Weiße Lügen und die Lücken der Geschichte

Namibia und Südafrika blicken auf eine Vergangenheit kolonialer Gewalt zurück, doch die Geschichtsbücher berichten nur von einzelnen „Helden“. Kann historische Literatur den Opfern eine Stimme geben?

Ein Essay von Lauri Kubuitsile

Juli 2022

Als ich begann, meinen historischen Roman „The Scattering” zu schreiben, dachte ich viel über die menschliche Dimension der beiden Kolonialkriege nach, die im Zentrum des Romans stehen. Sowohl der Zweite Burenkrieg, der von den Briten gegen die Burenrepubliken geführt wurde, wie auch der Krieg der deutschen Kolonialherren gegen das Volk der Herero wirkten weit über ihre Grenzen hinaus und richteten dauerhaften Schaden an, der bis heute fortwirkt.

Ein schwerwiegendes Problem ist, dass diejenigen historischen Aspekte, die Afrika und insbesondere die afrikanischen  Frauen betreffen, nicht in den anerkannten historischen Aufzeichnungen enthalten sind. Ich forschte nach und alles, was ich fand, war Schweigen; ein Schweigen, von dem ich sicher war, dass es voller ungehörter Geschichten und vergessener Geschichte steckte.

Die überlieferten Aufzeichnungen der Kriege bestehen aus Schlachten und Manövern, und aus diesen Schlachten gehen die Helden hervor, die die Geschichte so liebt. Die Historiker, zumeist Männer, lieben es, über Helden zu schreiben; Frauen bleiben in der Geschichte der Kriege meist stumm. 


 

„Es gibt auf Shark Island in Namibia kein Schild, das die Menschen über die schreckliche Geschichte des Ortes aufklärt.“

 


Ich begann mit der Arbeit an „The Scattering” aus einer Position der Unwissenheit heraus. Ich war gerade von einem Campingausflug auf die namibische Halbinsel Shark Island zurückgekehrt, als ich auf einer Buchmesse in Kapstadt zufällig eine Frau aus Windhoek kennenlernte. Von ihr erfuhr ich, was auf diesem Fleckchen Erde geschehen war, das am Rande der Namib-Wüste in den kalten, wilden Atlantik hinausragt. Es gibt vor Ort kein Schild, das die Menschen über die schreckliche Geschichte von Shark Island aufklärt.

Zu Hause machte ich mich daran, über den Völkermord an den Herero zu recherchieren. Ich war beschämt, dass ich davon nichts gewusst hatte. Während meiner Lektüre zu diesem Thema kam mir ganz allmählich eine Geschichte in den Sinn, die mich nicht losließ, bis ich sie aufschrieb. Das war die Geburtsstunde von „The Scattering”.

Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Vorläufer der deutschen Todeslager in Namibia: die britischen Konzentrationslager in Südafrika während des Zweiten Burenkrieges, in denen die Briten vor allem burische Frauen und Kinder internierten. Für mich verläuft  eine fast direkte Linie von diesen Gräueln zu den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs und zu den Nazis.

Im Laufe der Zeit kamen durch Ausprobieren tödliche „Verbesserungen“ hinzu, während sich frische Leichen auf den Leichen der Vergangenheit auftürmten. In meiner Erzählung wollte ich diesen Zusammenhang sichtbar machen durch die Freundschaft zwischen Tjipuka, einer Herero-Frau, die die deutschen Todeslager in Namibia überlebt, und der Burin Riette, die die britischen Todeslager in Südafrika überlebt.

 

Leerstellen der Geschichte

Man kann leicht dem Irrtum erliegen, dass die Geschichtsschreibung in Stein gemeißelt ist. Ereignisse sind geschehen, sie wurden aufgezeichnet, darüber kann man nicht diskutieren. Wir haben es mit unveränderlichen Tatsachen zu tun. Es ist jedoch eine postmoderne Erkenntnis, dass es von sehr vielen verschiedenen Faktoren abhing, welche Tatsachen in die historische Überlieferung Eingang fanden. Ein Historiker entscheidet sich dafür, in eine bestimmte Richtung zu schauen, und trifft Entscheidungen, die auf seinen oder ihren bekannten oder unbekannten Vorurteilen beruhen.

Ein Großteil unserer Geschichtsschreibung beruht auf schriftlichen Dokumenten. Personen oder Kulturen, die keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben oder die man nicht für wichtig genug hielt, um über sie zu schreiben, kommen somit in der Geschichtsschreibung fast nicht vor. Ihre Geschichte spielt in den Fakten keine Rolle.


 

„Es kann keine Wahrheit geben, in der ein Großteil der betroffenen Personen nicht zu Wort kommt“

 


Aber kann Geschichtsschreibung als wahr und faktenbasiert angesehen werden, wenn ganze Kulturen oder Untergruppen von Menschen darin nicht erwähnt werden, obwohl sie existiert haben? Sie haben ihr eigenes Leben aktiv gestaltet; sie hatten Einfluss auf die Welt, in der sie lebten. Sind Fakten unter diesen Voraussetzungen noch Fakten?

Dies ist ein sehr schwerwiegendes Problem, wenn es um die Geschichte Afrikas geht, und insbesondere im Hinblick auf afrikanische Frauen. Es hat oft den Anschein, als habe die Geschichtsschreibung erst mit der Ankunft der männlichen Kolonisatoren auf dem Kontinent begonnen. Die Geschichte Afrikas wird fast ausschließlich aus einem einzigen Blickwinkel erzählt, und ich denke, wir sind uns alle einig, dass es keine Wahrheit geben kann, in der ein Großteil der betroffenen Personen nicht zu Wort kommt. Als ich „The Scattering” schrieb, war es schwierig, schriftliche historische Berichte über die Frauen zu finden, die an diesen Kriegen beteiligt waren.

 



Man kann problemlos das Datum und den präzisen Wortlaut der Rede finden, in der Generalleutnant von Trotha zur Ermordung aller Herero innerhalb der Grenzen von Deutsch-Südwestafrika aufrief, aber gibt es Aufzeichnungen darüber, wie eine Herero-Frau auf diese Rede reagierte? Darauf, dass man ihr sagte, ihr Land gehöre ihr nicht mehr und man würde sie töten, wenn sie wagen würde, es zu betreten, wenn sie weiterhin in ihrem Haus lebte? Selbst die Geschichte einer weißen Afrikaaner-Frau wie meiner Figur Riette wird nur erzählt, soweit ihr Leben mit den Angelegenheiten der Männer zusammenhängt.

 

Die Stimmen der Frauen

An diesen eklatanten Leerstellen in den historischen Aufzeichnungen kann die historische Romanliteratur ansetzen und den unbeachteten Stimmen Gehör verschaffen. Wir müssen ihnen Aufmerksamkeit schenken, wenn wir die ganze Wahrheit über unsere Vergangenheit erfahren wollen. Es geht nicht um aus der Luft gegriffene Szenen und Figuren, sondern um Geschichten, die aus dem Vorhandenen entstehen, aus dem, was wir über die Menschen wissen, und aus unseren Vorstellungen, die beim Schreiben Gestalt annehmen.

Gab es irgendwo in dieser stillen Leere eine Frau wie Tjipuka? Ja, ich glaube, es gab sie: eine Frau, die wusste, dass ihrem Volk Unrecht geschah, und die zum bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen aufrief; die sich selbst daran beteiligen wollte und die ihren Mann ermutigte, zu kämpfen. Und was geschah dann? Haben sie ihre ersten Siege gegen die deutschen Kolonisatoren gefeiert? Natürlich haben sie das. Gibt es darüber schriftliche Zeugnisse? Nein; aber diese Lücke in den Aufzeichnungen kann gefüllt werden, indem man logische Schlüsse zieht.


 

„Man kann problemlos den Wortlaut der Rede finden, in der Lothar von Trotha zur Ermordung aller Herero aufrief. Aber gibt es Aufzeichnungen darüber, wie eine Herero-Frau auf diese Rede reagierte?“ 

 


Wäre eine Frau wie Riette um die vorletzte Jahrhundertwende aus einer modernen Stadt in Südafrika geflohen und allein in die Wildnis des Okavango-Deltas gegangen, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können? Gab es so eine Frau? Ich habe sie nirgendwo in den historischen Aufzeichnungen gefunden, obwohl ich sicher bin, dass es sie gab. Auch sie befindet sich in den stillen Leerstellen zwischen den Fakten.

Einige Figuren in „The Scattering” waren reale Personen: Häuptling Maharero, Lothar von Trotha, Kgosi Sekgoma Letsholathebe. Ich wusste, was sie getan hatten, und was die Folgen ihrer Taten waren; das ist alles schriftlich dokumentiert. Ich habe alles über diese Männer herausgefunden, was ich konnte, aber ich wollte sie zum Leben erwecken.

Ich musste mir vorstellen, wie ein Mann wie Maharero – jemand, der den schönen Dingen des Lebens und dem Alkohol zugetan war, ein charakterschwacher Mensch – sich verhalten würde, wenn er gezwungen wäre, sein Volk in den Krieg zu führen. Ich fragte mich, inwieweit von Trothas Glaube, dass die Position der Sterne am Himmel sein Leben bestimmen, ihn und sein Handeln beeinflusst hat und für sein Vermächtnis entscheidend war. Auch hier ermöglicht uns der historische Roman einen differenzierteren, umfassenderen Blick auf unsere Vergangenheit.

 

Literatur schreibt Geschichte neu

Die berühmte historische Schriftstellerin Hilary Mantel, Autorin der mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romane „Wolf Hall“ und „Bring Up the Bodies“, hielt 2017 im Rahmen der Reith Lectures im BBC-Radio einen Vortrag über diese stillen Leerstellen in der Geschichte. Sie sagte, Geschichte sei „das, was im Sieb zurückbleibt, wenn die Jahrhunderte hindurch gelaufen sind – ein paar Steine, Fragmente von Schriftstücken, Stofffetzen.“


 

„An diesen eklatanten Leerstellen kann die historische Romanliteratur ansetzen und den unbeachteten Stimmen Gehör verschaffen.“

 


Diese Überbleibsel, die im Sieb zurückbleiben, sind die Aufzeichnungen; alles, was fehlt, bildet den Raum, in dem ein historischer Schriftsteller seine Geschichte und seine Figuren aufbaut, wobei er die Überbleibsel als Richtschnur verwendet. Wie Mantel in der gleichen Vorlesung sagt: „Wenn wir den Toten begegnen wollen, wenden wir uns an die Kunst“. Wie so oft ermöglicht die Kunst, das Fehlende zu ergänzen: die Gefühle, die Menschlichkeit.

Die afrikanische Geschichtsschreibung hat einen großen Makel, und ich glaube, dass gewissenhafte Autoren historischer Romane dazu beitragen können, ihn zu korrigieren. Anhand der historischen Fakten, die das Skelett bilden, kann der Romanautor die Geschichten hervor holen, die sich in der Stille zwischen diesen Knochen verbergen. Vielleicht lernen wir auf diesem Wege irgendwann die ganze Geschichte kennen.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter. Der Roman „The Scattering” erscheint im August auf Deutsch unter dem Titel „Zerstreuung” beim Interkontinental Verlag.  


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