„Ein gerechter Grund macht noch lange keinen gerechten Krieg“
Visual: Julia Neller
Das Interview führte Morgane Llanque
Frau Fabre, Sie sind Expertin für die Philosophie des gerechten Krieges. Beginnen wir mit den Grundlagen: Was ist ein gerechter Krieg, und welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit wir von einem solchen sprechen können?
Die Idee des gerechten Krieges hat eine sehr lange Tradition, sie gründet in Theorien zur Moral, zum Recht und zur Theologie. Im Westen nahm sie ihre heutige Form erstmals in den Schriften des Heiligen Augustinus an. Die zentrale Frage, die sie beantworten wollte, lautete: Unter welchen Bedingungen kann eine politische Autorität Krieg führen, ohne moralisch falsch zu handeln?
Traditionell müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein: Ein Krieg muss einen gerechten Grund haben, mit den richtigen Absichten geführt werden, das Mittel der letzten Wahl sein, eine realistische Chance auf Erfolg haben und in einem angemessenen Verhältnis zu dem Unrecht stehen, auf das damit reagiert wird. Diese Prinzipien regeln die Entscheidung zum Krieg und werden als jus ad bellum bezeichnet. Sobald ein Krieg begonnen hat, treten weitere Prinzipien in Kraft, gemäß dem jus in bello. Dazu gehören Notwendigkeit, Verhältnismäßigkeit und vor allem der Schutz von Zivilisten: Es ist erlaubt, gezielt feindliche Soldaten anzugreifen, nicht jedoch Zivilpersonen. Schließlich legt das jus post bellum die Grundsätze fest, nach denen Kriege beendet werden müssen und was einen gerechten Frieden ausmacht.
Und würden Sie sagen, dass die meisten Staaten diesem moralischen Rahmen noch zustimmen?
Die Prinzipien werden in ihrer allgemeinen Form weithin akzeptiert, aber ihre Anwendung und Interpretation sind stark umstritten. Zum Beispiel: Wer zählt als Zivilist? Ein ziviler Staatschef, der einen Krieg beginnt? Ein Fabrikarbeiter, der Munition produziert? Ein weiteres Beispiel: Manche vertreten die Ansicht, dass das Erfordernis der Notwendigkeit einen Präventiv- oder Vorbeugungskrieg grundsätzlich verbietet; andere würden dem widersprechen.
Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Angriff des Iran durch die USA und Israel?
Urteile über einen gerade begonnenen Konflikt zu fällen, ist immer riskant. Sprechen wir zunächst über die Intentionen der USA. Präsident Donald Trump behauptet, er habe den Iran angegriffen, um die Bedrohung durch Irans Nuklearprogramm und ballistische Raketen abzuwehren, um zu verhindern, dass Iran militante Gruppen in der Region unterstützt, und um einen Regimewechsel herbeizuführen. Von diesen möglichen Rechtfertigungen ist prinzipiell die Verteidigung gegen eine unmittelbare Bedrohung die stärkste. Dennoch gibt es, wie viele Kommentatoren betonen, keine Beweise dafür, dass Iran kurz davor war, die USA anzugreifen. Selbst wenn der Sturz eines autoritären Regimes, das regelmäßig die Menschenrechte seiner Bürger verletzt, prinzipiell ein gerechter Kriegsgrund ist, folgt daraus nicht automatisch, dass der Krieg gerecht ist. Wir müssen prüfen, ob er verhältnismäßig ist und ob es realistische Erfolgschancen gibt. Ohne klare Aussicht auf einen gerechten Frieden bleibt das Ganze äußerst fragwürdig.
„Zu behaupten, dass das wachsende Machtpotenzial eines Nachbarn einen Präventivangriff rechtfertige, ist höchst gefährlich.“
Ein weiteres Beispiel für einen Verfechter von Präventiv- oder Vorbeugungskriegen ist Wladimir Putin. Er behauptet, Russlands Invasion in der Ukraine sei ebenfalls eine Selbstverteidigung gegen eine Aggression, als Reaktion auf eine existentielle territoriale Bedrohung durch die NATO. Historisch rechtfertigte Japan seine imperiale Expansion mit der Notwendigkeit sich zu wehren, um nicht von europäischen Kolonialmächten verschlungen zu werden.
Wir müssen zwei Fragen unterscheiden: Erstens, was zählt als Aggression? Eng gefasst bedeutet Aggression militärische Invasion; weiter gefasst kann es auch andere Formen von Zwang umfassen. Aber zu behaupten, dass das wachsende Machtpotenzial eines Nachbarn einen Präventivangriff rechtfertige, ist höchst gefährlich. Damit instrumentalisiert man eine Sprache, die nach einer hohen Moral klingt, dafür, eine militärische Eskalation und möglicherweise imperiale Ambitionen zu rechtfertigen.
In diesem Rahmen würden Sie also sagen, dass die Selbstverteidigung der Ukraine gerecht ist, während Putins Invasion eine imperiale Aggression unter moralischem Deckmantel darstellt?
Der Verteidigungskrieg der Ukraine hat eindeutig einen gerechten Grund. Was Präsident Putin betrifft, ist es möglich, dass er aufrichtig glaubt, Russland stünde vor einer existenziellen Bedrohung. Aber Aufrichtigkeit heißt nicht, dass er im Recht ist.
Vor allem, wenn Russland weiterhin zivile Infrastruktur angreift und Kriegsverbrechen begeht.
Genau: Die Verhältnismäßigkeit und der Schutz von Zivilisten bleiben verbindlich. Die Art des Handelns ist entscheidend. In anderen Fällen kann es durchaus auch gerechte Kriegsgründe geben, die nicht mit der Reaktion auf militärische Aggression zusammenhängen. Viele Philosophen stimmen heute darin überein, dass die Verhinderung von Völkermord oder Massenverbrechen einen gerechten Kriegsgrund darstellen kann. Doch selbst dann bedeutet ein gerechter Grund nicht automatisch, dass der Krieg unter allen Gesichtspunkten gerecht ist.
Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Ein häufig diskutierter Fall ist Ruanda 1994. Viele Wissenschaftler argumentieren, dass ein früheres militärisches Eingreifen der internationalen Gemeinschaft einen gerechten Grund gehabt hätte – die Verhinderung von Massenverbrechen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Eingreifen unter allen Gesichtspunkten gerecht gewesen wäre. Verhältnismäßigkeit, Erfolgsaussichten und unbeabsichtigte Folgen müssten ebenfalls geprüft werden. Aber als gerechter Grund zählt die Verhinderung von Völkermord eindeutig.
In Europa wurde es nach 1945 Teil unseres politischen Selbstverständnisses, dass nur Selbstverteidigung gegen Aggression ein gerechter Kriegsgrund ist und dass wir eine Soft Power sind. Können wir uns dieses Selbstverständnis in der heutigen geopolitischen Lage noch leisten?
Militärische Gewalt sollte stets das letzte Mittel sein, auch wenn umstritten ist, was genau „letztes Mittel“ bedeutet. Ich bin jedoch seit langem der Ansicht, dass die Europäische Union eine eigene Armee benötigt. Soft Power allein reicht nicht aus, wenn Europa nicht mehr davon ausgehen kann, dass die USA seine Verteidigung unter allen Umständen garantieren. Die strategische Realität hat sich geändert.
Bis vor Kurzem verteidigten die USA Kriegshandlungen noch mit moralischen Argumenten – selbst wenn diese auf falschen Prämissen beruhten, wie bei der amerikanischen Invasion im Irak oder eventuell jetzt ebenfalls bei der Invasion des Iran. Wenn Donald Trump aber zum Beispiel über seinen Angriff auf Venezuela spricht, versucht er nicht einmal, ein komplexes moralisches Argument zu konstruieren. Er sagt offen: Wir wollen euer Öl, wir wollen Dominanz, strategische Kontrolle. Er schmückt das lediglich mit dünner Rechtfertigungsrhetorik etwa über den sogenannten „Krieg gegen Drogen“ aus. Erleben wir einen allmählichen Bruch mit der Notwendigkeit, militärische Aggression moralisch zu rechtfertigen?
Ich glaube, Sie meinen eine Verschiebung dahingehend, in welchem Umfang moralische Gründe angeführt werden, nicht ihr völliges Verschwinden. In früheren Jahrzehnten wurden US-amerikanische Interventionen oft rhetorisch mit dem Verweis auf universalistische Ansprüche begründet: Verteidigung der Demokratie, Schutz der globalen Sicherheit, Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung. Auch wenn diese Behauptungen umstritten oder faktisch falsch waren, wurden sie als moralisch höherstehend und als über nationales Interesse hinaus relevant präsentiert. Heute ist der Ton, wie Sie andeuten, stärker nationalistisch: amerikanisches Interesse, amerikanische Stärke, amerikanische Dominanz. Das kann moralisch gerahmt werden. Ein mögliches Argument – ich billige es nicht, sondern rekonstruiere nur –, lautet, dass US-Beamte eine besondere moralische Pflicht gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern ihres Landes hätten. Aus dieser Perspektive ist die Priorisierung nationaler Interessen nicht amoralisch, sondern eine Erfüllung der Amtspflicht. Ich finde diese Argumente jedoch problematisch und lehne sie im Kern ab, da sie den moralischen Rahmen verengen und Macht mit Legitimität verwechseln. Dennoch würde ich nicht sagen, dass die moralisch gefärbte Sprache in der Rhetorik der USA – oder der Trump-Administration – völlig verschwunden ist.
Ich habe kürzlich Giuliano da Empolis Buch „Die Stunde der Raubtiere“ gelesen. Er argumentiert, dass in der Menschheitsgeschichte der Fokus auf Verteidigungs- oder Angriffsstrategien stets zyklisch war. Am Beispiel der italienischen Renaissance zeigt er, dass die Entwicklung schwerer Artillerie im 16. Jahrhundert das strategische Gleichgewicht veränderte: Erst mit dem Bau stärkerer Festungen rückte wieder die Verteidigung in den Mittelpunkt. Er vermutet, wir befinden uns in einem neuen Zyklus, in dem Aggression belohnt wird, und dass Demokratien neue „Festungen“ brauchen. Was halten Sie davon?
Das ist ein faszinierender Ansatz. Europa erkennt möglicherweise, dass eine rein reaktive, abwartende Haltung nicht mehr klug ist. Die baltischen Staaten und Finnland haben beispielsweise ihre Gefechtsbereitschaft verstärkt – ein Zeichen dafür, dass man sich seiner Verwundbarkeit bewusst ist. Die Frage, ob wir in einen langfristigen Zyklus geraten, in dem Aggression dominiert, erfordert jedoch eine tiefere Analyse.
„Wer von der Verteidigung der Weltordnung spricht, muss die ganze Welt meinen – nicht nur den globalen Norden.“
Der kanadische Premierminister sagte kürzlich beim Weltwirtschaftsforum: „Nostalgie ist keine Strategie“; wir müssten akzeptieren, dass die wertebasierte Weltordnung nicht mehr besteht, um moralisch zurückschlagen zu können und Prinzipien wie territoriale Souveränität und den Verzicht auf Handelskriege wiederherzustellen. Stimmen Sie ihm zu?
In einem wichtigen Punkt stimme ich zu: Unter denen von uns, die nach 1945 oder nach dem Ende des Kalten Krieges aufwuchsen, herrschte die weitverbreitete Überzeugung, dass internationale Politik, zumindest zwischen Großmächten, grundlegend regelbasiert geworden sei. Dieses Vertrauen wurde deutlich erschüttert. Ich würde jedoch nicht behaupten, dass die vergangenen Jahrzehnte eine wirklich wertebasierte globale Ordnung waren – allenfalls aus westlicher Sicht. Europa und Teile Nordamerikas erlebten eine relative Stabilität, viele andere Teile der Welt nicht.
Während wir nostalgisch von einer Ära des Friedens sprechen, tobten in Subsahara-Afrika, Teilen des Nahen Ostens und sogar in Europa verheerende Kriege. Millionen starben in Konflikten, die das westliche Selbstverständnis kaum erschütterten.
Wenn es also ein moralisches Versagen gibt, liegt es zumindest teilweise in der Illusion, dass dies eine universell friedliche, wertebasierte Ordnung war. Sie war partiell, ungleich und eng verstrickt mit Macht- und Wirtschaftsinteressen. Wer von der Verteidigung der Weltordnung spricht, muss die ganze Welt meinen – nicht nur den globalen Norden.
In dieser Hinsicht wird heftig darüber diskutiert, ob die Unterstützung von Israels Krieg durch den Westen nach dem Massaker, das die Hamas beging, gerecht ist oder ob sie ein anderes moralisches Framework widerspiegelt als das, was wir auf andere Konflikte anwenden. Wie würden Sie diese Frage angehen?
Moralische Konsistenz ist entscheidend. Wenn Prinzipien des gerechten Krieges in einem Kontext gelten, sollten sie auch in einem anderen gelten. Die Hamas hat schwere Verbrechen begangen und begeht sie weiterhin – nicht nur gegen Israelis, sondern auch gegen Palästinenser und Palästinenserinnen. Ich glaube jedoch auch, dass Israel Kriegsverbrechen im Gazastreifen begangen hat und begeht und es zu schwerwiegende Unrechtshandlungen im Westjordanland gekommen ist.
Besorgniserregend ist, dass weder die aktuelle israelische Regierung noch die Führung der Hamas offenbar bereit ist, in gutem Glauben zu verhandeln. Ohne diese Bereitschaft ist eine gerechte Lösung nahezu unmöglich. Es ist eine Tragödie.
Cécile Fabre lehrt politische Philosophie am All Souls College in Oxford. Sie forscht zu Theorien des gerechten Krieges, der Verteilungsgerechtigkeit, Philosophie der Demokratie, Ethik der Außenpolitik und moralischen und politischen Philosophie des kulturellen Erbes und der Spionage.