Die Scam-Fabriken

In Kambodscha boomt Onlinebetrug – oft betrieben von ausländischen Arbeitskräften unter Zwang

Visual: Julia Neller

Kambodschas Cyberbetrüger sind im Verborgenen tätig, aber im industriellen Ausmaß: Hunderte abgeschottete Anlagen, sogenannte Compounds, sind im ganzen Land entstanden, und Hunderttausende ausländische Arbeitskräfte sollen eingereist sein, um dort zu schuften. Doch zu Jahresbeginn verbreitete sich in sozialen Netzwerken eine Flut von Videos, die zeigen, wie Menschen in der Nähe solcher Compounds über Felder rennen und offenbar vor etwas fliehen. Die Bilder deuten darauf hin, dass sich in der Scam-Branche etwas Grundlegendes verändert hat.

Zwar hatte es auch in der Vergangenheit immer wieder Fälle gegeben, in denen ausländische Arbeitskräfte protestierten oder flohen. Doch die schiere Menge an Aufnahmen im Januar war neu: Menschen, die mit Koffern auf dem Kopf davonliefen oder sich vor Sicherheitskräften mit Schlagstöcken in Sicherheit brachten.

Inzwischen gilt Kambodscha – international vor allem für seine Tempelanlagen bekannt – neben Myanmar und Laos als eines der Zentren für Cyberbetrug in Südostasien. Seit ungefähr fünf Jahren boomt dort das „Scamming“, der Onlinebetrug. Dafür werden Arbeitskräfte aus diversen Ländern angeheuert, oft mit falschen Versprechungen. Sie müssen dann oft unter schlimmen Bedingungen schuften, die an moderne Sklaverei erinnern.

Als Teil eines lokalen Reporterteams in Phnom Penh wurden wir durch verschiedene Hinweise bereits 2021 auf das Ausmaß des Problems aufmerksam: Chinesischsprachige Kollegen stießen in sozialen Medien auf Hilferufe junger chinesischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Diese – darunter auch Minderjährige – berichteten, sie seien nach Kambodscha verschleppt und dort in dubiosen Callcentern zur Arbeit gezwungen worden. Ihre Aufgabe: virtuelle Beziehungen zu Menschen in China, den USA und anderen Ländern aufzubauen, um diese später um ihr Geld zu bringen. Niedrig bezahlte oder gar unbezahlte Arbeitskräfte schilderten, sie seien teils aus Angst vor Schlägen geblieben – und um zu überleben.

Die Methode ist bekannt als „Pig Butchering“, wörtlich „Schweineschlachten“

Neben jenen, die verschleppt wurden, gibt es Arbeitskräfte, die mit Versprechen auf Gehälter angeworben wurden, die deutlich über dem lagen, was sie etwa in Indonesien, Vietnam oder Pakistan hätten verdienen können. Andere kamen aus afrikanischen Staaten und glaubten, eine ganz andere Tätigkeit aufzunehmen, oder sogar, in ein anderes Land zu reisen.

Die Scamming-Methode ist bekannt als „Pig Butchering“, wörtlich „Schweineschlachten“: Dabei werden Opfer über längere Zeit „gemästet“, das heißt emotional gebunden, teils sogar indem die Betrüger ein romantisches Interesse vorspielen. Dann bietet man ihnen vermeintliche Investitionsmöglichkeiten an, mit denen sie am Ende um hohe Summen gebracht werden.

Das Betrugsökosystem in Kambodscha ist komplex und wandlungsfähig. Immer neue „Start-ups“ entstehen. Die Methoden sind vielfältig: Scheinangebote für Onlinejobs, Anrufe, bei denen sich Täter als Polizisten ausgeben. Selbst sogenannte „Recovery Scams“ sind verbreitet – dabei werden Betrugsopfer ein zweites Mal getäuscht, indem man ihnen vorgaukelt, sie könnten ihre Verluste zurückholen.

Gemeinsam ist all den Varianten die psychologische Raffinesse. Mit großem zeitlichen Aufwand und emotionalen Druck werden Opfer manipuliert. Die finanziellen Schäden reichen von einigen Hundert Dollar bis zu mehr als einer Million. Die kambodschanische Regierung leugnete das Ausmaß der Branche zunächst, räumte inzwischen jedoch ein, dass es Probleme gibt. Zugleich bleiben Geheimhaltung und Einschüchterung ein Faktor: Whistleblower werden bestraft, lokale Journalistinnen und Journalisten, die zu den Betrügereien recherchieren, verhaftet.

Inzwischen hat die Regierung ein härteres Vorgehen angekündigt. Premierminister Hun Manet erklärte, die Branche habe dem Land einen „schlechten Ruf“ eingebracht. Im Januar wurde der chinesische Unternehmer Chen Zhi abgeschoben, der mutmaßliche Drahtzieher eines großen kambodschanischen Konglomerats, zu dem Einkaufszentren, Hotels und Immobilienunternehmen gehören, mit Verbindungen zur Betrugsindustrie. Nachdem die USA und Großbritannien Sanktionen gegen ihn verhängt hatten, etwa die Beschlagnahme von Bitcoins, geriet der Fall international in den Fokus. Seine Festnahme galt als beispiellos, da er enge Verbindungen zur kambodschanischen Regierung unterhielt. Seither haben die Behörden ihre Razzien gegen Betrugsfirmen ausgeweitet.

Die massenhaften Fluchten, die online dokumentiert wurden, folgten unmittelbar auf Zhis Abschiebung – und auf ein neues Gesetz, das Grundstückseigentümer mit Geldstrafen belegt, wenn sie Ausländer ohne gültige Papiere beherbergen: In sozialen Netzwerken kursieren Gerüchte, wonach Betreiber aus Angst vor schärferen Kontrollen ihre Anlagen verlassen hätten – und die zuvor festgehaltenen Arbeitskräfte sich selbst überließen.

Als Reporterin, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, habe ich viele Opfer von Menschenhandel und Zwangsarbeit getroffen, aber noch nie so viele wie zu Beginn dieses Jahres. In den Räumen der Internationalen Organisation für Migration in Phnom Penh sprach ich mit etwa einem Dutzend Menschen aus Afrika, die in Kambodscha festsaßen. Einer von ihnen, ein Ugander, der sich Sam nennt und seine wahre Identität aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben will, zeigte einen Pass ohne kambodschanischen Einreisestempel. „Am Anfang, als wir entkommen waren, waren wir alle glücklich. Jetzt denkt jeder: Wie kommen wir nach Hause?“

Wer bei der Arbeit nicht liefert, wird gedemütigt, mit Elektroschockern traktiert oder für längere Zeit in dunklen Räumen eingesperrt.

Viele berichteten, sie seien über Vietnam eingeschleust worden, vermutlich über das Mekong-Delta. Andere seien am Flughafen Phnom Penh von vermeintlichen Beamten in Empfang genommen, an der regulären Einreise vorbeigeführt und direkt zu Betrugsfirmen gefahren worden. Häufig wurden ihre Pässe einbehalten.

Der Arbeitsalltag in den Anlagen ist geprägt von psychischer Manipulation. Gleichzeitig wird die Tätigkeit als normaler Bürojob inszeniert: weiße Wände, schwarze Bürostühle, Reihen von Monitoren und Tastaturen. Es könnte ebenso gut ein gewöhnliches Büro in Phnom Penh sein. Selbst die Sprache ist beschönigend: Die Betrüger sind angeblich im „Kundendienst“ tätig, besonders erfolgreiche erhalten Provisionen und erscheinen auf Ranglisten, die an den Wänden hängen. Wer jedoch nicht liefert, wird gedemütigt, mit Elektroschockern traktiert oder für längere Zeit in dunklen Räumen eingesperrt. „Ein guter Tag ist einer, an dem dir nichts passiert“, sagt Sam.

Nun, da die Zukunft der Branche unklar ist, sind viele Arbeitskräfte auf der Flucht, verstecken sich in Hotels, warten auf ihre Abschiebung – oder auf die nächste dubiose Anstellung. Beobachter sind uneins, wie es weitergeht: Einige gehen davon aus, dass es eine Rückkehr zur früheren Dimension des Betrugs geben werde, andere halten das Ende der groß angelegten Betrugsmühlen für möglich.

Fest steht jedoch schon jetzt: Der seelische Schaden ist enorm. Die Opfer der Betrugsmaschen leiden oft noch lange nach der Tat – ebenso wie die Arbeitskräfte. Sam sitzt weiterhin in Phnom Penh fest – und fragt sich, wie seine Familie das Flugticket nach Hause bezahlen soll. „Ich dachte, ich sei frei“, sagt er. Wirklich entkommen sei er erst, wenn er wieder zu Hause sei.

Aus dem Englischen von Morgane Llanque und Jess Smee mithilfe von KI-Übersetzungsprogrammen

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