Romakunst | Polen

„Kunst und Aktivismus gehören zusammen“

Die Textilkünstlerin Małgorzata Mirga-Tas schrieb 2022 Kunstgeschichte als erste Romni, die auf der Biennale von Venedig ausstellte. Wie hält man Roma‑Erzählungen mit Kunst lebendig?
eine bunte Wand mit Bildern aus Textilien

"Re-enchanting the World", Installation von 2022. Foto: Daniel Rumiancew

Das Interview führte Jess Smee

Frau Mirga-Tas, in Ihren Textilbildern verwenden Sie oft Kleidungsstücke Ihrer Familie oder von Freundinnen. Warum?

Es geht mir nicht nur um die richtigen Stoffe, sondern auch darum, Geschichte zu bewahren. Kleidung trägt den Geist, die Emotionen und die Erinnerungen ihrer Trägerinnen in sich – das verleiht meinen Arbeiten Kraft. Und es sind nicht nur Menschen aus meiner eigenen Community, die mir Kleidung schenken. Für meine Ausstellung in der Collezione Maramotti in Reggio Emilia in Italien haben mir Leute aus der dortigen Sinti-Gemeinde traditionelle Kleidungsstücke gegeben. Ich habe viel Zeit mit diesen Familien verbracht, ihre Fotos angesehen, ihren Erinnerungen gelauscht und einiges darüber erfahren, wie sie auf unsere Geschichte blicken. In Göteborg erhielt ich von schwedischen Roma Kleidungsstücke, die rund hundert Jahre alt sind. Das war eine Ehre.

Warum haben Sie zusammengenähte Textilien als künstlerisches Medium gewählt?

Meine Techniken sind nicht nur von der Roma-Kultur inspiriert, sondern von weiblicher Handarbeit allgemein. Als Kind brachte mir meine Großmutter das Nähen bei. Sie machte ihre Kleidung selbst. Damals saßen die Frauen oft zusammen, nähten Bettdecken, sprachen dabei über Intimes, lachten oder sangen – diese Erinnerung trägt mich bis heute.

In Ihrem Atelier in Czarna Góra im Süden Polens nähen Sie weiterhin gemeinsam mit anderen Frauen.

Ich lebe mit meiner Familie in der Bergitka-Roma-Community. Meine Tante Stasia arbeitet mit mir zusammen, ebenso andere Frauen aus Roma-Gemeinschaften oder aus der Nachbarschaft.

Der britische Roma-Autor Damian Le Bas beschrieb die Menschen in Ihren Arbeiten als „halb anwesend, in einer Art beaufsichtigter Wiedergeburt“. Sehen Sie das ähnlich – dass sie durch die Werke weiterleben?

Diese Definition gefällt mir sehr. Alte Stoffe zu verwenden und die Geschichten realer Menschen einzubeziehen, haucht den Arbeiten Leben ein, selbst wenn jemand verstorben ist.

Seit Sie 2022 Polen auf der Biennale vertreten haben, stellen Sie oft international aus. Wie empfinden Sie diese Sichtbarkeit?

Lange interessierte sich kaum jemand für meine Kunst oder für Roma-Kultur. Heute sind meine Arbeiten an vielen Orten zu sehen, unter anderem in der National Portrait Gallery in London. Für mich ist es von symbolischer Bedeutung, dass Porträts von Roma nun neben historischen Bildern aus dem britischen Empire hängen: Mächtige und Marginalisierte teilen denselben Raum.

Ihre Werke enthalten häufig Anspielungen auf die europäische Kunstgeschichte. Möchten Sie Roma so neu in die Geschichte hineinschreiben?

Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert schufen fast ausschließlich Nicht-Roma Darstellungen unserer Gemeinschaft – die meisten davon negativ gefärbt oder stereotypisch. Wir wurden auf Karren sitzend gezeigt, als „schmutzig“ dargestellt, oft ohne Kleidung, besonders die Frauen. Ich versuche, künstlerische Klischees über Roma gewissermaßen zurückzuerobern. Ich arbeite mit historischen Bildern, etwa des Barockkünstlers Jacques Callot, um auf derartige Darstellungsmuster zu reagieren.

Wie haben Sie diese Arbeiten adaptiert, zum Beispiel in
„Re-enchanting the World“?

Zunächst wollte ich den Dargestellten mehr Würde verleihen. Ich kleidete sie ein! Es war mir auch wichtig zu zeigen, dass sie keine „Ägypter“ waren, wie man damals dachte, sondern Roma. Sie waren keine Nomaden – sie waren unterwegs, weil sie unterdrückt wurden. Im Frankreich des 17. Jahrhunderts wurden Roma versklavt und oft ohne rechtliche Konsequenzen getötet. Im 20. Jahrhundert entstand dann ein künstlerischer Trend, der eine Art „Zigeunerstil“ idealisierte. Es war eine kurze Faszination, ohne ernsthafte Auseinandersetzung. Vielleicht kennen nicht alle Roma jedes Details ihrer Geschichte, aber alle haben Erfahrungen mit Rassismus gemacht und mit den Stereotypen, die von ihnen geprägt wurden. Wir können uns nicht einfach davon abwenden, wenn wir dessen überdrüssig sind. Das ist unser Leben. Unsere tragische Vergangenheit muss erinnert und erzählt werden.

Wäsche aufhängen, plaudern oder eine Zigarette rauchen –warum interessieren Sie gerade diese Alltagsszenen?

Ich will zeigen, dass Roma ein ganz normales Leben führen. Meist werden wir nur wahrgenommen, wenn etwas Negatives passiert. Aber hinter scheinbar banalen Szenen steckt oft einiges an Schmerz. Ein Bild einer rauchenden Frau, zuletzt im Brücke-Museum in Berlin gezeigt, basiert auf einem Foto aus einem deutschen Lager von 1938. Alle Abgebildeten wurden später nach Auschwitz deportiert. Meine Kunst verbindet Alltägliches und Tragisches.

Wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Aktivismus?

Für mich gehört beides zusammen. Ich wähle wichtige Geschichten aus und recherchiere viel. Aber wenn ich etwas erschaffe, gehe ich wie eine Künstlerin an die Sache heran – Komposition, Skizzen, ästhetische Erwägungen. Kunst und Aktivismus lassen sich für mich nicht trennen.

Wie reagiert Ihre Community auf Ihren Erfolg?

Als mein Werk auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde, feierten sie mit mir, schenkten mir Kleidung, Fotos. Das gibt ein Gefühl von Stolz, aber auch des Alltäglichen. Für sie bin ich keine Berühmtheit, sondern jemand, die einfach ihre Arbeit macht.

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