Künstliche Intelligenz | Medien

„Wir sind süchtig nach Extremen geworden“

Die Dokumentation »Post Truth« des türkischen Medienkünstlers Alkan Avcıoğlu wurde komplett mit KI produziert und will Menschen zur Wahrheit verführen. Aber leben wir nicht schon längst in einer Simulation?

Dieses Bild stammt aus dem Film „Post Truth“ (2025) von Alkan Avcıoğlu und ist KI-genereriert.

Das Interview führte Ruben Donsbach

Herr Avcıoğlu, Sie haben einen Dokumentarfilm über die Wirkung neuer Massenmedien auf unsere Gesellschaft vollständig mit KI-gesteuerten Bildprogrammen produziert. Keines der Bilder ist also im herkömmlichen Sinne echt. Was wollen Sie damit zeigen?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem es so viele verfügbare Informationen gibt, dass die Realität unter ihrem Gewicht zu ersticken droht. Der französische Philosoph Jean Baudrillard hatte schon in den 1970er-Jahren verstanden, dass in der postmodernen Kultur die Kopie realer als das Original geworden ist. In unserer heutigen Welt hat sich dieser Effekt noch einmal verstärkt: von der Politik bis zu den sozialen Medien, einfach alles wirkt inszeniert und künstlich.

Verstärkt Ihr Film diese Künstlichkeit nicht selbst?

Natürlich. Aber die Verwendung von KI-generierten, synthetischen Bildern bietet eben auch die Möglichkeit, dieser Welt einen Spiegel vorzuhalten. Der Film reflektiert, wie Künstlichkeit zu unserer gemeinsamen Umwelt geworden ist, und lädt die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu ein, nicht nur zu hinterfragen, was wahr ist oder nicht, sondern auch, durch welche Mechanismen gesellschaftliche Realität überhaupt erst entsteht.

Könnten Sie bitte ein Beispiel dafür geben?

Ich habe etwa das Foto eines mit Öl verschmierten Kormorans neu generiert, das damals zu einer Art Ikone des ersten Golfkriegs geworden ist. Ich frage den Zuschauer: Welches Bild ist realer, das KI-generierte oder das Original? Die Antwort scheint klar, aber das sogenannte Original war eine Fälschung. Ist nicht das synthetische Vogelbild wahrhaftiger und realer in einer Welt wie der unsrigen? Immerhin dokumentiert es das Fälschen selbst.

Sie meinen, es geht gar nicht mehr um wahr oder falsch, sondern nur noch darum, ob die Fälschung sich zu erkennen gibt?

Mehr als das. Als ich meinen Film geschnitten habe, ging es mir darum, beim Publikum systematisch ein Verlangen nach Wahrheit auszulösen, indem ich es ständig in kognitive Dissonanzen verstrickt habe. Weil die Bilder, die Sprecherstimme »Es gibt so viele Informationen, dass die Realität unter ihrem Gewicht zu ersticken droht« und die Musik mit KI erzeugt wurden, misstrauen die Zuschauer instinktiv dem, was sie sehen und hören. Doch all die Informationen im Film sind faktisch wahr. 

Zu Beginn Ihres Filmes steht ein Zitat von Elias Canetti aus dessen Buch »Die Provinz des Menschen«. Dort heißt es: »Ohne es zu merken, verabschiedete sich die Menschheit plötzlich aus der Realität.« Warum haben Sie grade dieses Zitat gewählt? 

Für mich markiert es eine historische Schwelle. Canetti beschreibt hier schon in den 1970er-Jahren, wie das Zeitalter der Massenmedien die Realität mit Symbolen und Emotionen zu ersetzen begonnen hatte, die nur ein Abbild oder eine Repräsentation von Wirklichkeit waren. Schon damals hatte man verstanden, dass die Psychologie der Masse leicht zu manipulieren war. In »Post Truth« bezeichne ich diese neue Repräsentation von Wirklichkeit als eine Art von »postdigitaler Psyche«. 

Was bedeutet das? 

Das bedeutet, dass wir nicht gezwungen worden sind, sondern uns bereitwillig haben verführen lassen. Wir haben die Realität nicht verlassen, weil sie uns genommen wurde, sondern weil wir uns entschieden haben, eine bequemere, anpassbare Version davon zu bewohnen. Das erinnert an den Film »Matrix« von 1999, in dem der Protagonist Neo herausfindet, dass die Menschheit in einer Simulation lebt. Absolut, wir leben in einer Matrix, aber heute ist sie nicht per se digital, sondern vor allem kognitiv.

Aber wir sitzen doch ständig vor dem Bildschirm.

Wir sind konfrontiert mit Datenzyklen und Algorithmen, die sich von unseren Emotionen und Vorurteilen nähren und diese verstärken, die sozusagen ständig neu formen, wie wir die Welt wahrnehmen, das stimmt. Aber das Komische ist doch, dass wir uns dessen ständig bewusst sind. Trotzdem wählen wir immer wieder den Weg des geringsten Widerstandes und bleiben in unseren Bubbles. »Matrix« und ähnliche allegorische Filme zeigen eine Welt, die über das Sichtbare hinausgeht. Für mich ist aber John Carpenters »They Live« die bessere Analogie, um unsere heutige Realität zu verstehen. Darin gibt es eine endlose Prügelszene im Hinterhof, die ich in »Post Truth« zitiere und die oft als Metapher für spirituelles Erwachen gelesen wird – für den Kampf zwischen dem Sehen und dem Nichtsehen der Wahrheit hinter den Erscheinungen. Heute geht es weniger darum, Lügen zu erkennen. Wir müssen den Mut haben, uns der Wahrheit zu stellen und sie nicht bewusst zu vermeiden.

»Matrix« ist stark beeinflusst von postmodernen Theorien, mit denen Autorität in jeder Form kritisiert wird. Sie sagen, dass das heutige Misstrauen vieler Menschen gegenüber Fakten und Leitmedien hier seinen Anfang nahm. Unterwerfung unter ein neues digitales Regime geführt hat?

Das ist wirklich seltsam und zutiefst paradox. Der Postmodernismus hat die großen Erzählungen und die Idee objektiver Wahrheit zerstört, ohne jedoch etwas Kohärentes an ihre Stelle zu setzen. Das entstandene Vakuum füllt die Technologie aus: Sie verspricht Verbindung, erzeugt jedoch Isolation, einen Zustand hyperindividualisierter Freiheit, der sich wiederum als Emanzipation tarnt. Was als Rebellion gegen ideologische Autorität begann, hat die Grundlagen zerstört, die uns einst ermöglichten, Wahrheit von Illusion zu unterscheiden.

In Ihrem Film erwähnen Sie Daniel Kahnemans Bestseller »Schnelles Denken, langsames Denken«. Sie sagen, es hat starken Einfluss auf Tech-Giganten wie Facebook und Google gehabt. Könnten Sie das bitte erklären?

Daniel Kahneman hat die Verhaltensökonomik bekannt gemacht, im Jahr 2002 bekam er für seinen Beitrag auf dem Feld den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Er und ähnliche Denker in seinem Feld haben Technologieunternehmen dahingehend beeinflusst, dass sie den Menschen als programmierbares System zu sehen begannen. Die Erkenntnisse der Psychologie, später verstärkt durch Neuro- und Datenwissenschaft, gaben den Tech-Giganten ein Modell an die Hand, um Aufmerksamkeit und Emotionen im Namen der Effizienz zu manipulieren. Diese Denkweise verwandelte digitale Plattformen in eine Art »Emotionsmaschinen«.

Wie funktionieren diese »Emotionsmaschinen«?

Im Grunde genommen ist es ein System, das menschliche Emotionen in Echtzeit interpretiert und manipuliert. Die Algorithmen sind so konzipiert, dass sie den Menschen immer mehr von dem zeigen, was sie mögen. Die unbeabsichtigte Folge davon war die Entstehung von Echokammern sowie eine wachsende Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen – eine neue Form des Tribalismus.

Wird die Ära der generativen KI diesen Prozess noch beschleunigen?

Für mich diente KI bei der Produktion des Films als Werkzeug – ein Werkzeug, um meine Visionen und Ideen auf die Leinwand zu bringen. Für die Gesellschaft im Allgemeinen jedoch beschleunigt KI nur eine Entwicklung, über die wir bereits gesprochen haben: eine zunehmend von Daten, Optimierung und Verhaltensvorhersagen gesteuerte Welt, in der menschliche Erfahrung auf Muster reduziert wird und wir die Fähigkeit verlieren, andere Weltanschauungen zu verstehen oder zu akzeptieren.

Das klingt nicht gut.

Mag sein, aber ich glaube wirklich, dass das Problem nicht das Werkzeug ist, sondern die Art und Weise, wie wir es benutzen.

Könnte KI uns also auch helfen, aus unseren selbst gewählten, immer hermetischer werdenden Bubbles herauszukommen?

Natürlich! KI wird als Bedrohung wahrgenommen, aber das war mit jeder technologischen Neuerung so. Langfristig haben kreative Menschen die Chance, uns dank KI einen Ausweg zu zeigen. Allerdings wird das nicht durch die Tech-Giganten passieren. Von ihnen werden wir mit leicht konsumierbaren Produkten, zunehmend KI-gesteuerten »People-Pleaser«- LLMs (Large Language Model, Anm. d Red.), überflutet.

Was ist das?

Im Grunde nichts anderes als ELIZA, ein früher Chatbot aus den 1960er-Jahren, der Nutzern einfach immer wieder ihre eigenen Worte zurückspiegelte und so die Illusion von Verständnis erzeugte – ohne wirklich selbst zu denken. Sechzig Jahre später dienen die meisten Modelle demselben Zweck. Für mich ist es viel wichtiger, KI so zu nutzen, dass sie die Menschen mit ihren Widersprüchen konfrontiert, nicht tröstet.

Aber was passiert, wenn eine sich ihrer selbst bewusste superintelligente KI erwacht – würde das nicht alles verändern?

Meiner Meinung nach ist die Super-KI nur ein Marketingtrick, den Unternehmen nutzen, um ihre aktuellen Modelle zu hypen. Ich bin da skeptisch und folge in diesem Zusammenhang eher einem Philosophen wie John Searle (nach Searle ist die Simulation von Intelligenz kein echtes Verstehen, Anm. d. Red.). Doch auch ohne die AGI (Artificial General Intelligence, Anm. d. Red.) sind massive gesellschaftliche Veränderungen unvermeidlich. Die Menschheit an sich steht nicht auf dem Spiel, aber unser Selbstverständnis als Menschen, wie wir es noch aus dem 20. Jahrhundert kennen, schon. KI zwingt uns, neu zu hinterfragen, was Intelligenz, Kreativität und Bewusstsein wirklich bedeuten. In diesem Sinne könnte diese technische Disruption etwas Tieferes eröffnen.

Was meinen Sie?

Ich glaube, wir werden erforschen und verstehen, was jenseits rationaler Intelligenz liegt. Es wird turbulent, aber es könnte zu besseren Paradigmen und weiterentwickelten Formen unseres menschlichen Selbstverständnisses führen. Wie bei jeder großen historischen Wende werden auch hier bestimmte Lebensweisen zerstört werden, aber eben auch andere neu entstehen.

Ich musste, als ich Ihren Film sah, übrigens öfter an JeanLuc Godard denken, dessen Filme immer auch das Ziel hatten, dem Zuschauer die Künstlichkeit des Kinos zu vermitteln. In Ihrem Film gibt es KI-typische Fehler wie verzerrte Gesichter oder Hände mit zwölf Fingern, mit denen Sie scheinbar bewusst spielen.

Godard hat großen Einfluss auf mich. Auch mein Stil basiert auf solchen »Fehlern«. Sie sind eine großartige Metapher für das seltsame Zeitalter, in dem wir leben. Und genau hier liegt das größte Potenzial für eine neue künstlerische Sprache. Wir leben in einer Welt, die ständig versucht, perfekt zu erscheinen, während sie tief im Inneren inszeniert, gespielt und falsch ist. Die synthetische und unheimliche Ästhetik der KI wird irgendwann sinnbildlich für unsere Zeit stehen.

Sie haben »Post Truth« Ihrem kleinen Sohn gewidmet. Machen Sie sich Sorgen darum, in was für einer Welt er aufwachsen wird?

Nein, ich denke, diese Art von Sorge ist einer der großen Irrtümer des modernen Denkens. Wir leben in einer der sichersten und wohlhabendsten Epochen der Geschichte – und doch glauben viele, es sei eine zu dunkle Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen. Unser Gehirn ist darauf programmiert, negative Informationen zu priorisieren, und durch die ständige Bildschirmexposition sind wir süchtig nach Extremen geworden, nach Krisen, Empörung und Angst. Mit der Zeit hat sich diese Sucht in die Kultur selbst eingeschrieben und formt, wie wir die Realität wahrnehmen. In diesem Sinn ist mein Film nicht pessimistisch. Er versucht vielmehr, die Absurdität unserer kollektiven Denkweise offenzulegen. Nur so lernt man, frei zu denken, statt vorgefertigte Weltbilder zu übernehmen.

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