Aus dem Exil | Hongkong

„Mir drohten zehn Jahre Gefängnis“

Der Aktivist Ray Wong kämpft von Deutschland aus für Demokratie in seiner Heimat Hongkong
Junger Mann mit Brille schaut ernst Richtung Kamera

Das Interview führte Friederike Biron

Herr Wong, im Dezember ist der Regierungskritiker und ehemalige Verleger Jimmy Lay wegen „Verschwörung zur Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten“ zu zwanzig Jahren Haft verurteilt worden. Hat Sie das Urteil überrascht?
Wir wissen ja, wie schlimm die Lage in Hongkong ist. Lay ist eine der wichtigsten Figuren in der Demokratiebewegung dort und deswegen ein Hauptziel der Hongkonger Regierung. Das macht es aber nicht weniger traurig für mich. Lay ist 78 Jahre alt und bei schlechter Gesundheit. Ich hoffe, dass sich Regierungen in Europa und auch in Amerika weiter für ihn einsetzen.

Trotzdem bemühen sich gerade jetzt viele westliche Regierungen um eine Annäherung an China – auch weil die USA als verlässlicher Partner weggefallen sind.
Ich habe manchmal den Eindruck, hier in Deutschland hält man die USA für eine größere Gefahr für die Demokratie als China. Ich verstehe, woher dieses Gefühl kommt: Früher waren die Deutschen und die Amerikaner eng verbunden, durch Donald Trump fühlt sich Europa nun verraten. Tatsache ist aber, China ist immer noch ein autoritäres Regime, und die USA sind immer noch eine Demokratie. Viele Menschen lassen sich beim Blick auf internationale Politik vor allem von Emotionen leiten.

Im Vergleich tritt China also wie ein verantwortungsvoller internationaler Akteur auf?
Ja, aber das ist nur der Anschein. Jeden Tag passieren schreckliche Dinge in China, wie zum Beispiel in den Umerziehungslagern von Xinjiang.

Aber was ist der Preis für diesen Fortschritt? Er ist Ausbeutung, Zwangsarbeit, Unfreiheit.

Gleichzeitig gibt es in den sozialen Medien Trends wie „Chinamaxxing“, bei dem ein angeblicher chinesischer Livestyle gefeiert wird. Ein Zufall?
Je mehr ich das System China versuche zu verstehen, desto weniger glaube ich, dass relevante Social-Media-Phänomene zufällig sind. In diesen Trends, etwa „Europa ist langsam, China ist fortschrittlich“, steckt ja auch ein wahrer Kern. Aber was ist der Preis für diesen Fortschritt? Er ist Ausbeutung, Zwangsarbeit, Unfreiheit. Das wird in den sozialen Medien meist nicht thematisiert.

Sie selbst sind während der prodemokratischen Proteste der Regenschirm-Revolution 2014 mehrfach verhaftet worden. Was wurde Ihnen, damals 17-jährig, vorgeworfen?
In meiner Zeit als Aktivist in Hongkong wurde ich sechsmal verhaftet und schließlich wegen der Organisation von illegalen Versammlungen angeklagt. Mir drohten zehn Jahre Gefängnis, deshalb hatte ich mich entschieden, nach Deutschland zu fliehen. Ich war der erste Hongkonger, dem von einem europäischen Land Asyl gewährt wurde. Ich bin dankbar dafür.

Hier in Deutschland haben Sie einen Verein gegründet, „Freiheit für Hongkong“, mit dem Sie weiter für Demokratie in Ihrer Heimat kämpfen.
Ich tausche mich mit Politikerinnen und Politikern über die Lage in Hongkong aus, damit es auf der Agenda bleibt. Da Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht sehr abhängig von China ist, hat es viele rote Linien, die es nicht überschreiten kann. Diese subnationale Einflussnahme ist eine typische Strategie Chinas.

Können Sie ein Beispiel hierfür nennen?
Etwa die Städtepartnerschaften, wie sie zwischen Wuhan und Duisburg besteht, das mit seinem Hafen ja auch ein Endpunkt der „Neuen Seidenstraße“ sein soll. Solche Partnerschaften dienen einzig dazu, die Interessen der Partei durchzusetzen. Diese Strategie steht auch klar in den Parteidokumenten beschrieben. 

„Ich denke schon, dass mich chinesische Agenten im Auge haben

Warum ist Honkong so wichtig für die Interessen der Kommunistischen Partei?
Hongkong ist ein finanzieller Hub, aber auch ein diplomatischer. Viele Länder verhandeln mit Honkong immer noch anders als mit China. Und für Russland spielt es eine entscheidende Rolle, um Sanktionen zu umgehen, etwa für Dual-Use-Güter, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt werden können.

Fühlen Sie sich sicher in Deutschland?
Ich denke schon, dass mich chinesische Agenten im Auge haben, und sie versuchen regelmäßig, meine E-Mails zu hacken. Aber ich fühle mich okay hier. Ich weiß, dass transnationale Repressionen ein großes Thema der aktuellen Bundesregierung sind, und sowohl das Innenministerium als auch das Auswärtige Amt sich um die Sicherheit von Dissidenten in Deutschland bemühen. Natürlich versucht China, uns einzuschüchtern, aber ich habe noch Vertrauen in die deutsche Regierung.

Glauben Sie, dass Sie irgendwann noch einmal nach Hongkong kommen werden, wenigstens als Besucher?
Ich habe immer die Hoffnung. Viele Ostdeutsche haben mir erzählt, dass sie nicht an die Wiedervereinigung geglaubt haben – trotzdem ist sie passiert. Die Kommunistische Partei Chinas ist sehr mächtig. Aber ein Regime kann an einem Tag sehr stark aussehen, an einem anderen plötzlich stürzen.

Was ist Ihr Sehnsuchtsort in Hongkong?
Die Berge. Ich bin gerne mit dem Rennrad oder Motorrad raufgefahren und habe auf die Skyline der Stadt geschaut. Dort würde ich wirklich sehr gerne wieder hin.

Eine Großstadt mit vielen beleuchteten Wokenkratzern

Hongkong bei Nacht von den Bergen aus gesehen

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