Poesie im Ausnahmezustand
Serhij Zahdan und Julija Pajewska beim Charkiwer Literaturfestival im August 2025
Foto: Serhij-Zhadan-Stiftung
In ihrem früheren Leben war Julija „Taira“ Pajewska Grafikdesignerin und Aikido-Trainerin, doch im Jahr 2014 änderte sich alles: Sie gründete ein freiwilliges Rettungskorps und wurde Sanitäterin. In dieser Funktion war die Ukrainerin in dem Krieg, den Russland im Februar 2022 gegen ihr Land begann, an vorderster Front im Einsatz. Bereits im März des Jahres geriet sie in Mariupol in russische Gefangenschaft und wurde erst drei Monate später freigelassen.
Heute ist sie Teil der 13. Brigade der Nationalgarde der Ukraine, „Chartija“ – derselben Einheit, in der auch der Dichter Serhij Zhadan dient. Ende August moderierte dieser beim Charkiwer Literaturfestival die Präsentation von Julija Pajewskas erstem Gedichtband. Trotz täglicher Angriffe war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, ebenso wie die anderen Lyriklesungen im Programm.
Widerstand gegen politische und kulturelle Unterdrückung durch Russland wie gegen Autoritarismus im Allgemeinen – Zensur, Verbannung, Todesurteile: Die ukrainische Dichtung blickt auf eine lange Tradition des politischen Kampfes zurück – Biografien von Autorinnen und Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, von Taras Schewtschenko bis Wassyl Stus, lesen sich wie eine Chronik der Auflehnung. Und im Jahr 2025 hallen ihre Zeilen wie prägnante Kommentare zur Gegenwart nach. Oft werden sie tatsächlich vertont – etwa von der Lwiwer Band Pyrig i Batig oder vom Kollektiv MUR, das ein Musical über die Geschichte des Charkiwer Schriftstellershauses Slowo schuf. Das Gebäude war Ende der 1920er-Jahre, also in Sowjetzeiten, gebaut worden, um ukrainische Autoren zu beherbergen – und sie zu überwachen. Die Auftritte des Kollektivs und der Band ziehen Tausende an.
„So schmerzhaft es auch ist“, erklärt die Psychologin und Lyrikerin Warwara Tschorna, die vor anderthalb Jahren aus Odessa nach Charkiw gezogen ist: „Das kollektive Trauma, das die Menschen in der Ukraine durch den grausamen Angriffskrieg der Russen erlitten haben, hat zur verstärkten Selbstidentifikation beigetragen. Jetzt ist die ukrainische Kultur endlich im Trend.“
„Die ukrainische Poesie erlebt zwei Booms“, erzählt Swiatoslaw Pomerantsev, Verleger von Serhij Zhadan und Julija Taira Pajewska. „Der erste, vertikale Boom dauerte Mitte 2022 bis Ende 2023. Die Nachfrage und die Verkaufszahlen bekannter Dichterinnen und Dichter vervielfachten sich, die von Zhadans Büchern stiegen etwa auf das Drei- bis Fünffache an.“
„Die Texte sind eindringliche Zeugnisse der Kriegsrealität“
Der zweite Boom, so Pomerantsev, sei horizontal und halte bis heute an: das Aufkommen zahlreicher neuer Stimmen in der ukrainischen Dichtung. „Für dieses Phänomen gibt es zwei Erklärungen: Poesie eignet sich besonders, um starke Emotionen auszudrücken, und wirkt wie eine Art Kunsttherapie. Der Gedichtband von Taira, die die Folterkammern russischer Gefangenschaft überlebt hat, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.“
„Poesie reagiert am sensibelsten auf extreme Situationen“, stimmt der Lwiwer Dichter und Musiker Grigory Semenchuk dem Verleger zu. „Heute rückt vor allem die Poesie von Soldatinnen und Soldaten in den Fokus, in der sich neue Stimmen durchsetzen.“
Beim Lesen der Frontpoesie wird man den Gedanken nicht los, ihre Autoren seien am verletzlichsten. Jaryna Tschornohus (30), Artur Dron (24) und Olena Herasimjuk (34) haben bereits unermessliches Leid und Zerstörung erlebt. In ihren Texten – oft zwischen feindlichem Beschuss ins Notizbuch gekritzelt oder hastig im Handy auf Google Docs getippt – versuchen sie, das Unfassbare zu verarbeiten. Es sind eindringliche Zeugnisse der Kriegsrealität.
Die erste Auflage von Maxim Krywzows gefeiertem Band „Gedichte aus dem Schützengraben“ war rasch vergriffen, doch der Autor erlebte den Erfolg nicht mehr: Im Januar 2024 fiel er, mit 33 Jahren, in der Region Charkiw.
So hat der historische Begriff „Erschossene Renaissance“ eine traurige Aktualität erhalten. Ursprünglich bezeichnet er die Generation ukrainischer Autoren, die in den 1920er-Jahren für eine kulturelle Blüte in der Ukrainischen Sowjetrepublik sorgten und dann in den 1930ern auf Befehl Stalins hingerichtet wurden oder in Gulags starben. „Jetzt sind das auch meine Freunde“, schrieb die Lyrikerin Olena Pavlova nach Krywzows Tod auf Facebook. Im Sommer 2024 erschien eine von Pavlova kuratierte Anthologie feministischer Poesie mit Texten von fünfzig Dichterinnen.
„Unsere Zeit ist die Zeit, in der die Erschossene Renaissance zurückschießt“, schreibt sie – ein Vermächtnis jener Generation, die heute mit dem Wort und der Waffe zugleich kämpft.
V.A.
gerade wollte ich zu deiner Beerdigung
als ein Schmetterling auf den Balkon flog
und um die Fenster wie zum Abschied
Kreise über Kreise zog
war kein Sommer, war ein Sehnen
und ich riss alle Fenster auf
um ihn hinaus zu lassen
versuchte ihn leicht am Flügel zu fassen
und ließ wieder los
flieg nur für immer, fort in den Sommer
an meinen Fingern schimmern Pollen
gelb, blau und schwarz
der Priester in der Kirche sagte
du seist ein Engel geworden
dabei warst du vorher schon einer
aus Güte und Licht
mit ein wenig Trauer im Blick
Generation in Fahnen
umwickelter, geschlossener Särge
unschuldig Getöteter
die lange hätten leben müssen
um ihre Bücher zu verfassen
und drüber ihr Augen-
und nicht ihr Herzlicht einzubüßen
Grigory Semenchuk (Aus: „Den Krieg übersetzen. Gedichte aus der Ukraine“, edition.fotoTAPETA)
Aus dem Ukrainischen von Ulrike Almut Sandig