Feminismus | Krieg

Wer hat Angst vor Penthesilea?

Frauen, die in Kriege ziehen – das gilt bis heute als unnatürlich. Dabei kämpfen Frauen schon seit Anbeginn unserer Spezies
Eine Illustrationen von Johanna von Orleans zeigt sie in Rüstung

Frauen haben immer schon in Kriegen gekämpft – und zwar weltweit.

2022 ging ein Bild von Annalena Baerbock durch die Medien, der damaligen deutschen Außenministerin. Es zeigt sie mit Militärhelm, schwarzer schusssicherer Weste und ernstem Blick in der Ostukraine. Christoph von Marschall, Redakteur beim „Tagesspiegel“, kommentierte das Foto im „ZDF-Morgenmagazin“ zutiefst besorgt: „Dieses Bild ist wirklich ein bisschen entlarvend. Man sieht ja deutlich, dass diese junge Dame, die unsere Außenministerin ist, sich in dieser Situation nicht besonders wohlfühlt.“ Eine Frau an der Front, das ist eine Anomalie. Unnatürlich. Mitleid erweckend. Impliziert wird auch: Die erste Frau an der Spitze des Auswärtigen Amtes in der Geschichte Deutschlands ist diesem Posten nicht gewachsen, weil sie eine „junge Dame“ ist. Zartbesaitet also, ungeeignet und ehrlicherweise auch nicht gern gesehen auf einem Schlachtfeld. Es beunruhigt Männer, wenn die, die Leben schenken kann, dabei ist, wenn es ausgelöscht wird.

Witzigerweise ist gleichzeitig nichts in der westlichen Kriegsikonografie so beliebt wie die Frau an der Waffe – als Allegorie. Das fängt nicht erst mit Wonder Woman oder der französischen Marianne an, die auf dem berühmten Gemälde von Eugène Delacroix – natürlich barbusig – mit der Tricolore in der einen und dem Bajonett in der anderen Hand die Franzosen in die Revolution führt. Zwar erlaubten weder die antiken Griechen noch die Römer Frauen in der Armee. Doch ihre Göttin des Kampfes und der Weisheit war Athene beziehungsweise Minerva, eine bewaffnete Jungfrau. In der Mythologie treten auch die Amazonen auf, wilde Kriegerinnen, die sich eine Brust abschnitten, um besser Bogen schießen zu können. Ihre Königin Penthesilea wurde von Achilles erschlagen. Als ihr der Helm vom Kopf fiel, verliebte er sich posthum in sie: Die Frau an der Waffe ist verstörend, aber, sofern sie von einem Mann besiegt werden kann, irgendwie auch hot. Siehe das deutsche Pendant zu Penthesilea, die Kriegerin Brunhilde, die von Siegfried durch eine List zweimal besiegt und schließlich von Gunther vergewaltigt wird.

„Es beunruhigt Männer, wenn die, die Leben schenken kann, dabei ist, wenn es ausgelöscht wird.“

Eine kämpfende Frau, so argumentiert die Journalistin Andrea Böhm in ihrem Buch „Fighting Like a Woman“, rüttelt eben nicht nur an der Allmachtsfantasie der männlichen Potenz, sondern auch „am Fundament des zentralen Machtverhältnisses der jüngeren Menschheitsgeschichte: dem physischen Gewaltmonopol der Männer.“ Tatsächlich ist dieses Monopol, das bis heute mit der angeblichen körperlichen Unterlegenheit von Frauen und ihrer zarten Befindlichkeit legitimiert wird, jedoch eine Fiktion, wie ich in meinem Buch Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit zeige.

Ein Schwarzweißfoto einer spanischen Milizionärin

Das Foto von der 17-jährigen Milizionärin Marina Ginestà auf einem Dach in Barcelona, wurde zu einem ikonischen Symbol weiblicher Beteiligung am antifaschistischen Widerstand.

Während historisch belegte kämpfende Frauen wie Jeanne d’Arc, auch Jungfrau von Orléans genannt, gern als sexuell unverfügbare Ausnahme deklariert werden, sind Frauen schon zu Beginn der Menschheit, in der Steinzeit, an der Jagd beteiligt gewesen. Das zeigen uns Funde wie jene eines Grabes in den peruanischen Anden, das der US-amerikanische Archäologe Randall Haas im Jahr 2018 untersuchte: Da beide Skelette dort mit Jagdwaffen und Werkzeugen beigesetzt wurden, hielten Haas und sein Team sie zunächst für zwei Männer. Erst als eine Laboranalyse bewies, dass es sich bei einer der beiden Personen um eine Frau handelte, wurden ähnliche Funde in einer Studie, an der auch Haas beteiligt war, erneut überprüft. Das Team kam zu dem Schluss, dass zwischen dreißig und fünfzig Prozent der geborgenen Großwildjäger in den Amerikas der Steinzeit Frauen gewesen sein könnten.

Auch in der Antike waren Kriegerinnen alles andere als ein rein fiktives Phänomen. Zwar fanden die römischen Herren, als sie an der Front bewaffnete Frauen sahen, dies ähnlich unschicklich und erschreckend wie Christoph von Marschall. Aber sowohl bei den Germanen als auch bei den Kelten waren Kämpferinnen durchaus üblich; bei Letzteren gelangte die Heerführerin Königin Boudicca sogar zu großem Ruhm, nachdem sie 60 nach Christus in England mit ihren Truppen gegen die römischen Besatzer gekämpft hatte. Aber sogar in den Stadien von Rom, einem Lieblingsmotiv des Machismo, haben Gladiatorinnen gekämpft. Cassius Dio berichtet, dass Nero versklavte äthiopische Frauen in der Arena antreten ließ. Im British Museum in London wird ein Relief aus dem 2. Jahrhundert aus Halikarnassos in der heutigen Türkei, damals Teil der römischen Provinz Asia, aufbewahrt, das zwei Gladiatrices beim Kampf zeigt. Wer nun entgegnen möchte, das sei aber alles schon arg lange her, muss feststellen: Auch in der Neuzeit waren Frauen oft bewaffnet. Während der Französischen Revolution zogen zum Beispiel 6.000 Marktfrauen mit Säbeln und Äxten gen Versailles, um den König dazu zu zwingen, etwas gegen die Hungersnot zu unternehmen.

Auch an Blutrünstigkeit standen Frauen den männlichen Revolutionären in nichts nach: Berüchtigt waren die sogenannten „Tricoteuses“, die gerne den Hinrichtungen beiwohnten und zu Füßen der Guillotine strickten. Der Revolutionär Marat wurde bekannterweise von Charlotte Corday erstochen, als er gerade in der Badewanne lag. Dennoch spielt die Frau im Krieg im westlichen kulturellen Gedächtnis vor allem die Rolle des Opfers. Schon vor Jahrhunderten wurden, etwa im Rahmen des Kolonialismus, Länder, die man überfiel, mit einer Frau verglichen, die vergewaltigt wird. Auf diese Tradition bezieht sich auch Wladimir Putin gern, etwa 2022 bei einer Pressekonferenz kurz vor Beginn seines Angriffskriegs gegen die Ukraine. Damals zitierte er Zeilen aus einem misogynen russischen Volkslied, in dem es heißt: „Ob du es magst oder nicht – du wirst dich damit abfinden müssen, meine Hübsche.“ Dabei gibt es gerade in der jüngeren Geschichte zahlreiche Beispiele dafür, dass Frauen in großer Zahl an der Front kämpften. So standen im Spanischen Bürgerkrieg 20.000 Frauen der anarchistischen Organisation Mujeres Libres im Schützengraben, um die Freiheit gegen den Diktator Franco zu verteidigen. Und im Zweiten Weltkrieg waren Frauen nicht nur im Lazarett und in der Spionage tätig, sondern sie kämpften auch im Heer. Man schätzt, dass 800.000 bis eine Million Frauen allein in der Roten Armee dienten, unter anderem als Panzerfahrerinnen, Kampfpilotinnen und Scharfschützinnen.

„Trotz all dieser Beispiele bleibt die Frau im Krieg im Westen ein Enigma, irgendwo zwischen Fetisch, widernatürlichem Zwitterwesen und armer junger Dame.“

Besonders wenig Aufmerksamkeit haben die bewaffneten Frauen des Globalen Südens bekommen. Im Vietnamkrieg kämpften nach Schätzungen über 1,5 Millionen Frauen in der Armee oder in der Guerilla. Die von Fidel Castro persönlich gegründete und ausgebildete Fraueneinheit Mariana Grajales Platoon, benannt nach einer afrokubanischen Heldin des Freiheitskampfes gegen die Spanier, war Teil der Revolutionstruppen. Als sich einige seiner Männer bei Castro beschwerten und fragten, warum Frauen Gewehre erhielten, die doch so rar waren, entgegnete dieser: „Weil sie bessere Soldaten als ihr sind, sie sind disziplinierter.“

Trotz all dieser Beispiele bleibt die Frau im Krieg im Westen ein Enigma, irgendwo zwischen Fetisch, widernatürlichem Zwitterwesen und armer junger Dame. Will man diesem Bild entgegenwirken und die oft unsichtbaren Kämpferinnen sichtbar machen, ergeben sich allerdings Widersprüche. Einerseits ist es wichtig, die Leistungen von Kämpferinnen zu betonen, auch um Scheinargumente dafür zu entkräften, dass ein männliches Gewaltmonopol in irgendeiner Weise gerechtfertigt oder „natürlich“ wäre. Andererseits darf man nicht vergessen, dass die Initiatoren der gegenwärtigen Kriege ausnahmslos Männer sind. Frauen haben zweifellos belegt, dass sie Soldatinnen sein können, sie müssen das allerdings meist nur, weil sie von Männern verursachter Gewalt ausgesetzt sind.

Das erklärt auch, warum sich Feministinnen in der aktuellen Debatte um einen verpflichtenden Wehrdienst für Frauen so schwertun: Auf der einen Seite lässt sich argumentieren, dass die Forderung nach Geschlechtergleichheit eben auch Pflichten wie den Militärdienst betreffen sollte. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie es denn fair sein soll, wenn Frauen, die auch in Deutschland in so ziemlich allen Lebensbereichen diskriminiert werden, jetzt auch noch in die Schlacht ziehen sollen? In Deutschland wird bereits in Friedenszeiten fast jeden Tag eine Frau getötet, und zwar meist von ihrem Partner oder Ex-Partner. Im Militär selbst werden Frauen extrem benachteiligt. In einer sogenannten Eliteeinheit der Bundeswehr, dem Fallschirmjägerregiment 26, wurden im Januar dieses Jahres Ermittlungen gegen 55 Soldaten eingeleitet, unter anderem wegen Sexismus und Vergewaltigungsdrohungen gegen Soldatinnen. Sollte also nicht erst mal mehr dafür getan werden, dass deutsche Männer Frauen respektieren und vor sich selbst schützen, bevor man sie anderen Männern vors Gewehr schubst? Aber es gibt eben auch einige Argumente dafür, dass es nicht feministisch oder zumindest nicht im Sinne von Frauen sein kann, allein Männern abzuverlangen, in den Krieg zu ziehen. In der Ukraine dienen Stand Dezember 2025 über 70.000 Frauen im Militär, fast 20.000 davon in Kampfpositionen. Freiwillig. Hätten die Streitkräfte an der Front so lange durchgehalten, wenn nur Männer die Ukraine verteidigen würden? Sehr wahrscheinlich nicht. Auch in als besonders feministisch geltenden Nationen wie Schweden oder Israel werden Frauen in puncto Militär nicht sehr viel anders behandelt als Männer. Und im kurdischen Rojava trotzen Soldatinnen völlig selbstverständlich seit über zehn Jahren tapfer islamistischen Milizen und verteidigen damit auch einen der letzten Orte im Nahen Osten, an dem Frauen autonom und gleichberechtigt leben können.

„Wie können wir dafür sorgen, dass Frauen als Soldatinnen historisch und in der Gegenwart Anerkennung bekommen?“

Setzen wir uns also ungerechter, zusätzlicher patriarchaler Gewalt aus, wenn wir in den von Männern begonnenen Kriegen kämpfen? Oder manövrieren wir uns, wenn wir den Kampf verweigern, in die Position der Damsel in Distress, die von anderen gerettet werden muss? All diese Widersprüche können nur aufgelöst werden, wenn wir sicherstellen, dass Frauen in der Armee dienen können, ohne Gewalt in den eigenen Reihen erleiden zu müssen. Wie können wir dafür sorgen, dass Frauen als Soldatinnen historisch und in der Gegenwart Anerkennung bekommen und nicht sexualisiert und herabgewürdigt werden? Wie verhindern wir aber auch, dass Frauen an der Waffe nicht als Ikone instrumentalisiert werden, um Gewalt selbst zu rechtfertigen, zu verherrlichen und zu fetischisieren? Wie können wir nichtbinäre Personen und ihre Bedürfnisse in die Debatte mit einschließen? Und wie stellen wir – und das ist letztlich das Wichtigste – sicher, dass wieder Diplomatie statt Imperialismus in den Mittelpunkt der Weltpolitik rückt, um alle Geschlechter gleichsam vor Gewalt zu schützen? Die Frau an der Waffe ist nichts Unnatürliches. Es gab sie schon immer und sie hat damit sowohl Anteil an der Geschichte heldenhafter Résistance als auch an jener des brutalen Blutvergießens. Nur wenn wir sie in all ihrer Macht, Vulnerabilität und Komplexität begreifen, können wir das Enigma feministisch auflösen.

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