Drohnenjäger
Der georgische Aktivist Dato zeigt ein Drohnenbild auf seinem Handy
Foto: Gundula Haage
Weit hinter den braun-grünen Feldern im Grenzgebiet zwischen Georgien und Südossetien erhebt sich der Kaukasus. Mit bloßem Auge ist auf einem Hügel eine Antenne zu erkennen, daneben stehen ein paar weiße Baracken. „Das ist ein Militärstützpunkt, da sind die Russen“, sagt Dato und senkt sein Fernglas. Der georgische Aktivist heißt eigentlich anders, will aber anonym bleiben. Seit über sieben Jahren dokumentiert er hier im Wechsel mit anderen Freiwilligen einen unglaublichen Landraub. Seit den 1980er-Jahren ist die nordgeorgische Region Südossetien umkämpft, seit dem Kaukasus-Krieg von 2008 steht sie unter De-facto-Kontrolle durch Russland. Auf dem Papier existiert eine klar definierte Waffenstillstandslinie zwischen den besetzten Gebieten und georgischem Territorium. Eigentlich.
Georgischer Aktivist in der russischen Grenzregion
Foto: TikTok @simonghosts2
Mehrmals pro Woche kommt Dato hierher zur „Okkupationslinie“ und lässt seine Drohne aufsteigen. Er filmt russische Feldlager, die kaum mehr sind als mit Camouflage-Planen bedeckte Unterstände, aber auch die großen Militärstützpunkte nahe der südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Vor allem aber dokumentiert er den Verlauf der Grenze. Denn diese verändert sich: „Stück für Stück eignet sich Russland georgisches Territorium an“, sagt Dato. Während des Kaukasuskriegs habe Georgien mit Südossetien und Abchasien rund zwanzig Prozent seines Staatsgebiets verloren, seit 2008 seien durch Verschiebungen der Grenze weitere fünf Prozent besetzt worden. „Manchmal sind es dreihundert Quadratmeter auf einmal, manchmal nur wenige Meter“, sagt Dato.
Es gibt die Geschichte eines älteren Mannes, dessen Grundstück sich bis zum Jahr 2013 auf georgischer Seite der Waffenstillstandslinie befand. Eines Morgens wachte er auf, und der Grenzzaun war über Nacht auf die andere Seite seines Hauses verlegt worden. Ohne dass er vorab darüber informiert worden war, lebte der Mann plötzlich im russisch kontrollierten Südossetien.
Eigentlich sollte es nicht Aufgabe von Privatpersonen sein, Grenzverläufe in Konfliktregionen zu überwachen. Doch die georgischen Grenzschutzbeamten schauten einfach weg. Grund dafür ist der prorussische Kurs der Regierungspartei „Georgischer Traum“, die im Oktober 2024 erneut an die Macht gewählt wurde. Die Partei des Milliardärs Bidsina Iwanischwili, der engste Geschäftsverbindungen nach Russland hat, richtet ihre Politik darauf aus, einen erneuten Krieg mit Moskau zu vermeiden. Zugleich werden »Dorfbewohner über die Okkupationslinie verschleppt und manchmal auch getötet«, sagt Dato.
Durchschnittlich jeden dritten Tag werde ein Georgier oder eine Georgierin der örtlichen Dorfbevölkerung von russischen Soldaten festgehalten und gewaltsam nach Südossetien gebracht. Dabei sei das Vorgehen jedes Mal ähnlich: Wenn Dorfbewohnerinnen und -bewohner allein auf ihren Feldern arbeiteten, würden sie von russischen Soldaten mit gezogener Waffe gezwungen, die Grenze zu überqueren. Sie müssten dann eine Erklärung unterzeichnen, in der sie bekennen, illegal eine „Staatsgrenze“ übertreten zu haben. Erst wenn sie eine Strafe von bis zu 800 Lari, etwa 250 Euro, bezahlt haben, werden sie wieder freigelassen.
Drohnenfoto aus der georgisch-russischen Grenzregion
Foto: TikTok @simonghosts2
„Aus Angst gehen die Menschen nicht mehr auf ihre eigenen Felder. Diese verwildern – und dann bewegen die Russen ihre Grenzzäune und eignen sich das Feld an“, sagt Dato. Seit 2008 seien so jährlich durchschnittlich 120 Menschen verschleppt worden.
Mithilfe der seit 2018 gesammelten Drohnenaufzeichnungen und Satellitenaufnahmen von Google Earth kann er mit Vorher-Nachher-Bildern nachweisen, wie sich die russischen Streitkräfte immer mehr Land angeeignet und neue Militärstützpunkte aufgebaut haben. Die gesammelten Fotos, Videos und Karten der sich ändernden Grenzverläufe laden Dato und seine Kolleginnen und Kollegen in anonymen Social-Media-Kanälen hoch. Bei „Ghost S-2“ folgen ihm allein auf Tiktok 19.000 Menschen. Dort teilt er mit Beats unterlegte Drohnenvideos, die teils über 500.000 Likes bekommen. „Mein Herz schmerzt, das schöne Dorf meiner Kindheit!“, kommentiert etwa eine Nutzerin ein Video, in dem vor Landminen auf der Straße nach Akhmaji, dem Dorf, das hinter der Grenzlinie liegt, gewarnt wird. „Warum wusste ich davon bisher nichts?“, kommentiert ein anderer Tiktok-Nutzer einen Clip, der einen getarnten russischen Militärstützpunkt in nur rund einem Kilometer Entfernung zur georgischen Autobahn zeigt.
Heute befindet sich der nächstgelegene russische Checkpoint nur vierzig Kilometer von Tiflis entfernt, doch kaum jemand spricht davon. Wenn Datos Plan aufgeht, dann ändert sich das bald – mit einem Drohnenvideo nach dem anderen.
Dieser Text entstand im Rahmen einer journalists.network-Reise.