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand habe. Dass ich wieder aufstehe, wenn das Leben mich zu Fall gebracht hat.

In den schmerzlichsten Phasen meines Lebens fühlen sich meine Reisen wie eine lange, liebevolle Umarmung an, die mich auf eine Art und Weise Mensch sein lässt, wie ich es mir selbst zuvor nicht erlaubt hatte: unsicher, verletzlich, an manchen Stellen ramponiert und manchmal tief traurig. Und trotzdem wundervoll.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter. Von Lerato Mogoatlhe erschien 2019 das Buch „Vagabond. Wandering through Africa on faith“ bei Jacana Media (Pty) in Johannesburg, Südafrika. 


Zurück zur Startseite