Gesellschaft | Indien

24/7 sturmfrei

Weltweit leben immer mehr Menschen allein. Ist bei ihnen das „Dolce Vita“ eingezogen – oder bloß die Tristesse des Spätkapitalismus?
Portrait des Historikers Suraj Milind Yengde: Ein Mann steht im Morgenmantel in seiner eigenen Wohnung

Immer mehr Menschen leben allein. Ist das gut oder schlecht?

Meine letzten Gäste sind gerade gestern abgereist. Jetzt bin ich dabei, mich in meiner frisch bezogenen Wohnung in Philadelphia häuslich einzurichten. Und jetzt wird mir die Tragweite des Alleinlebens klar. Auf die unbegrenzten Möglichkeiten – und die Begrenztheiten –, die es mit sich bringt, muss man sich erst einmal einstellen.

Das Alleinleben ist völlig anders als die Situation, in der ich in Nanded aufwuchs, einer Stadt in Zentralindien. Wir hatten von unserem Großvater ein Haus geerbt, in dem es nur ein Zimmer gab. Diese sechs mal sechs Meter große Schachtel bot meinen Eltern und ihren drei Kindern ein Dach über dem Kopf, aber viel mehr auch nicht. Das Dach war undicht, durch die Wellblechplatten drang ungehindert die Kälte ins Innere. Wenn man in den für die Region Marathwada typischen trockenen Sommern das einzige Zimmer betrat, kam man sich manchmal vor wie ein Grillhähnchen im Ofen. Dieses Zimmer war zum einen mein Zuhause. Zum anderen wollte ich von dort ausbrechen. Ich bin nicht der Einzige, für den Alleinleben gleichbedeutend ist mit Freiheit. Der Anteil der Einpersonenhaushalte hat sich seit dem frühen 20. Jahrhundert auf der ganzen Welt nahezu verdreifacht.

„Auf Hindi und Marathi sagt man: Das Alleinsein frisst dich auf“ 

In den OECD-Ländern wohnt inzwischen in mehr als jedem vierten Haushalt nur eine Person, wobei die Zahlen variieren: In den USA und Nordeuropa gibt es mehr Einpersonenhaushalte als in Italien oder Rumänien. 2025 lebten in Indien laut einer Statista-Erhebung nur vier Prozent der Befragten allein; in Schweden war es ein Drittel. Der indische Kulturschaffende Anurag Minus Verma glaubt nicht, dass sich in seiner Heimat daran in näherer Zukunft etwas ändern wird. „Die indische Lebensweise ist ihrem Wesen nach weitgehend chaotisch. Den Menschen ist es lieber so“, versichert er und spricht damit die Hindi- und Marathi-Redensart an: अकेलापन kha jaata hain! „Das Alleinsein frisst dich auf“. Als junger Mann zog ich dank eines Stipendiums, das der Bundesstaat Maharashtra für Studierende aus der Kaste der Dalit auslobt, aus meinem beengten Elternhaus nach Birmingham und wohnte dort studentisch.

In Großbritannien brauchte ich nicht mehr um Platz für mich feilschen. Ich hatte Mitbewohner und ein winziges eigenes Zimmer. Doch während meine europäischen Mitbewohner wussten, mit welchen Erwartungen die dortige Lebensweise verknüpft war, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass wir nicht automatisch Freunde waren. Restlos gelernt habe ich das bis heute nicht. Ich hatte alles darangesetzt, Nanded hinter mir zu lassen, aber die Stille, die grauen Wolken und die erzwungene Vereinzelung im Westen lösten ebenfalls Fluchtinstinkte in mir aus. Als Teenager wünschte ich mir sehnlich Privatsphäre für meine Geheimnisse, mein Triebleben und die alterstypischen Begierden. Stattdessen musste ich das Bett mit einem meiner Brüder teilen – oder den Steinboden, auf dem ich meistens schlief, mit anderen Geschwistern, Mutter oder Vater. Als ich nach Südafrika ging, um meinen ersten Doktor zu machen, fand ich dort alles spannend – bis meine Kommilitoninnen im Studentenwohnheim in die Weihnachtsferien abreisten. Das Wohnheim befand sich auf dem Hochschulgelände. Die Gebäude aus der Kolonialzeit hatten etwas sonderbar Gespenstisches. Ich war von Geistern umgeben, die mir mit ihren dunklen Gedanken Angst einjagten. Sobald die Zivilisation abtritt, bringt das nichtmenschliche Leben sich in Erinnerung. Es entsteht Raum, Vögel zu beobachten oder die Vegetation beim täglichen Wachsen zu inspizieren. Allein zu leben macht uns allerdings nicht automatisch unabhängig. Wir werden dadurch möglicherweise autark, die Sehnsucht nach einem Miteinander aber bleibt. Wenn dieses Bedürfnis nicht durch einen Mitmenschen erfüllt wird, dann vielleicht durch ein pelziges Wesen, Unterhaltung oder Alkohol. Aber worin liegt dann der Reiz des Alleinlebens?

„Allein zu leben macht uns nicht automatisch unabhängig“ 

Möglicherweise wünschen wir uns in der kakophonischen Unruhe, die sich durch unsere Handy-Updates und Social- Media-Schnipsel in den Wohntürmen der Städte breitmacht, ein wenig Trost und Stille. Für mich brachte das Alleinleben auch vermeintliche Freiheit mit sich. Ich fragte mich allerdings: Brauchen wir überhaupt diese Freiheit? In meinem geräumigen Apartment in Philadelphia lasse ich mich in die Wonnen des Alleinlebens noch nicht so richtig hineinfallen. Eine größere Wohnung mit Gästezimmer ist für mich ein Novum. Bis jetzt ist mein Bewegungsradius in der Wohnung klein, woran sich zeigt, wie wenig Platz ein Mensch braucht. Für meine Cousins, die vor einer Woche abgereist sind, ist das Alleinleben ein beängstigender Kraftakt. In ihrer unbeholfenen Abschiedsnachricht schärften sie mir ein, ich solle „gut auf mich aufpassen“, wenn ich in der Wohnung allein bin. Ein anderer Cousin, der in New York lebt, würde sich nach eigener Aussage elend vorkommen, wenn er allein wohnen würde. Ganz unrecht hat er nicht. Als Gesellschaften produzieren die Industrieländer, in denen Individualismus einen hohen Stellenwert hat, ungewollt eine Einsamkeitskrise.

Ein Musterbeispiel ist Japan. Dort gründete die Regierung 2021 eine staatliche Behörde für Maßnahmen gegen Einsamkeit und Isolation und ernannte einen Minister, der das Problem angehen soll. Auch ich habe manchmal das dringende Bedürfnis, mir einen Übernachtungsgast einzuladen. Oder ich lenke mich vom Alleinsein ab, indem ich mich auf Trab halte, etwas lese, meine Lehrveranstaltungen vorbereite oder an diesem Artikel schreibe. Unterm Strich bedeutet allein zu leben die bewusste Entscheidung, mit sich allein und nicht gezwungenermaßen mit anderen zusammen zu sein. Manche Dinge entgehen einem dadurch: Gesellschaft bei den Mahlzeiten oder jemand, der die Vorratskammer auffüllt. Und was passiert in einer gesundheitlichen Notfallsituation? Ein anderes Lebewesen in Reichweite ist allein für sich schon ein beruhigendes Hilfsmittel gegen die Angst vor Situationen, in denen das Unvorstellbare geschieht. Eine Idee dazu kommt aus China, wo ebenfalls mehr und mehr Menschen allein leben. Über zehn Millionen Menschen haben sich die neue App „Are you dead?“ bereits heruntergeladen. Sie funktioniert wie eine Totmannschaltung: Durch Betätigen einer Schaltfläche kann man seinen Freundinnen, Freunden und seiner Familie jeden Tag signalisieren, dass man noch lebt und nicht im Wolkenkratzer verschüttgegangen ist.

Am Ende braucht es eine Balance: Man muss das solitäre Leben für das Miteinander opfern oder das Miteinander für ein meditatives Für-sich-Sein. Die buddhistische Waldtradition gibt dem Alleinsein den Vorzug. In asketischen Traditionen ist die Absage an die Welt ein jahrhundertealtes Mantra – die Essenz des Dhamma, der unverhüllten, unmittelbar erfahrenen Wahrheit. Einsamkeit produziert reichlich Gelegenheiten zur Selbsterforschung. Das wahre Ich wird gespiegelt, ohne dass jemand von außen einwirkt. Unsere umherschweifenden Gedanken und Gespenster sind uns vielleicht unlieb, weil wir nicht gelernt haben, die Feinheiten des Geistes wahrzunehmen. Wir sind ständig mit Menschen zusammen: mit unseren Eltern, einer besseren Hälfte, Kindern, Alternden, Verwandten, Freunden oder Stubengenossen in der Kaserne. Selbst Mönche und Nonnen im Kloster leben nicht in Isolationshaft. Ich genieße das Alleinwohnen nach wie vor, aber ich schrecke nicht mehr vor der Möglichkeit zurück, mit jemandem – einem Familienmitglied oder jemand anderem, der in greifbarer Nähe ist und trotzdem nicht die Grenzen des persönlichen Freiraums überschreitet – zusammenzuwohnen. Vorläufig halte ich mich, während ich in Philadelphia meine Kartons auspacke, an einen imaginären Freund oder vielleicht – wie Millionen Menschen in China – an eine rettende App.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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