Alle für einen, einer für Alle
Foto: Patrick Junker & Jonathan Terlinden
Vor zwei Jahren führte Norwegen ein neues Konzept ein: „beredskapsvenn“, übersetzt: Vorsorgefreund. Erfunden wurde es von der norwegischen Direktion für Zivilschutz, die die Bevölkerung im Rahmen von jährlichen Aufklärungskampagnen für Krisensituationen wappnet. Im Herbst 2024 probierte sie einen neuen Ansatz aus: Statt schlicht daran zu erinnern, wie man sich in Notfallsituationen selbst hilft, ermutigte man Verwandte, Nachbarn, sogar Fremde dazu, sich zusammenzuschließen, um in Notfällen füreinander sorgen zu können.
Die Idee war so erfolgreich, dass „beredskapsvenn“ – ein Begriff, der bis dahin gar nicht im Wörterbuch zu finden war – zum norwegischen Wort des Jahres gekürt wurde. Das Ethos dahinter bildet die Grundlage des Sicherheitsverständnisses der nordischen Länder. Auch wenn sich Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark und Island weniger ähnlich sind als oft angenommen, teilen sie im Bereich der nationalen Sicherheit denselben Ansatz: den des Zusammenhalts. Man wartet nicht darauf, dass jemand anderes hilft, sondern wird selbst aktiv. Es ist Verteidigung nach dem Prinzip: alle gemeinsam jetzt. Diese Haltung hat die nordischen Länder zu den weltweit führenden Staaten bei der sogenannten Gesamtverteidigung gemacht, also beim Zusammenspiel von militärischer und ziviler Verteidigung.
„Verteidigung nach dem Prinzip: alle gemeinsam jetzt“
Das Konzept funktioniert in Skandinavien, weil es von der gesamten Bevölkerung mitgetragen wird. In Schweden etwa unterstützen es fast neun von zehn Menschen. Das liegt zum Teil an der Nähe zu Russland, entscheidender ist jedoch, dass die Gesamtverteidigung gut organisiert ist, eine lange Geschichte hat und kulturell verankert ist. Entwickelt wurde das Konzept in Schweden während des Zweiten Weltkriegs. In dem Wissen, dass das Land – wie die meisten anderen europäischen Staaten – mit einer Invasion rechnen musste, wurden alle verfügbaren Ressourcen mobilisiert: also die gesamte Gesellschaft. Zwei Millionen Männer hatten militärische Funktionen, rund hunderttausend Frauen dienten in den Lottas, einer Art unterstützenden Verteidigungsorganisation, die den kämpfenden Truppen zur Seite stand. Sie übernahm Aufgaben wie Nachrichtenübermittlung, medizinische Versorgung, Verpflegung und Verwaltung.
Die Regierung startete Aufklärungskampagnen, um die Bevölkerung darüber zu informieren, wie man seine eigenen Nahrungsmittel anbaut. Mitglieder der staatlichen Jugendvorsorgebewegung halfen auf Bauernhöfen aus. All das war zweifellos unbequem – aber weit besser, als unvorbereitet eine Besatzung zu riskieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gesamtverteidigung weiter ausgebaut. Das schien auch notwendig, denn Schweden hatte beschlossen, neutral zu bleiben, während Dänemark, Norwegen und Island Gründungsmitglieder der NATO wurden. Finnland blieb ebenfalls neutral, allerdings unter der Voraussetzung, dass man der Sowjetunion eine Reihe von Zugeständnissen machte. Dennoch entwickelten die Finnen ein ausgeklügeltes System der Verteidigung, zu dem Schutzräume sowie das strategische Anlegen von Vorräten gehörten.
„Viele Menschen wünschen sich, das Gefühl der Ohnmacht zu bekämpfen“
Außerdem übernahm man ein Konzept aus der Schweiz: das der Geistigen Landesverteidigung. Dabei sollte die Bevölkerung durch umfassende Informationskampagnen dazu gebracht werden, für Neutralität, Demokratie und die nationale Verteidigung einzustehen und sich gegen feindliche Einflussnahme zu immunisieren. Schweden, nicht von der Sowjetunion eingeschränkt, ging sogar noch einen Schritt weiter: Männer im wehrfähigen Alter leisteten selbstverständlich Militärdienst und wurden zu Übungen einberufen. Zusätzlich arbeiteten Hunderttausende freiwillig in den Verteidigungsorganisationen, wie den Lottas oder der Heimwehr („Hemvärnet“). Das Engagement, das eine militärische Funktion hatte, wurde für viele sogar zur Freizeitbeschäftigung.
Der Staat unterhielt außerdem strategische Vorratslager für notwendige Güter – von Treibstoff bis Kaffee –, außerdem ein riesiges Netz von Schutzräumen, die in Friedenszeiten als Veranstaltungsorte oder Jugendzentren dienten. Es gab unterirdische Anlagen, in denen im Kriegsfall wichtige Funktionen für das Gemeinwesen aufrechterhalten werden sollten: von der Regierung und Kommunalverwaltung über den Zeitungsdruck bis hin zur Industrieproduktion. Die schwedische Regierung hatte spezielle Vereinbarungen mit 15.000 Unternehmen, um in Zeiten des Krieges zu gewährleisten, dass sie weiter in Betrieb bleiben könnten. Außerdem wurde ein umfassendes Register mit den Namen und Kontaktdaten von Menschen geführt – von Ärztinnen und Lehrern bis zu Elektrikern –, deren berufliche Fähigkeiten im Kriegsfall gebraucht werden würden.
Während des Kalten Krieges war Schwedens System der Gesamtverteidigung das vollständigste in der jüngeren Geschichte der westlichen Welt. Und es beruhte darauf, dass alle ihren Teil beitrugen. Dänemark und Norwegen verfügten in kleinerem Maßstab über ähnliche Systeme. In den 1990er-Jahren baute Schweden das System weitestgehend ab. Die Bedrohung durch Russland wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als gering eingeschätzt. Heute dient dieses System als wichtiges Vorbild angesichts der wachsenden militärischen Bedrohung für Europa. Die Zivilgesellschaft in die Verteidigungsstrategie miteinzubeziehen, verbreitet keine Angst, sondern ermutigt die Bevölkerung selbst etwas für den Schutz ihres Landes zu tun. Viele Menschen wünschen sich, um das Gefühl der Ohnmacht zu bekämpfen, genau diese Handlungsoption. In Finnland etwa wollen sich 78 Prozent der Bevölkerung im Falle eines militärischen Angriffs an der Verteidigung des Landes beteiligen. Schweden baut derzeit seine Gesamtverteidigung wieder auf: Das beinhaltet sowohl die Stärkung des Militärs als auch zivilgesellschaftlicher Ressourcen, die im Kriegsfall essenziell sind. In diesem Zusammenhang wird sogar eine neue zivile Reserve geschaffen.
In Dänemark und Norwegen versucht man, die gesellschaftliche Resilienz zu stärken, etwa durch Konzepte wie jenes vom „Vorsorgefreund“. Dort wie auch in Schweden erhalten Katastrophenschutzbehörden und lokale Verwaltungen Unterstützung durch Heimwehren. Finnland verfügt über zahlreiche Schutzräume und Vorratslager für den Ernstfall, das System wird weiter ausgebaut. Dreieinhalbwöchige „Nationale Verteidigungskurse“ für Menschen, die über besondere berufliche Qualifikationen verfügen, gelten als prestigeträchtig und sind gefragter denn je.
Auch was die Wehrpflicht betrifft, sind die nordischen Länder anderen europäischen Staaten voraus: Während etwa in Deutschland intensiv über die Wiedereinführung des Wehrdienstes diskutiert wird und viele diese ablehnen, verbinden Menschen in nordischen Ländern einen gewissen Stolz damit. In Norwegen und Schweden ist die Auswahl für den Militärdienst äußerst kompetitiv und hat damit eine gewisse Attraktivität. Darin liegt einer der Unterschiede zu einem System, das ausschließlich auf Freiwilligkeit setzt, wie dies in Deutschland geplant ist. Alle diese Länder liegen geografisch nah an Russland. Ähnlich wie es in Erdbebenzonen von San Francisco bis Japan der Fall ist, erkannte man dort früh, dass sich Bürgerinnen und Bürger – ebenso wie Unternehmen und andere Organisationen – handlungsfähig fühlen wollen. Der Wunsch danach ist keineswegs auf die nordischen Länder beschränkt. Auch andere Staaten täten gut daran, deren Beispiel zu folgen. Einige tun es bereits.
Aus dem Englischen von Julia Stanton