Landwirtschaft | Mexiko

Avocadoanbau profitabel wie Gold

Der globale Heißhunger auf Avocados erzeugt in Michoacán hohe Profite. Kriminelle Gruppen roden illegal Wälder und stehlen kommunales Wasser für den Anbau. Die Erträge dagegen verbleiben in wenigen Händen
In einer dicht belaubten Baumkrone steht ein junger Mann auf einem Ast. Mit einem langen Erntestab pflückt er Früchte

Ein Erntehelfer pflückt Avocados

„Was sehe ich denn auf diesem Hügel da? Wachsen da Avocados? Früher war da doch Wald“, sagt eine Freundin, die wie ich in Pátzcuaro wohnt, der größten Stadt am gleichnamigen See. Wir stehen zusammen an seinem Ufer. Sie ist überrascht, wie schnell sich die Landschaft verändert hat. Der Pátzcuaro trocknet von Jahr zu Jahr weiter aus.

Berichte häufen sich, dass immer mehr Tanklaster illegal Wasser aus dem See abpumpen. Diese Wagen, „Pipas“genannt, sollen eigentlich Wasser an Wohnviertel liefern, die keines haben. Immer mehr Pipa-Fahrer werden allerdings angezeigt. Denn statt das Wasser zu den Menschen zu bringen, transportieren sie es zu den Avocadoplantagen, von denen mehr und mehr die Ufer des Sees im Bundesstaat Michoacán säumen.

Dort, wo früher dichter Wald war, befinden sich nun endlose Plantagen von „grünem Gold“. Und immer mehr Kleinbäuerinnen und -bauern pflanzen statt Mais und Gemüse Avocados an. Zu groß ist die Versuchung, denn die grünen Früchte bringen enorm viel Geld ein.

„Der ökologische Preis ist hoch: Für den Anbau werden seit Jahren Waldbrände gelegt, es wird gerodet und Wasser gestohlen“

Im November 2023 hat die Organisation Climate Rights International (CRI) einen Bericht zur Bilanz der Avocado­expansion veröffentlicht. Demnach sind etwa achtzig Prozent der mexikanischen Avocadoproduktion für den US-amerikanischen Markt bestimmt und bringen jährlich drei Milliarden US-Dollar an Gewinnen ein; die restlichen zwanzig Prozent gehen nach Europa, Asien und Kanada für noch einmal rund zwei Milliarden jährlich.

Doch der ökologische Preis ist hoch: Für den Anbau werden seit Jahren Waldbrände gelegt, es wird gerodet und Wasser gestohlen. Es ist eine Plage, die, genährt durch den internationalen Markt, die natürlichen Lebensgrundlagen unzähliger Menschen bedroht.

Im April 2024 standen mehrere Hügel und Berghänge nahe dem Pátzcuaro-See in Flammen, die Temperatur kletterte auf 35 Grad, und kein Regen war in Sicht. Im Gegenteil, die Hitze nahm weiter zu. Die Bewohner der Region, zu der auch der Zirahuén-See gehört, versuchten gemeinsam, die Feuer zu löschen, sammelten Lebensmittel und Werkzeuge.

Viele schlossen sich freiwillig den Brigaden der staatlichen Feuerwehr an. Nach und nach konnten die Brände eingedämmt werden, nicht aber das kriminelle Vorgehen der Avocadoproduzenten. So berichtet ein junger Mann aus Tzurumutaro, der sich mit seinen Freunden organisiert hatte und zu einem der Brände auf einem Hügel unterwegs war: „Auf einmal wurden wir von einer Gruppe bewaffneter und vermummter Männer angehalten.

Sie sagten, wir sollten bloß nicht auf die Idee kommen, das Feuer zu löschen, denn das sei dazu da, das Land zu roden und Avocados zu pflanzen. Wir sollten besser wieder nach Hause gehen. Und das haben wir aus Angst dann auch getan.“

„Avocadoplantagen werden illegal bewässert und abgesichert“

Dazu muss man wissen, dass sowohl der Pátzcuaro- als auch der Zirahuén-See zu einem Wassersystem gehören, das unterirdisch vernetzt und auf die Existenz der Wälder angewiesen ist. Denn im Waldboden versickert das Regenwasser, das die Seen auffüllt. Bereits jetzt ist der Pátzcuaro beinahe irreversibel ausgetrocknet.

Dass die Pegelstände im Jahr 2024 noch weiter gesunken sind, hat maßgeblich mit dem Wasserdiebstahl durch die Avocadoproduzenten zu tun. Die Früchte brauchen so viel Wasser, dass Pumpen und Schläuche von mindestens zehn Zentimetern Durchmesser eingesetzt werden.

„Dieser Raub und die Rodung der Wälder haben schlimme Folgen für die lokale Bevölkerung“, heißt es in dem erwähnten CRI-Bericht. „Es herrscht Wasserknappheit, zugleich besteht ein erhöhtes Risiko für tödliche Erdrutsche und Überschwemmungen.“ Dank anonymer Anzeigen konnte man innerhalb kurzer Zeit zumindest die Zapfstellen lokalisieren.

Wo sich keine direkten Leitungen legen ließen, kamen Hunderte Tanklaster zum Einsatz, die das Wasser in Kolonnen zu den Plantagen beförderten. Auch dazu gab es Hinweise aus der Bevölkerung. Laut Zahlen der Umweltbehörde von Pátzcuaro wurden zwischen März und Mai 2024 mindestens 400 Pumpen beschlagnahmt. Das Phänomen des Wasserdiebstahls hat sich überdies auch auf die Verwaltungsbezirke am Zirahuén-See ausgeweitet.

„Dieser Raub und die Rodung der Wälder haben schlimme Folgen für die lokale Bevölkerung“

Der Ausschuss für kommunale Güter in Zirahuén, dem Ort am gleichnamigen See im Municipio Salvador Escalante, schildert einen Fall, der beispielhaft für die ganze Misere ist: „Vor Kurzem haben wir eine Pumpe mit knapp 15 Zentimeter Durchmesser beschlagnahmt. Die springt automatisch an, wenn der Wasserspeicher leer ist, und pumpt im Durchschnitt 6.600 Liter Wasser pro Minute ab.

Wir haben sie den staatlichen Behörden übergeben, ein paar Tage später aber erfahren, dass der Avocadoproduzent, dem sie gehörte, sie zurückbekommen hat. Dann kamen Beamte der Guardia Civil, haben sich umgesehen, Fotos gemacht und sind wieder gegangen.“ Diese rein kosmetische Aktion der Behörden zeigt, dass die Gesetze in Michoacán nicht zur Anwendung kommen.

Die Avocadoproduzenten werden nicht belangt. Letztere scheuen keine Mittel, um ihren Bedarf zu decken und ihr Ziel zu erreichen, nämlich den Massenexport vor allem in die USA. Mit dem Wasserdiebstahl verstoßen sie unmittelbar gegen die Regeln von Mexikos Konzessionssystem, das die Wasserversorgung der Bevölkerung aus Oberflächengewässern wie dem Pátzcuaro und dem Zirahuén sowie unterirdischen Speichern garantieren soll.

Die Avocado-Monokultur laugt nicht nur die Böden aus, sondern ist inzwischen auch der Hauptverursacher der schweren Dürre, die die Seeregionen in Michoacán und seit Kurzem auch den Süden von Jalisco heimsucht. Doch damit nicht genug: Das Geschäft mit dem grünen Gold sichern oft sogar bewaffnete Truppen. Spätestens seitdem das Kartell der „Caballeros Templarios“, zu deutsch die „Tempelritter“, weite Teile von Michoacán kontrollierte (von 2009 bis 2012), hat sich die Präsenz krimineller Banden im Avocadogeschäft verstärkt.

„Die Avocadoproduktion ist auf die USA, Kanada, England oder Deutschland ausgerichtet“

Zunächst hatten sie Mitglieder der reichen Produzentenfamilien, die diesen Wirtschaftszweig kontrollierten, entführt, um Lösegelder zu erpressen. Als sich dann Bürgerwehren formierten und bewaffneten Widerstand leisteten (vor allem zwischen 2013 und 2014), wandelten sie sich zu strategischen Partnern und Beschützern der Produzenten.

Kaum waren die Tempelritter zerschlagen, boten deren übrig gebliebene Söldner den Avocadobossen ihre Dienste an. So entstand etwa im Verwaltungsbezirk Tancítaro eine Truppe zum Schutz der Plantagen.

Sowohl Mitglieder der alten Kartelle als auch solche der neuen führenden Narco-Organisation in Michoacán, des „Cartél de Jalisco Nueva Generación“, begannen bald, ins Geschäft mit dem grünen Gold zu investieren.

So können sie auch ihr Geld waschen. Ein Arbeiter eines der wichtigsten Avocadounternehmen von Michoacán, der anonym bleiben möchte, sagt: „Von heute auf morgen machen die Narcos damit Millionen von Pesos aus ihren kriminellen Geschäften zu ›sauberem‹ Geld. Die Behörden wissen es, sagen aber nichts, weil sie daran mitverdienen oder sogar selbst Avocadoplantagen besitzen.“

In einer Fabrikhalle sieht man von oben mehrere Packtische, an denen Mitarbeiter:innen in Schutzkleidung Avocados von Fließbändern nehmen und in Kisten verpacken

Ein Verpackungsbetrieb in Aztecavo, in dem 24 Stunden am Tag gearbeitet wird

„Enorme Nachfrage aus dem Ausland fördert kriminelle Strukturen in Mexiko“ 

Während US-amerikanische und europäische Verbraucher Avocadotoast und Guacamole im Überfluss auftischen, ist die Frucht in Mexiko selbst kein Grundnahrungsmittel. Die Produktion ist stattdessen auf die USA, Kanada, England oder Deutschland ausgerichtet. Schuld daran ist auch ein aggressives Marketing, das darauf abzielt, wie gesund Avocados sind.

Umso bitterer ist die Ironie, dass durch den Avocadoanbau das Wasser in immer mehr mexikanischen Regionen, aber auch in anderen Anbauländern wie Peru und Chile, knapp wird, die Böden leiden und Menschenrechte verletzt werden.

Wie kann man aus dem Teufelskreis von Überproduktion, rücksichtslosem Profitstreben, Kriminalität und Korruption entkommen? Eine Antwort wäre eine geringere Nachfrage aus dem Ausland. Doch als Erstes müssten die in Mexiko existierenden Gesetze zum Schutz der Natur und der Menschen, die durch den Avocadoanbau leiden, auch tatsächlich angewandt werden.

„Wie kann man aus dem Teufelskreis von Überproduktion, rücksichtslosem Profitstreben, Kriminalität und Korruption entkommen?“

Viele Gemeinden in der Seenregion von Michoacán wollten allerdings nicht auf die Behörden warten. Einige Menschen vor Ort, darunter auch Indigene aus dem Volk der Purépecha, haben sich für den Schutz der Wälder eingesetzt. Sie wurden teilweise gewaltsam angegriffen, sowohl vonseiten der Kartelle als auch von der Polizei.

Mancherorts wurde der Anbau von Avocados vollständig verboten. Gemeinden wie Zirahuén oder Jaracuaro fordern die Wiederaufforstung mit Kiefer, Eiche oder Zypresse. Aktuell bringen Freiwillige rund eine Million Kiefern- und Eichensetzlinge in die verschiedenen Ortschaften der Seenregion. Die Menschen organisieren sich in Brigaden, um die Setzlinge zu pflanzen und sich um sie zu kümmern.

In Pátzcuaro wiederum fand sich eine Gruppe von Freiwilligen zusammen, um die Quellen am Muelle General, der Seepromenade, wieder zu öffnen und zu schützen. Über Monate säuberten sie einen Teil der Seesenke, ohne dafür von der Lokalregierung Geld oder Unterstützung zu erhalten. „Was wir brauchen, sind Hacken, Schaufeln und der Wille, mit anzupacken“, sagt María Cristina Ibarra, Händlerin aus Pátzcuaro.

„Konsumenten in den USA und Europa müssen begreifen, dass sie mit dem übermäßigen Konsum von Avocados dazu beitragen, dass in Mexiko ganze Ökosysteme zerstört werden“

Mitte April diesen Jahres schließlich kündigte die Regierung von Michoacán an, einen Plan zum Schutz der Quellen umzusetzen. Sie rückte mit Baggern und vielen Fotografen an, wühlte aber am Ende bloß die Erde um, die María Cristinas Gruppe bereits gesäubert und geebnet hatte. „Die Bagger werden vielleicht noch wichtig, aber zuerst müssen die kleinen, natürlichen Quellen per Hand geöffnet werden“, so Cristina. Über den Wasserdiebstahl wissen wir nur, dass die Behörden davon wissen. Wenn ich hergehe und Wasser stehle, stecken sie mich ins Gefängnis. Aber die Avocado- und Beerenpro­duzenten machen das schon lange – und zwar ungestraft.“

Suche nach alternativen Lösungen

Es gibt auch Versuche, das Problem der Avocadoproduktion technisch zu lösen. So schildert etwa Gonzalo Méndez, ein Chemieingenieur der Firma HIFA, einen Ansatz, bei dem ein Netzwerk von Pilzen die unterirdische Umverteilung von Nährstoffen und Wasser auf den Avocadoplantagen fördert. Damit stattet man Monokulturen mit den notwendigen Waffen aus, um Seuchen und Plagen ohne Dünger und Pestizide zu besiegen.

HIFA hat dazu einen Biostimulator aus Mykorrhizapilzen unter dem Produktnamen Tierra Negra entwickelt. Mit ihm ließ sich laut Angaben des Unternehmens auf Plantagen im Süden des Bundesstaates Jalisco zwischen 2022 und 2023 der Wasserverbrauch und der Einsatz von aggressiven Düngemitteln verringern, während die Erträge stiegen.

„Wenn der Erde die nötigen Mikroorganismen, Pilze und Bakterien, hinzugefügt werden, erhält man mehr organische Materie, und wenn der Boden gesund ist, reagiert er wie ein Schwamm. Nährstoffe und Wasser werden effektiver gespeichert und in geringeren Mengen benötigt“, erklärt Ingenieur Méndez. Doch natürlich können derartige Ansätze nur Teil der Lösung sein.

Eins ist jedoch in jedem Fall sicher: Konsumenten in den USA und Europa müssen begreifen, dass sie mit dem übermäßigen Konsum von Avocados dazu beitragen, dass in Mexiko ganze Ökosysteme zerstört werden – und dass es teils sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Aus dem Spanischen von Miriam Denger