Für Menschen statt Klicks
Der Infostand von Documented in
New York
Foto: Documented
Die Plakate der Protestierenden auf dem Times Square sind bunt: „Kein ICE in unserer Stadt!“, prangt in roter Schrift auf einem Pappschild, auf einem anderen steht in blauen Lettern: „Save our healthcare!“. Die Forderungen der mehr als 100.000 Demonstrierenden, die New Yorks Straßenschluchten geflutet haben, sind genauso breit gefächert wie die Angriffe der Trump-Regierung auf ihre politischen Freiheiten.
Weniger prominent ist das Thema, über das ich nur ein paar Meter weiter – in einer Seitenstraße des Broadways, in der Craig Newmark Graduate School of Journalism – mit der Journalistin Lam Thuy Vo spreche: die Krise der US-Medien. Anderswo wäre es womöglich das Gesprächsthema Nummer eins, in Trumps Amerika ist es derzeit kaum mehr als eine Randnotiz. Dabei gibt die zunehmend prekäre Lage der Medienlandschaft allen Anlass zur Sorge. Lam Thuy Vo weiß das aus eigener Erfahrung. Ihrem früheren Arbeitgeber, dem National Public Radio (NPR), wurden vom US-Kongress – zusammen mit anderen Sendern – gerade erst staatliche Gelder in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar entzogen; und ihr letzter Fulltime-Job bei dem Non-Profit-Onlinemagazin „The Markup“ fiel einem Besitzerwechsel und der anschließenden „Umstrukturierung“ zum Opfer. Symbolträchtige Beispiele für zwei besorgniserregende Trends, so Lam: „Zum einen entzieht der Staat den wenigen nicht kommerziellen Sendern im Land den Nährboden, zum anderen kaufen Konzerne die verbleibenden kleinen Medien auf.“
Lam Thuy Vo mit Frauen aus immigrantischer Community
Foto: Documented
Wie eng diese Entwicklungen mitunter miteinander verwoben sind, zeigte zuletzt der Skandal um Moderator und Comedian Jimmy Kimmel, der auf Druck von Präsident Trump vorübergehend seine Late-Night-Show verlor. Dass für die milliardenschweren Medienkonzerne vor allem der Kontostand zählt, hat Lam Thuy Vo bereits persönlich erlebt. Als ehemalige Redakteurin bei buzzfeed.com, einem der beliebtesten Medienportale im englischsprachigen Raum, musste sie ihren Vorgesetzten vor allem Klickzahlen liefern.
„Warum schreibe ich Stories für Leser am Ende der Welt?“
„50.000 Klicks waren für einen Artikel die Norm, bis zu 300.000 waren ganz gut, zwischen 500.000 und einer Million waren das Ziel“, erzählt sie. Ein substanzieller Teil dieser Klicks kommt aus dem Ausland – etwa aus Indien, Japan und Großbritannien. „Ich habe mich gefragt: Warum schreibe ich Stories für Leser am Ende der Welt? Ging es mir nicht mal darum, etwas vor Ort zu bewegen?“
Diese Fragen brachten Lam dorthin, wo ich sie heute treffe – an die City University of New York, wo sie seit 2023 Datenjournalismus unterrichtet – und zu Documented. Die gemeinnützige Nachrichtenorganisation wurde 2018 von Mazin Sidahmed und Max Siegelbaum gegründet, zwei US-amerikanischen Journalisten, die damals für Medien wie „Vice“ und „Foreign Policy“ aus dem Nahen Osten über Flucht und Migration berichteten – und eine gemeinsame Frustration teilten: Die Artikel, die die Redaktionen verlangten, hatten derweil kaum einen Mehrwert für die Menschen, die sie tagtäglich in syrischen Flüchtlingscamps interviewten. „Unsere Arbeit fühlte sich irgendwie ausbeuterisch an“, erklärt der heute 36-jährige Sidahmed: „Wir schrieben für ein möglichst breites Publikum daheim. Dabei wollten wir eigentlich, dass die Menschen, um die es in unseren Geschichten ging, auch diejenigen sind, die sie lesen.“
Aus diesem Anspruch heraus hat sich über die letzten sieben Jahre eine ansehnliche New Yorker Redaktion entwickelt. Zu Anfang arbeitete sie noch in Siegelbaums Apartment, inzwischen verfügt Documented über eigene Büroräume, beschäftigt 17 Angestellte in Vollzeit und Dutzende Freelancer, darunter auch Lam Thuy Vo. Für sie steht die Organisation, deren Motto „News that speaks your language“ lautet („Nachrichten, die deine Sprache sprechen“), für das Gegenteil dessen, woran die US-Medienlandschaft insgesamt krankt: „Documented berichtet nicht über, sondern für bestimmte Communitys“, erklärt Lam, während an der Wand hinter ihr die Titel der nächsten Uni-Vorlesungen über einen Bildschirm flimmern: Dienstag: „Is the US Still a Safe Haven for Journalists Under Threat?“; Mittwoch: „Journalism in Hard Times“.
Im Zentrum der Berichterstattung von „Documented“ stehen die migrantischen Communitys in New York, deren Geschichten bei überregionalen Medien wie CNN und der „Washington Post“ zwar gerne angerissen, aber nur selten auserzählt werden. Auf documentedny.com geht es aber nicht nur darum, die Lebenswirklichkeit dieser Communitys zu schildern, sondern sie auch mit den Infos zu versorgen, die sie im Medienmainstream kaum bekommen. Zum einen findet sich auf der Website deshalb maßgeschneiderter Lokaljournalismus auf Englisch, Spanisch, Chinesisch und Haitianisch-Kreolisch: von der New Yorker Bürgermeisterwahl über Razzien der Einwanderungsbehörde ICE bis hin zu einem Bericht über die kostenlose Ausgabe von Fahrradwerkzeugen in Stadtbibliotheken. Zum anderen veröffentlicht „Documented“ Texte mit Tipps und Ratschlägen zu Themen wie „Was mache ich, wenn ich meine Greencard verloren habe?“ und „Welche Rechte hat man ohne Aufenthaltserlaubnis?“. Alles Fragen, die sich nicht bei einer Redaktionssitzung in Lower Manhattan ergeben, sondern aus Gesprächen mit Leserinnen in migrantisch geprägten Stadtbezirken wie Queens und Brooklyn.
„Unsere Leser sollen die Inhalte da finden, wo sie sowieso online sind“
Das Team veranstaltet Nachbarschaftsforen und betreibt Community-Chats, zum Beispiel über den chinesischen Facebook-Klon WeChat und das soziale Netzwerk Nextdoor, das vor allem bei der spanischsprechenden Bevölkerung beliebt ist. „Unsere Leserinnen und Leser sollen unsere Inhalte da finden, wo sie sowieso schon online sind“, erklärt Documented-Mitgründer Max Siegelbaum die Strategie. Für Lam Thuy Vo, deren Familie aus Deutschland und Vietnam stammt, ist es genau das, was den großen US-Medienhäusern mittlerweile fehlt: lokaler Anspruch und vor Ort erworbenes Vertrauen: „Richtig gute Berichterstattung kannst du eigentlich nur liefern, wenn du nah an den Leuten dran bist. Der Großteil der Medien entwickelt sich aber genau in die andere Richtung: Sie haben oft gar keine Reporter mehr vor Ort.“
Bei Documented geht es, so Lam, nicht darum, wie viele Leserinnen und Leser eine Geschichte erreicht, sondern welche. Und darum, wie groß der „Impact“ ist, den man erzielen kann, zum Beispiel im Stadtrat oder bei Abgeordneten in der New York State Assembly. Nicht umsonst verschickt die Organisation ihren mittlerweile 50.000-fach abonnierten Newsletter „Early Arrival“, der dreimal pro Woche die wichtigsten Nachrichten zum Thema Migration zusammenfasst, vornehmlich an Politikerinnen und Politiker in New York und im ganzen Land.
Für Mazin Sidahmed ist diese Art des neuen alten Lokaljournalismus ein Gegenmodell zu dem, was die US-Massenmedien machen. Geht es nach ihm, dann soll der Documented-Ansatz in den nächsten Jahren landesweit Verbreitung finden. Insgesamt will Sidahmed zwanzig redaktionelle Projekte von der Ost- bis zur Westküste gründen und fördern, darunter unabhängige Websites, Radiosender und alternative Wochenzeitungen. „Wir hoffen, dass wir dafür die richtigen Menschen finden – junge Leute, Journalistinnen und Journalisten of Color, die ihre Arbeit so verstehen wie wir, aber bislang weder die Zeit noch die Mittel hatten, etwas auszuprobieren“, sagt er.
Ist das zu groß gedacht? Vielleicht. Immerhin kann es sich die Organisation, die über Spenden finanziert wird, bislang nur deshalb leisten, gegen den Medien- Mainstream zu schwimmen, weil Stiftungen wie die Ford Foundation das Projekt unterstützen. Dagegenhalten kann man allerdings: Überhaupt nur so werden alternative Formen des Journalismus in Zukunft eine Chance haben, in einem Land, in dem „öffentlich-rechtliche“ Medien traditionell kaum eine Rolle spielen. „Wir leben in vielerlei Hinsicht in einem zerstörten Medienökosystem“, sagt Lam Thuy Vo. „Mit unserer Arbeit wollen wir versuchen, es ein Stück weit wiederherzustellen.“