Textilien | Argentinien

„Ich habe mir mein Glück erarbeitet“

Celeste Valero aus der Casillas-Gemeinde in Argentinien sollte Lehrerin werden. Doch dann entschied sie sich, wie schon ihre Vorfahren, für das Weben

Celeste Valero will die Tradition des Webens bewahren

Ich wurde 1993 in der indigenen Gemeinde Casillas im Departamento Humahuaca, Argentinien, geboren und wuchs mit zwei Brüdern und zwei Schwestern auf. Ich kam zwischen Wolle, Garn und Webstühlen zur Welt und sah meinen Eltern schon früh beim Weben zu. Ich nahm dieses Wissen auf selbstverständliche Art und Weise auf, ganz nebenbei, im Alltag.

Im andinen Denken sind Textilien nichtmenschliche Wesen, die in der Familie und der Gemeinschaft leben, Gefühle kommunizieren, Geschichten erzählen – wie ein Text, der den Lebensweg der Menschen und deren Verbindungen bezeugt. Sie sind auch ein Nachweis unserer wichtigsten Verbindung, nämlich der mit der Erde und anderen spirituellen Wesen. Meine Eltern hatten sich der Weberei gewidmet, aber dennoch war für uns immer klar – zumindest in meiner Familie –, dass ein anderer Beruf besser wäre. Meine Eltern schickten uns alle zur Schule, da sie annahmen, durch Bildung könnten wir „ein besseres Leben“ haben. Ich entschied mich für einen Beruf, der mit einer anderen Denkweise verbunden war, die mir fremd erschien: das Lehramt. Mit der Zeit verlernte ich die Bedeutung der andinen Kosmovision für unser Leben, obwohl ich sie als den größten Reichtum meiner Familie empfand.

„Weben ist eine alte Technik, die langsam verloren geht“

Zu dieser Zeit fand ich oft keine Worte für das, was ich sagen wollte. Englisch, die Sprache, die ich unterrichten wollte,  fühlte sich wie eine Einschränkung an. Als ich mein Unterrichtspraktikum machte, gefiel mir das nicht. Das Schulsystem, die Art, wie Lehrer und Lehrerinnen vor den Schülern und Schülerinnen stehen, diese ganze Struktur gefiel mit nicht. Das brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was ich eigentlich im Leben wollte. Ich beendete schließlich meine Ausbildung und widmete mich dem Weben. In meiner Familie war das keine leichte Entscheidung, weil dieser Weg mit Armut assoziiert wurde. Trotzdem, von diesem Moment an konzentrierte ich mich wie bereits meine Vorfahren ganz darauf.

Weben ist eine alte Technik, die langsam verloren geht. Ich fragte mich, wie wir die Tradition bewahren, wiederbeleben und besser davon leben könnten. Also beschloss ich anzuwenden, was ich in der Pädagogik gelernt hatte, und begann, die Anden-Textilkunst Interessierten zu vermitteln. Ich begann, Weber-Gemeinschaften zu besuchen, Kontakte zu knüpfen und mein Wissen zu teilen. Ich brachte ihnen eine Masche oder Färbung bei, und dann machten sie ohne Zwang weiter, wie sie es wollten. 2016, kurz danach, gründete ich die Gruppe Tejedores Andinos, „Andenweber“. Mittlerweile folgen uns fast 10.000 Menschen auf Instagram. Auf der Plattform können wir unsere Kunst präsentieren und einem breiteren Publikum etwas über unsere Identität vermitteln. 

„Unsere Mission bleibt dieselbe: Menschen zu inspirieren und gleichzeitig unsere starke Verbindung zur Natur, zu unseren Wurzeln und zu der Gemeinschaft, in der wir leben, zu bewahren”

Das zeigt Wirkung: Im Jahr 2019 wurde etwa der Designer Benito Fernández auf uns aufmerksam. Gemeinsam entwarfen wir die Kollektion Ceremonia Sagrada, die auf der Argentina Fashion Week vorgestellt wurde. Vor Kurzem bin ich nach New York gereist und habe dort auf einem Markt nicht nur alle mitgebrachten Textilien verkauft, sondern auch Kontakte geknüpft, die uns dabei helfen werden, unsere Arbeit fortzusetzen. Die Arbeitstage, die wir investiert haben, und die guten Neuigkeiten, die ich mitgebracht habe, sind ein Grund zu feiern. Unsere Mission ist es, Textiltechniken durch Wissensaustausch zu fördern, zu bewahren, weiterzugeben und zu perfektionieren. Zurzeit sind meine Tage aufgeteilt zwischen meiner Familie, meiner fünf Jahre alten Tochter, meiner eigenen Webarbeit und der Gruppe, die ich leite.

Ich besuche auch weiterhin Gemeinschaften in Santa Ana und Caspalá – und einmal im Monat die Lamas meiner Familie in meinem Heimatort. Wenn nötig, reise ich in andere Länder, um unsere Textilarbeiten zu präsentieren. Es gibt einen Markt für unsere Art von Mode, mit der wir Menschen ansprechen wollen, die sich über sinnvollen Konsum Gedanken machen. Viele suchen nach Produkten mit einer reichen Geschichte, nach Waren, die Bestand haben. Wir stellen einzigartige, zeitlose Stücke her. Unsere Mission bleibt dieselbe: Menschen zu inspirieren und gleichzeitig unsere starke Verbindung zur Natur, zu unseren Wurzeln und zu der Gemeinschaft, in der wir leben, zu bewahren. In der andinen Kosmovision passiert, anders als im westlichen Denken, nichts zufällig. Ich denke so: Man muss viel geben, und was man gibt, bekommt man später zurück – zum rechten Zeitpunkt. Die Ernte folgt nicht unmittelbar auf die Saat, man muss dafür arbeiten. So ist auch mein Weg, ich habe mir mein Glück, viel Glück, erarbeit. 

Protokolliert von Gabriela Cisterna

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