Literatur auf dem Bildschirm

Afrikanische Literatur existierte lange nur gedruckt — und war für manche Leser schwer zu bekommen. Eine Flut neuer Online-Magazine ermöglicht nun literarische und künstlerische Experimente

Ein Essay von Joanne Hichens

August 2022

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Online-Veröffentlichungen, die der Kreativität afrikanischer Autoren aus allen Ländern des Kontinents eine Plattform bieten, enorm gestiegen. Diese schnell wachsende Online-Kultur hat zur Gründung einer Fülle neuer Zeitschriften geführt, die zeitgenössischen afrikanischen Schriftstellern ermöglichen, ihre Arbeit mit einem Publikum zu teilen, das sich für neue Ideen, Bilder und Geschichten begeistert.

Die schiere Anzahl der Webseiten zeugt von den zahllosen Geschichten und Ideen, die Afrika hervorbringt, und vom Engagement innovativer afrikanischer Kreativer, Schriftsteller und Künstler, die in ihrer Arbeit neue Wege jenseits der Traditionen gehen. Das wirft die Frage auf: Sind diese digitalen Publikationen vielleicht die neue Heimat der afrikanischen Literatur?

Die jüngste Generation der Online-Publikationen tritt in die Fußstapfen von Literaturzeitschriften wie „Bakwa“, „Chimurenga Kwani?“ und „Saraba“. Zu den neueren einflussreichen Publikationen zählen beispielsweise das „Jahazi Journal“, „Jalada Africa“, „Doek!“, „Lolwe“, „Imbiza Journal“, „Kikwetu Journal“, „Omenana“, „Down River Road“, „Agbowó“, „Isele Magazine“ und „Open Country“, und ständig kommen weitere dazu.

Ben Williams, Herausgeber der „Johannesburg Review of Books“, stellt fest: „Erst neulich haben wir von „Ta Adesa“ erfahren, einer Online-Literaturzeitschrift aus Ghana, und es gibt interessante Crossover-Publikationen für Kunst und Kultur wie herri, das vom Africa Open Institute herausgegeben wird. Neue Plattformen wie „New Frame“ und „Africa Is A Country“ tragen ebenfalls dazu bei, dass der anspruchsvolle literarische Journalismus eine Renaissance erlebt.“

Aryan Kaganof, dem Herausgeber von „herri“, hebt die enorme Reichweite von Online-Magazinen hervor: „Die ersten sechs Ausgaben von ,herri‘ wurden über eine Viertelmillion Mal aufgerufen. Unser Magazin ist wie ein Bergwerk, in dem Erzählungen, Zweideutigkeiten und Ideen zutage gefördert werden, in dem ein gewisser Klang entsteht. Es ist sehr aufregend, dass es wirklich ein Publikum dafür gibt – Menschen, die eine Antwort auf die Frage suchen: ,Wie klingt Dekolonisierung in einem Zeitalter hybrider Technologien?‘ Wir erreichen sofort ein globales Publikum und veröffentlichen Beiträge, die von den Printmedien vielleicht nicht akzeptiert würden, weil sie als zu abseitig wahrgenommen werden. Bei Druckerzeugnissen muss man entweder Abonnements oder Werbung verkaufen. Dadurch hat man weniger Freiheiten bei der Auswahl der Inhalte.“

***

Das Interesse an der reichen literarischen Kultur Afrikas ist kein neues Phänomen. In den späten 1960er Jahren waren allein in Kenia fast achtzig britische Verlage vertreten. Vielleicht wollte man den bislang unerschlossenen afrikanischen Markt erobern; die eingereichten Manuskripte wurden allerdings nicht in Afrika geprüft, sondern nach London und anderswohin weitergeleitet.

Das vielleicht bekannteste Beispiel für den frühen afrikanischen Verlagsboom war die „African Writers Series“ des Heinemann-Verlags, die als Reihe „von Afrikanern für Afrikaner“ mit Chinua Achebe als Gründungsherausgeber vermarktet wurde. Obwohl das Material in London veröffentlicht wurde, entfielen bis zu 80 Prozent der Buchverkäufe auf die afrikanischen Märkte. Zwischen 1962 und 1984 wurden rund 270 Titel veröffentlicht, darunter Romane der Nobelpreisträger Naguib Mahfouz aus Ägypten, Wole Soyinka aus Nigeria und Nadine Gordimer aus Südafrika.

Falls – wie wir hoffen – die Intention dieser bahnbrechenden Reihe darin bestand, die Bücher vor allem afrikanischen Lesern zugänglich zu machen, so wurde diese Absicht ab 1982 zunehmend enttäuscht. Mit der Schließung der nigerianischen Devisenbörse brachen die Importe in die zunehmend angeschlagenen afrikanischen Volkswirtschaften der 1980er Jahre zusammen.

Obwohl die im Rahmen der „African Writers Series“ veröffentlichten Bücher von ausländischen Verlagen weiterhin lizensiert wurden und nach wie vor ein internationales Publikum fanden, waren sie innerhalb Afrikas immer schwieriger zu beschaffen – selbst wenn sie von afrikanischen Verlagen nachgedruckt wurden. Wenn aber afrikanische Literatur überwiegend außerhalb Afrikas verkauft wird, schwindet bei vielen afrikanischen Lesern das Gefühl, dass diese Literatur etwas mit ihnen selbst zu tun hat, dass sie zu Afrika gehört.

Für viele Intellektuelle bot das Ende der Buchreihe einen klaren Impuls, dass die afrikanische Literatur nicht mehr von den Entscheidungen in den westlichen Verlagshauptstädten abhängig sein durfte und dass man einen neuen Weg einschlagen musste. Der südafrikanische Autor Mpush Ntabeni hat es so ausgedrückt: „Die afrikanische Literatur hat in der Vergangenheit mit nur einem Lungenflügel geatmet und musste sich an koloniale Sprachen und Empfindlichkeiten anpassen“. Verlage in ganz Afrika begannen, sich auf afrikanische Literatur zu konzentrieren. Nicht nur spiegelte sie die gelebten Erfahrungen afrikanischer Leser wider, sie ließ sich auch leichter verkaufen.

Mittlerweile sind einheimische Veröffentlichungen in Afrika die Norm. Der 2006 in Nigeria gegründete Verlag Cassava Republic Press etwa konzentriert sich auf die Förderung lokaler Talente und die Veröffentlichung afrikanischer Schriftsteller, die zuvor oft nur in Europa und Amerika gefeiert wurden. Kürzlich wurden die Bücher „An Unusual Grief“ von Yewande Omotoso und „Female Fear Factory“ von Pumla Dineo Gqola veröffentlicht; beide Autorinnen sind sowohl in Afrika als auch international erfolgreich.

In Südafrika drucken Verlage wie Modjaji Books und Jacana Media eine breite Auswahl afrikanischer Literatur, während Karavan Press das Buch „An Island“ der südafrikanischen Autorin Karen Jenning herausbrachte. Das Manuskript war zuvor von großen internationalen Verlagen abgelehnt worden, 2021 jedoch stand „An Island“ auf der Longlist für den renommierten britischen Booker Prize.

Zeitweilig hat sich die Strömung sogar umgekehrt. So hat in den letzten 30 Jahren das African Books Collective (ABC) in Afrika veröffentlichte Bücher nicht nur auf dem gesamten Kontinent vertrieben, sondern sie auch einem breiten internationalen Publikum zugänglich gemacht.

Was Printmagazine betrifft, so haben sich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe hervorragender südafrikanischer Publikationen einen Namen in der Literaturwelt gemacht. „Botsotso“, „Prufrock“, „New Contrast“, „New Coin“ und „Stanzas“ – um nur einige zu nennen – werden allesamt von kleinen Verlagen herausgebracht.

Nick Mulgrew, Herausgeber von „Prufrock“, betont, dass es bei literarischer Kultur nicht nur um das Schreiben geht, sondern auch um Design, visuelle Kunst und kommerzielle Aspekte. „Alles ist vergänglich, aber Printpublikationen haben eine gewisse Beständigkeit. Sie sind taktil, sinnlich. Druckerzeugnisse markieren Zeit und Ort auf eine Art und Weise, die für digitale Medien nur sehr schwer zu reproduzieren ist.“



Für Lidudumalingani, den südafrikanischen Kurator des African Book Festival 2022 in Berlin, haben sowohl Print- als auch Online-Magazine ihre Berechtigung: „Ich persönlich mag Print lieber. Ich lese Gedrucktes mit größerer Leichtigkeit und weniger Ablenkung, und es bereitet mir ein einzigartiges Vergnügen. Ich denke, es ist mir wichtig, das Papier zu berühren, in einem Buch zu blättern... In der Theorie sind Online und Print nicht sehr verschieden. Zumindest sollte das Medium, in dem etwas veröffentlicht wird, keinen Einfluss auf das Schreiben haben. Geschichten, die in Print oder online veröffentlicht werden, sollten gleich gut und von gleicher literarischer Qualität sein.“

Der in Kenia lebende James Murua, Gründer des James Murua‘s Literature Blog, sieht keinen Anlass, Print gegen Online-Veröffentlichungen auszuspielen: „Die neuen Werke richten sich vor allem an afrikanische Leser, die auf dem Kontinent leben. Verlage in Lagos, Kairo und Johannesburg produzieren Werke, die das Leben der Afrikaner schildern. Schriftstellerinnen wie Jennifer Nansubuga Makumbi, Angela Makholwa und Ayobami Adebayo sind perfekte Beispiele dafür.“


 

„Online-Zeitschriften sind nicht mehr so eingeschränkt durch den Einfluss von Geldgebern… Sie können radikaler und subversiver sein“

 


Klar ist, dass die digitale Technologie afrikanischen Autoren und ihren Lesern nahezu grenzenlose Möglichkeiten eröffnet. In Abwesenheit westlicher Normen können afrikanische Online-Magazine Grenzen überschreiten, packende Fotoessays, Avantgarde-Kunst, experimentelle Lyrik und Prosa veröffentlichen – anspruchsvolle, aufregende und sogar kontroverse Inhalte, die in gedruckter Form vielleicht nicht zu finden wären.

Der Journalist Abdi Latif Dahir zitierte den ghanaischen Schriftsteller Nii Ayikwei Parkes dahingehend, dass neue Online-Zeitschriften nicht mehr so stark eingeschränkt seien durch den Einfluss von Geldgebern oder die „tatsächliche oder eingebildete Aufgabe, eine respektable Identität für Afrika nach der Unabhängigkeit herausbilden zu müssen… Aus diesem Grund können sie progressiver, radikaler, und subversiver sein.“

 

Geschäftsmodell Literaturmagazin?

Aber natürlich bringen Online-Initiativen auch ihre eigenen Probleme mit sich. „Leider erreichen nur wenige digitale Zeitschriften die Reichweite, für nötig ist um langfristig zu bestehen,“ stellt Ben Williams fest. „Online zu publizieren ist in den letzten fünf Jahren deutlich komplexer geworden. Es ist immer schwieriger, mit einer einfachen Konfiguration wie WordPress auf einem Cloud-Server auszukommen. Es gibt neue Lösungen im Bereich des digitalen Publizierens, die eleganter sind als die frühen Tools, aber sie sind auch recht kostspielig. Das Online-Publizieren wird damit natürlich teurer - und die niedrigen Kosten waren ja überhaupt erst der Grund, online zu publizieren.“

James Murua teilt diese Ansicht: „Es ist schwierig ist, solche Veröffentlichungen rentabel zu machen. Daher gibt es nur wenige, die sich länger als fünf Jahre über Wasser halten können.“ Obwohl sein Blog über 17.000 Abonnenten hat und seit über zehn Jahren erfolgreich ist, hat er sein Angebot erweitert: „Meine Zielgruppe sind jetzt nicht mehr nur die Afrikaner auf dem Kontinent, sondern Afrikaner auf der ganzen Welt – die Diaspora in Europa, Amerika und überall dazwischen. Ich habe mittlerweile auch einen YouTube-Kanal und einen Podcast, alle mit der gleichen Mission: afrikanische Schriftsteller in Bestform zu zeigen und bislang übersehene Autoren ins Rampenlicht zu rücken, die großartig sind und weltweite Bekanntheit verdient haben.“

Die zukünftige Entwicklung der afrikanischen Literatur hängt von einer aktiven Gemeinschaft von Schriftstellern und Lesern ab, aber letztlich müssen die Regierungen die Lesekultur fördern. Ohne Finanzierung und ein gut funktionierendes System von Programmen und Zuschüssen können hochklassige literarische Initiativen nicht aufrechterhalten werden. Damit afrikanische Literatur weltweit rezipiert werden kann, sind auch Übersetzungen vonnöten.

 

Afrikanische Literatur verfügbar machen

Was die Rezeption in Afrika angeht, so gehen Print und Online Hand in Hand, nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten im Vertrieb und der Verbreitung von gedruckten Büchern. Wie Lidudumalingani zu Recht feststellt: „Zugänglichkeit bezieht sich oft nur auf die digital vernetzte Welt, als ob diese gleichbedeutend mit der Welt des Lesens wäre. Das ist sie aber nicht.“

Die Tatsache, dass es in Teilen des Kontinents immer noch schwierig ist, überhaupt Zugang zu Literatur zu bekommen, sollte nicht ignoriert werden. In manchen Gegenden gibt es nur wenige Möglichkeiten für das traditionelle Verlagswesen, dort sind viele Bücher und Zeitschriften nur schwer erhältlich oder die Menschen haben nur wenig Geld für Druckerzeugnisse. Dort kann die Online-Welt sicherlich Türen öffnen. Doch selbst wenn es mehr und mehr Online-Inhalte gibt, haben Leser nach wie vor ein Bedürfnis nach Druckerzeugnissen, einschließlich Zeitschriften und besonderen Magazinen.


 

„In manchen Gegenden sind viele Bücher und Zeitschriften nur schwer erhältlich oder die Menschen haben nur wenig Geld für Druckerzeugnisse“


2021 war ein außergewöhnliches Jahr für die afrikanische Literatur. Neue Preise – der Island Prize und die Isele Prizes – wurden gestiftet. Mohamed Mbougar Sarr aus dem Senegal wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den englischen PEN-Pinter-Preis, Paulina Chiziane aus Mosambik den Camões-Preis, Boubacar Boris Diop aus dem Senegal den Internationalen Literaturpreis Neustadt, der Südafrikaner Damon Galgut den Booker-Preis und der Tansanier Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis für Literatur.

Je mehr die digitale Welt und das literarische Ökosystem Afrikas wachsen und sich ausdehnen, werden verschiedene Publikationsformen nebeneinander bestehen und den unterschiedlichen Vorlieben und Bedürfnissen der afrikanischen Leserschaft Rechnung tragen. Denn die wahre „Heimat“ der afrikanischen Literatur liegt letztlich in dem jeweiligen konkreten Format, in dem ein afrikanischer Autor sein Werk veröffentlicht.


Aus dem Englischen von Caroline Härdter.

Magazine
Jahazi Journal (Kenia), Jalada Africa (Kenia),  Doek! (Namibia), Lolwe, Imbiza Journal (South Africa), Kikwetu Journal (East Africa), Omenana (Speculative Fiction), Down River Road (Kenia), Agbowó (Nigeria), Isele Magazine, Open CountryJohannesburg Review of Books (South Africa), New Frame (South Africa), Africa Is A CountryherriBotsotso (South Africa), New Contrast (South Africa), New Coin Poetry (South Africa), Stanzas Poetry Magazine (South Africa), Ta Adesa (Ghana)

Verlage:
Cassava Republic Press (Nigeria), African Books Collective, Modjaji Books (South Africa), Jacana Media (South Africa)    


 

Zurück zur Startseite