Heiter bis wolkig
Lalaland (2013)
Foto: Amr Attamimi
Das Gespräch führte Ruben Donsbach
Herr Ibrahim, ist ihr Buch eine Gegenerzählung zum gängigen Bild eines vom Krieg verwüsteten, trostlosen Landes?
Das dominante visuelle Narrativ über den Jemen wird fast vollständig von Krieg, Hunger und Krise bestimmt. So real diese Zustände sind, sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Ich wollte Raum schaffen für Bilder und Geschichten, die den Jemen als gelebte Wirklichkeit zeigen: komplex, intim, menschlich. Das Buch leugnet das Leid nicht. Aber es weigert sich, ein ganzes Land darauf zu reduzieren. In diesem Sinn ist es eine Gegenerzählung, die neben Verlust und Schmerz auch Würde und Kreativität sichtbar macht.
Das Buch versammelt 14 Fotografinnen und Fotografen aus drei Generationen, die sowohl im Jemen als auch in der Diaspora leben. Sehen Sie trotzdem so etwas wie eine gemeinsame kulturelle DNA?
Was diese Arbeiten verbindet, ist ihre gemeinsame Sensibilität. Ob abstrakt, konzeptuell oder dokumentarisch, immer geht es um eine intensive Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität, Abwesenheit oder Zugehörigkeit. Formal mögen die Fotografien stark variieren, doch ihnen allen ist eine stille Verweigerung des Spektakels eigen. Viele der Positionen entziehen sich einer schnellen Lesbarkeit. Darin spiegelt sich, so denke ich, eine kulturelle Haltung, die von Instabilität, Zensur und Erfahrung von Vertreibung geprägt ist.
Northern Yemen (2013)
Foto: Yumna al-Arashi
Die Fotografin Boushra Almutawakel verhandelt beispielsweise Fragen von Sichtbarkeit und Geschlecht, was wie eine Kritik religiöser oder zumindest kultureller Normen erscheint. Inwiefern ist das exemplarisch für einen breiteren Diskurs innerhalb der jemenitischen Gesellschaft?
Boushras Arbeit ist politisch und zugleich tief kulturell und persönlich. Bei ihrer Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit, insbesondere in Bezug auf weibliche Körper, greift sie zentrale Debatten zur jemenitischen Gesellschaft auf: Es geht um Fragen der Selbstbestimmung, des Glaubens, um Tradition und Moderne. Diese Diskussionen werden sowohl im Jemen selbst als auch in der Diaspora geführt, wenn auch unterschiedlich. Ihre Arbeit zeigt: Jemenitische Frauen sind keine passiven Objekte im Kontext bestimmter kultureller und religiöser Strukturen, sondern aktive Interpretinnen und Kritikerinnen derselben.
Wie wird im Buch die Idee von „Heimat“ verhandelt?
Für Menschen im Jemen ist Heimat etwas Unmittelbares, Alltägliches. Für jene in der Diaspora ist sie oft fragmentiert, erinnert oder imaginiert. Es gibt eine Trennlinie, aber keine klare. In der Diaspora arbeiten viele mit Nostalgie, Distanz und auch Schuldgefühlen, während diejenigen im Land selbst mit äußerst dringlichen Fragen des Überlebens konfrontiert sind. Und doch verhandeln beide Seiten Themen wie Verlust und Verbundenheit. Das Buch bringt diese Perspektiven zusammen, ohne sie auf eine einzige Definition von „Heimat“ festzulegen.
Lean On Me (2020)
Foto: Shaima al-Tamimi
In Ihrer eigenen, im Buch gezeigten Arbeit reflektieren Sie Liebe und Zärtlichkeit im jemenitischen kulturellen Kontext. Ist diese Arbeit biografisch geprägt?
Sehr. Mich interessiert, wie Liebe, Intimität und Zärtlichkeit innerhalb des Rahmens der jemenitische Kultur funktionieren, die von außen oft als starr oder restriktiv wahrgenommen wird. Ich wollte zeigen, wie Beziehungen durch gesellschaftliche Erwartungen, Familie, Distanz und Glauben geformt werden. Es geht mir nicht darum, die jemenitische Erfahrung zu verallgemeinern. Sondern darum, auf der emotionalen Komplexität zu bestehen, die vorhanden und sichtbar ist – auch wenn sie selten repräsentiert wird.
Kann die jüngere Generation einen politischen wie kulturellen Wandel mitgestalten?
Das macht sie schon jetzt, auch wenn sich das politisch nicht immer unmittelbar zeigt. Doch kulturell geschieht enorm viel: Es wird experimentiert, infrage gestellt und neu entworfen – häufig auf dem Feld der Kunst und Fotografie und in digitalen Räumen. Meine Hoffnung liegt in der Beharrlichkeit jener Menschen, die trotz schwierigster Bedingungen weiter schaffen, weiter fragen und sich zukünftige Möglichkeiten vorstellen.
„Photography from Yemen“ ist bei Makan Press, New York City, erschienen und wurde von Ibi Ibrahim and Lizzy Vartanian kuratiert
Winter Season (2018)
Foto: Somaya Samawi