Rassismus | Kuba

Die Farben von Havanna

Das Ideal der Gleichheit wird von der sozialistischen Regierung Kubas großgeschrieben. Tatsächlich spielt die Hautfarbe aber nach wie vor eine große Rolle

In Kuba ist Rassismus nach wie vor sehr präsent. Doch darüber zu sprechen gilt als tabu.

Omar Hernández war gerade ins Teenageralter gekommen, als sein Vater ihn beiseitenahm, um mit ihm über seine Zukunft zu sprechen – seine Zukunft als ein schwarzer Mann in Kuba.

Jahre später, im November 2022, sollte Omar sich wieder an dieses Gespräch erinnern. Er wartete an einer belebten Straßenecke im Vedado, einem zentral gelegenen Stadtviertel Havannas, auf eine Freundin, es war gegen acht Uhr abends. Er vertrieb sich die Zeit an seinem Handy, als plötzlich ein Polizeiauto anhielt. Polizeibeamte stiegen aus und wollten seinen Ausweis sehen. Sie kontrollierten auch den Inhalt seiner Tasche und fanden dort ein Multitool, eine Art kleines Schweizer Taschenmesser.

Omar ist Maschinenbauingenieur und benutzt dieses Werkzeug bei seiner Arbeit. An dem Abend wollte er damit in der Wohnung seiner Freundin ein paar Steckdosen reparieren. Doch diese Erklärung genügte den Polizisten nicht: Das Tragen solcher Waffen sei eine Straftat, sagten sie und nahmen ihn mit aufs Revier. Bis Mitternacht verwahrten sie ihn dort hinter Gittern.

"Racial Profiling durch die kubanische Polizei ist kein neues Phänomen"

Der Vater hatte seinen Sohn gewarnt. Selbst Polizist von Beruf, wusste er genau, wie die Dinge laufen. „Er erklärte mir, dass die Polizei mich anhalten würde und dass ich dann vor allem ruhig bleiben müsse“, erinnert sich Omar. „Er sagte mir, den Beamten werde in ihrer Ausbildung vermittelt, dass Menschen wie ich anfälliger dafür seien, alle möglichen Straftaten zu begehen.“ Racial Profiling durch die kubanische Polizei ist kein neues Phänomen.

Die Ursachen für den Rassismus auf Kuba reichen weit zurück in die Zeit, als die Insel eine spanische Kolonie war. Menschen afrikanischer Herkunft wurden ins Land gebracht und als Sklaven hauptsächlich in der Zuckerproduktion eingesetzt. Auch fast anderthalb Jahrhunderte, nachdem die Sklaverei 1886 abgeschafft wurde, wirken ihre Muster nach. Selbst als die Kolonialherrschaft beendet und 1902 die Republik Kuba gegründet wurde, gab es weiterhin Rassendiskriminierung. Schwarze durften keine hohen Ämter bekleiden. Sie stellten aber den größten Teil der arbeitenden, armen Massen. Clubs, Parks, Vereine, Friseurgeschäfte sowie andere öffentliche Orte blieben nach Hautfarben getrennt.

Erst die Revolution von 1959 machte dieser Form der Segregation ein Ende. Man setzte auf politische Maßnahmen, um allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu Grund und Boden, Bildung, Kunst, Wohnraum und so weiter zu erleichtern. Damit wurden Schwarze und Mestizen der übrigen Bevölkerung rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung historischer Wiedergutmachung, so der Historiker Alexander Hall Lujardo, der zum Rassismus auf der Insel forscht. Wenn man die materiellen Grundlagen für Ausgrenzung und Vorurteile beseitigte, dann würden diese, so dachte man, mit der Zeit auch einfach verschwinden.

Doch nicht alle profitierten gleichermaßen von den Maßnahmen, es entwickelten sich sogar neue Formen der Ungleichheit. „Die Hierarchie der Hautfarben, die alle Lebensbereiche prägte, blieb als ein kulturelles Erbe erhalten, das man nicht einfach ausradieren kann“, betont Lujardo.

1962 verkündete Fidel Castro, dass die Rassendiskriminierung in Kuba nun überwunden sei. Im Laufe der 1960er-Jahre wurde Rassismus immer seltener öffentlich diskutiert, am Ende wurde er sogar zum Tabuthema. In der sogenannten „Sonderperiode“, der wirtschaftlichen und sozialen Krise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, von der Kuba ökonomisch stark abhängig war, wurden alte Missstände wieder sichtbar. Inzwischen sind Armut und Ungleichheit ein offenkundiges Problem.

"Das Problem des Rassismus beim Namen zu nennen, wäre der erste Schritt zu seiner Überwindung"

Aus einer Studie des German Institute of Global and Area Studies aus dem Jahr 2020 geht hervor, dass nur 11,5 Prozent der afrokubanischen Bevölkerung ein Bankkonto hatten, während es bei der weißen Bevölkerung fünfzig Prozent waren. Außerdem verfügten siebzig Prozent der Schwarzen über keinen Internetzugang, was nur auf ein Viertel der als weiß eingestuften Befragten zutraf.

Laut einer Analyse der Rechtsanwältin und Feministin Alina Herrera sind rassifizierte Frauen besonders gefährdet, benachteiligt zu sein. So ist ihre durchschnittliche Lebenserwartung – um nur einen Aspekt zu nennen – geringer als jene weißer Frauen und sogar niedriger als die weißer Männer.

In der Grundschule sagten die Lehrerinnen über Omar, er sei „ein Schwarzer mit der Seele eines Weißen“, in Anspielung auf sein gutes Benehmen und seine guten Noten. In jener Nacht, in der er festgenommen wurde, ließ ihn die Polizei schließlich mit einer Verwarnung wieder laufen. Seine Arbeit ist für ihn seitdem schwieriger geworden, denn aus Angst vor einer erneuten Polizeikontrolle trägt er jetzt bestimmtes Werkzeug nicht mehr bei sich.

Das Problem des Rassismus beim Namen zu nennen, wäre der erste Schritt zu seiner Überwindung. „Die Herausforderungen sind groß“, resümiert Lujardo. „Und wir sollten sie endlich in ihrer vollen Tragweite anerkennen.“

Aus dem Spanischen von Miriam Denger

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