Aus dem Exil | Sudan

„Der Krieg findet in meinem Haus statt“

Die sudanesische Künstlerin Amna Elhassan lebt seit 2023 in Deutschland. In ihren Arbeiten reflektiert sie ihre Flucht über Ägypten und Saudi-Arabien bis nach Frankfurt
Eine Frau mit einem bunten Kopftuch steht vor blauem Hintergrund und blickt nach links.

Amna Elhassan musste 2023 aus dem Sudan fliehen

Das Interview führte Julia Stanton 

Frau Elhassan, in der Kulturszene des Sudans engagieren sich viele schon lange für den Frieden. Hat Kunst durch den Krieg an Relevanz verloren?

Im Gegenteil. Künstler tun weiterhin viel, um auf das Leid und den Kampf der sudanesischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Wenn ich in Deutschland Ausstellungen habe, wissen viele im Publikum oft wenig über den Krieg in meiner Heimat. Das Problem sudanesischer Künstler sind ihre Lebensumstände. Es ist schwierig, zu arbeiten, wenn man bedroht wird.

Verspüren Sie die Verantwortung, die Lebenswirklichkeit im Sudan darzustellen?

Meine Arbeit ist zutiefst persönlich, ihre politische Dimension hat sie durch die Umstände bekommen. Nachdem das Militär die Hauptstadt Khartum von den Rapid Support Forces (RSF) zurückerobert hatte, kehrte mein Cousin in unser Haus zurück. Er sah, dass Mitglieder der RSF dort gewesen waren. Sie hatten Möbel zerstört und in meinem Atelier Werke übermalt. Auf eines schrieben sie: »Der Tod ist gewiss.« Es kam mir vor, wie eine Botschaft an mich. Ich habe nicht einfach ein Gefühl von Verantwortung, der Krieg findet in meinem Haus statt.

In Ihrer Arbeit geht es um Vertreibung und Flucht. Wie nähern Sie sich diesem Thema künstlerisch?

Nach Kriegsbeginn musste ich mit meiner Familie über Ägypten fliehen. Schließlich kamen wir bei meiner Schwester in Saudi-Arabien unter. Ich hatte zu dieser Zeit immer ein Skizzenbuch dabei und habe eine Reihe von Werken über meine Fluchterfahrungen geschaffen. Besonders inspiriert haben mich die Frauen, die ich unterwegs traf, und ihre Kraft. In einer meiner Arbeiten verwende ich Duft als Medium. Parfums sind tief in der sudanesischen Kultur verwurzelt. Frauen sind stolz darauf, sie zu tragen. Ich habe bemerkt, dass viele vertriebene Sudanesinnen mehr Parfum benutzen als zuvor, vielleicht um ihre Präsenz an fremden Orten zu behaupten. Vertreibung kann dazu führen, dass man sich unsichtbar fühlt. In einer Installation habe ich etwas gebaut, das einer Sanduhr ähnelt. Doch statt Sand nutzte ich Duftpulver, das langsam nach unten rieselte. Darunter brannte eine Kerze, die den Duft freisetzte. Der Vorgang des Brennens stand für Ausdauer und Verlust. Die verwendeten Materialien gehörten meiner Schwester und sind Teil meiner Familiengeschichte. Sie tragen die Geschichte von Vertreibung in sich.

Mit welchen Herausforderun­gen hatten sie in Deutschland zu kämpfen?

Ich hatte vor dem Krieg nie geplant, dauerhaft in Deutschland zu leben, meine Zukunft war in Khartum. Das kalte, regnerische Wetter hier ist für mich ungewohnt. Die Farben im Sudan sind ganz anders als die in Deutschland. Zudem bin ich weit weg von Familie und Freunden. Der Konflikt im Sudan wird oft als »vergessener Krieg« bezeichnet.

Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?

Wir Sudanesen haben das Gefühl, dass der Krieg von Anfang an ignoriert wurde. Die Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe, die Lebensbedingungen sind extrem. Dafür braucht es Medienaufmerksamkeit. Außerdem wünsche ich mir Unterstützung im Bildungsbereich. Ich unterrichte weiterhin online an der Fakultät für Architektur der Universität von Khartum. Ich sehe, wie enttäuscht und verloren meine Studierenden sind. Viele haben ihr Studium abgebrochen, um ihre Familien zu unterstützen. Viele Kinder gehen gar nicht mehr zur Schule.

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