Künstliche Intelligenz | Europa

Frankreich will keine digitale Kolonie sein

Ein dunkler Ausstellungsraum zeigt KI-Kunst

Die Installation Calculating Empires des Künstlerduos Kate Crawford und Vladan Joler war Teil der Ausstellung Le monde selon l’IA. Sie zeigt Künstliche Intelligenz als unsere derzeit höchste Entwicklungsstufe.

An den beiden Wänden des Korridors prangen zwei gewaltige, zwölf Meter lange Diagramme: In Weiß auf schwarzem Hintergrund enthalten sie verwirrend viele Begriffe, Zahlen, Piktogramme, schematische Darstellungen von Personen und technischen Systemen, Kurven und historische Zitate. Es sind Erfindungen, Entwicklungen und Ereignisse der letzten fünf Jahrhunderte. Die Bandbreite reicht von Leonardo da Vincis vitruvianischem Menschen und den Wampum-Perlen nordamerikanischer Indigener über die Gründung der Vereinten Nationen, aber auch faschistischer Bürokratien bis hin zur Psychoanalyse und Robotik, von globalen Flüchtlingsströmen bis zu Hightech-Kommunikationssystemen. Im Jahr 2025 mündet das Ganze in der KI – so als wäre damit eine Art vorläufig finale Evolutionsstufe im Hinblick auf Technologien, Infrastrukturen und Machtsysteme erreicht. Die Installation mit dem Titel „Calculating Empires“ des Künstlerduos Kate Crawford und Vladan Joler war Teil der Ausstellung „Le monde selon l’IA“ (etwa: „Die Welt gemäß der KI“), die von April bis September vergangenen Jahres im Jeu de Paume in Paris zu sehen war. Titel und Zeitpunkt für die Schau waren passend gewählt. Denn im globalen Wettlauf, in dem die USA und China bereits einen großen Vorsprung haben, will Frankreich doch noch mitmischen.

„Französische Rechenzentren, aber vollgestopft mit amerikanischer Technologie“

Kurz vor Beginn des AI Action Summit, des großen KI-Gipfels, der im Februar 2025 in Paris stattfand, hatte Präsident Emmanuel Macron deshalb ein Programm angekündigt, das Investitionen aus der Privatwirtschaft im Bereich Künstliche Intelligenz in Frankreich in Höhe von 109 Milliarden Euro vorsieht. Damit reagierte er auch darauf, dass US-Präsident Trump einen Monat zuvor den Start des Projekts „Stargate“ bekannt gegeben hatte: die Investition von insgesamt 500 Milliarden Dollar zur Stärkung der KI in den USA. Das französische Projekt, an dem sich neben einheimischen auch ausländische Geldgeber beteiligen, zielt im Wesentlichen auf den Bau neuer Daten- und Rechenzentren für die KI ab. Im Elysée-Palast hofft man, dass diese „Fabriken von morgen“ Start-ups hervorbringen und insgesamt zur Modernisierung von Unternehmen beitragen werden. Dies soll einen Dominoeffekt auf die Wirtschaft haben. Seitdem hat eine Reihe von Unternehmen Investitionen in Höhe von insgesamt rund 26 Milliarden Euro verbindlich zugesagt. Wenn es einen Namen gibt, der den französischen Ehrgeiz im KI-Bereich beispielhaft verkörpert, dann ist es Mistral. Das 2023 gegründete Start-up ist spezialisiert auf große Open-Source-Sprachmodelle, unter anderem für Chatbots. Es gilt als eines der vielversprechendsten KI-Unternehmen Europas. Sein Wachstum verlief bislang rasant, mit 11,7 Milliarden Euro hat sich sein Wert seit seiner letzten Finanzierungsrunde im Juni 2024 fast verdoppelt. Aber auch andere französische Firmen wie PhotoRoom, einer der weltweit führenden Anbieter von KI-basierter Bildbearbeitung, oder LightOn, das KI-Tools in Form von Large Language Models für Unternehmensanwendungen entwickelt und vermarktet, konnten sich auf dem hart umkämpften Markt etablieren.

Man könnte meinen, dass diese erfreulichen Entwicklungen auf das Wirken des französischen Präsidenten zurückzuführen sind. Macron hat in der Tat „eine investorenfreundliche Politik und eine Politik zur Förderung der Finanzierung von Start-ups betrieben“, sagt Julien Pillot, Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Inseec Business School in Paris, aber „vor allem verfügt das Land über entscheidende strukturelle Vorteile, die es zum attraktivsten in Europa machen“, was den KI-Bereich betrifft. An erster Stelle steht für den Ökonomen die Fähigkeit, talentierte Fachkräfte auf diesem Feld auszubilden. Wenn dann das Berufsleben beginnt, ist es bislang allerdings „schwierig, sie im Land zu halten, sie gehen ins Ausland, in die USA, weil sie in Laboren mit den besten Mitteln und in den besten Teams arbeiten wollen«, bedauert er. Ein weiterer struktureller Vorteil für Investoren sei, dass in Frankreich vor allem Energie aus Atomkraftwerken für KI eingesetzt werden soll, laut Pillot „kostengünstige und dekarbonisierte Energie“. Zwar bleibt umstritten, inwiefern Atomkraft mit Blick auf den CO2-intensiven Abbau von Uran, die Strahlenrisiken, die Frage der Endlagerung und Bau und Rückbau von Werken wirklich nachhaltig ist. Aber aktuell wird sie in Frankreich von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Ein weiterer Standortvorteil Frankreichs sind Maßnahmen wie die seit 2013 geltende Steuergutschrift für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung (CICE), die Unternehmen Anreize für Investitionen bietet. Sie sind hilfreich bei der Erschließung neuer Märkte, der Förderung von Forschung und Innovation.

Auf der Grundlage dieser Stärken will Frankreich die Speerspitze des europäischen KI-Sektors sein, auf dass dieser mit jenem der USA und Chinas mithalten könne. Deshalb arbeitet man auch eng mit Deutschland zusammen. Auf Initiative Deutschlands und Frankreichs fand am 18. November ein Gipfel für Europäische Digitale Souveränität in Berlin statt, wo beide Länder dazu aufriefen, dass Europa den Führungsanspruch in der KI übernehmen solle. Dabei wurde unter anderem eine strategische Partnerschaft mit Mistral und SAP für den Einsatz im öffentlichen Dienst angekündigt. Derartige Kooperationen sind für Frankreich wie für ganz Europa von immenser Bedeutung. Im September 2024 warnte Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank, in einem viel beachteten Bericht vor einer existenziellen Gefahr für Europa: „Die erste – und wichtigste – Aufgabe für Europa ist es, seine gemeinsamen Anstrengungen zur Schließung der Innovationslücke gegenüber den USA und China grundlegend neu zu fokussieren, insbesondere bei den fortgeschrittenen Technologien.“ Julien Pillot betont, dass auf dem Feld der KI bereits eine technologische Abhängigkeit von ausländischen Unternehmen bestehe, da wir „die Wertschöpfungsketten der digitalen Industrie nicht vollständig kontrollieren“. In Frankreich wird die für diese Technologien erforderliche Infrastruktur – also vor allem Rechenzentren und Hardware – zum größten Teil von nicht-europäischen Anbietern bereitgestellt. Die Investitionen, die Macron angekündigt hat, werden zwar, so Pillot, „Datenzentren auf französischem Gebiet entstehen lassen. Aber diese werden mit US-Technologie vollgestopft sein und von amerikanischen Unternehmen betrieben werden“. In diesem Sinn „ist die Regulierung der einzige Hebel, über den wir verfügen, um eine echte Industriepolitik zu betreiben, die auf strategische Autonomie abzielt“, unterstreicht der Ökonom. Das heißt konkret, dass man dem Druck und den Forderungen der amerikanischen Tech-Giganten nicht nachgeben darf, Regulierungen zu lockern. Das gilt für Forderungen wie jene, die Apple im September 2025 erhob, den Digital Markets Act (DMA), die Verordnung der EU, um die digitale Wirtschaft fairer und wettbewerbsfähiger zu gestalten, zurückzuziehen. Zwar gibt es Gesetze wie die DMA, die Datenschutz-Grundverordnung der EU (DSGVO) oder den seit 2024 geltenden AI Act. Auf deren Grundlage könnte man Google wegen Missbrauchs seiner marktbeherrschenden Stellung mit sehr hohen Geldstrafen belegen oder die Plattform X auf dem europäischen Markt verbieten. Doch mangelt es den Verantwortlichen, so Pillot, an „politischem Willen und technischen Fähigkeiten“, diese Maßnahmen auch tatsächlich durchzusetzen.

„Es ist schwierig, X in Europa zu verbieten, wenn man Starlink in der Ukraine braucht“

Es sei schwierig, „Elon Musk zu sagen, dass es mit X auf europäischem Gebiet vorbei ist, wenn man Starlink in der Ukraine braucht und ihm den roten Teppich ausrollt, damit er Gigafactories in Europa baut“. Zumal europäische Unternehmen auch Sorge vor einer Überregulierung haben. Sie beklagen insbesondere Wettbewerbsverzerrungen gegenüber US-Unternehmen, die die europäischen Datenschutzbestimmungen leichter umgehen können. „Die Frage lautet“, so resümiert Pillot, „Werden wir zu einer digitalen Kolonie der USA mit Datenzentren mit amerikanischer Technologie, betrieben von amerikanischen Unternehmen? Oder wacht die Europäische Union auf, betrachtet die USA als Gegner und erhebt ihre Stimme, um ihre Interessen durchzusetzen?“ Was das Versprechen angeht, sich für eine nachhaltige und integrative KI einzusetzen, wie es diverse Politiker auf dem AI Action Summit machten, hat bei Weitem nicht alle überzeugt. „Es war ein protziger Gipfel ohne echte ethische, regulatorische und souveräne Vision für ein europäisches KIModell im Dienst des Gemeinwohls und des allgemeinen Interesses“, kommentierte David Cormand, EU-Abgeordneter der französischen Grünen. Und Frédéric Bordage, Mitglied des Kollektivs Green IT, hat eine ganze Reihe von Kritikpunkten. Unter anderem bemängelt er, dass die am Ende des Pariser Gipfels veröffentlichte Erklärung über eine nachhaltige und integrative KI – die von den USA und Großbritannien nicht unterzeichnet wurde – keinen Aufruf zu einer Regulierung in Bezug auf Transparenz enthält. Bordage wünscht sich eine Regulierung, die es ermöglichen würde, die CO2-Bilanz von KI-Anwendungen mit einem Mindestmaß an Genauigkeit zu schätzen, damit Kundinnen und Kunden konkurrierende Modelle daraufhin vergleichen könnten.

Was die Position Frankreichs in diesem Bereich am meisten schwächt, ist der Mangel an politischer Stabilität, der das Land seit einiger Zeit prägt. In den drei Jahren seit den letzten Präsidentschaftswahlen im Mai 2022 und dem Beginn der zweiten Amtszeit von Emmanuel Macron gab es fünf Premierminister. Und es werden immer wieder Forderungen laut, Macron solle zurücktreten und mit der Auflösung der Nationalversammlung Neuwahlen ermöglichen. Laut Umfragen könnte der Rassemblement National, die Partei von Marine Le Pen, bei den Präsidentschaftswahlen 2027 gewinnen, was eine politische Wende bedeuten würde und manche Investoren zögern lassen könnte. Ein weiteres Problem für die Entwicklung des KI-Bereichs ist eine angespannte Finanzlage: Die Verschuldung liegt in Frankreich mittlerweile bei über 115,5 Prozent des BIP (Stand Juni 2025). Die Zinssätze, zu denen der Staat Kredite aufnimmt, sind in den vergangenen Monaten gestiegen. In dieser Situation „kann Frankreich für Investoren riskanter erscheinen“, sagt Julien Pillot, auch mit Blick auf die KI. So steht das Land, bei der Künstlichen Intelligenz wie in vielen anderen Bereichen, an einem Scheideweg.

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