Buchmarkt | Venezuela

Verlegen als Widerstand

Trotz wirtschaftlicher Not und politischer Zensur geben Venezuelas Verlegerinnen und Buchhändler nicht auf
Ein Frau und ein Mann stehen in einem Buchladen

Buchhändlerin Artemis Nader und David Malavé an ihrem Stand bei einer Buchmesse in Madrid

„Es ist, als wäre eine Atombombe gefallen.“ So beschreibt David Malavé, Gründer der Buchhandlung und des Verlags Kalathos, die Lage der Buchbranche in Venezuela. Die zuständige Handelskammer schätzt, dass der Sektor in den letzten 15 Jahren um siebzig Prozent geschrumpft ist. Das Onlinemagazin „Ecosistema“ berichtet, dass allein in Caracas neunzig Buchläden geschlossen wurden. Transnationale Verlage wie Random House und Planeta haben das Land schon vor Jahren verlassen.

„Die wenigen Buchhandlungen, die es noch in Venezuela gibt, sind Akte des Widerstands“, sagt David Malavé, „deshalb ist der Elan der im Land Gebliebenen so wertvoll“. Er verweist auf Buchmessen wie Oeste und Filuc und auf all diejenigen, die trotz allem noch Bücher veröffentlichen.

Bücher kosten in Venezuela etwa so viel wie in den USA: umgerechnet meist zwischen 15 und 25 Dollar. Aber der Mindestlohn liegt bei einem Dollar pro Monat, mit staatlichen Zulagen wird er auf bis zu 160 Dollar aufgestockt. Die Diktatur von Nicolás Maduro ist geprägt durch eine tiefe Wirtschaftskrise und die politische Verfolgung von Dissidenten. „Fast 7,9 Millionen Menschen haben das Land verlassen“, so das UNHCR.

„Viele Verlage gehen neue Wege“

Lesen die Menschen, die geblieben sind, noch? Es gibt keine offiziellen Zahlen, aber über die Jahre haben sich alternative Wege aufgetan, um Bücher zu kaufen. In Caracas etwa werden Bestände alter Hausbibliotheken, deren Besitzer ausgewandert sind, übernommen und online vertrieben. So macht es Javier Marichal, der von diesen Bibliotheken spricht, als wären sie von Geistern heimgesuchte Orte. „Einige wage ich kaum zu betreten“, sagt der erfahrene Buchhändler, „vor allem diejenigen, an deren Aufbau ich selbst mitgewirkt habe.“ Einige der alten Bücher fallen fast auseinander, finden letztendlich aber doch neue Leser. Seinen Shop auf Instagram nennt Marichal „espacio.libro“, „Buchraum“.

Viele Verlage gehen im Kampf ums Überleben neue Wege. Entgegen dem Trend wurde 2024 Círculo Amarillo gegründet, ansässig in Caracas und sowohl im Print- als auch im Digitalbereich tätig. Die Gründer, die Journalistin Blanca Hurtado Neder und der Autor Lizandro Samuel, beide Mitte dreißig, haben bereits eine Handvoll Titel veröffentlicht. Da es ihnen an Kapital fehlte, haben sie sich etwas einfallen lassen: Jedes Buch wird durch einen „Produktionsleiter“ oder private Investoren finanziert, und diese finden sich fast immer in den Workshops, die der Verlag anbietet: Kurse zum Creative Writing mit Titeln wie „Interessant Leben erzählen – Wie man Biografien schreibt“. Um das Problem der fehlenden Buchläden zu umgehen, verkaufen und vertreiben sie ihre Titel direkt: per Post innerhalb Venezuelas und weltweit über Amazon, auch auf Kindle.

„Die Krise hier ist immens“, sagt Samuel, „die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, liegt bei etwa sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung. Aber anstatt zu warten, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, mit Literatur unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, und uns dabei die Freude am Lesen zu bewahren.“

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