Journalismus | Venezuela

Mit Avataren gegen die Zensur

Nach der umstrittenen Wiederwahl des vene­zolanischen Präsidenten Nicolás Maduro 2024 gerieten unabhängige Medien zunehmend unter Druck. Ein journalistischer Verbund setzt dem Regime Künstliche Intelligenz entgegen, um weiter kritisch berichten zu können

Die Avatare der „Operación Retuit“ sollen Nähe zum Publikum schaffen

Am 13. August 2024 tauchte ein relativ unauffälliges Nachrichtenvideo mit dem Titel „Operación Retuit“ („Operation Retweet“) in den sozialen Medien auf. Darin stellten sich eine junge Frau in einem roten Kleid als „La Chama“ („das Mädchen“) vor, und ein junger Mann in kariertem Hemd als „El Pana“ („der Freund“). Es informierte über die politische Lage nach den Präsidentschaftswahlen in Venezuela vom 28. Juli. Die Wahlbehörde hatte eine dritte Amtszeit von Nicolás Maduro verkündet, obwohl es Beweise für Betrug gab. Der Clip berichtete über die Massenproteste in diesem Zusammenhang und wies darauf hin, dass die Angaben der Behörden über Verhaftungen deutlich von den Angaben unabhängiger Nichtregierungsorganisationen abwichen. Mehrere venezolanische Medien veröffentlichten das Video. Es unterschied sich scheinbar nicht von anderen Social-Media-Inhalten, wie Nachrichtenorganisationen sie üblicherweise produzieren. Die Informationen im Video hatte ein journalistischer Medienverbund verifiziert, sie wurden klar und schlüssig kommuniziert. Was war also besonders? Die Moderatorin und der Moderator waren, wie sie selbst im Video erklärten, durch künstliche Intelligenz generiert: Avatare.

Im Allgemeinen gilt derzeit der Einsatz von KI im Journalismus als problematisch, unter anderem wegen möglicher Manipulationen und Fälschungen. Doch das Projekt „Operación Retuit“, das aus einem Zusammenschluss mehrerer Nachrichtenorganisationen entstand, funktioniert anders. Die Initiative soll Falschmeldungen vorbeugen und sicherstellen, dass in einer Medienlandschaft, die zunehmend durch Repressionen geprägt ist, weiterhin verifizierte Informationen Verbreitung finden. Venezuela befindet sich seit Langem in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Etwa acht Millionen Menschen haben bis November 2023 das Land verlassen, ein Großteil der Bevölkerung ist verarmt. Kurz vor der Wahl 2024 hatte sich eine Oppositionsbewegung unter Edmundo González zusammengetan, ihre Kampagne weckte die Hoffnung großer Bevölkerungskreise auf Veränderung. Doch nach der umstrittenen Wiederwahl des Präsidenten Nicolás Maduro hat die venezolanische Regierung eine beispiellose Welle der Unterdrückung in Gang gesetzt. Jeglicher Protest wurde unterbunden. Auch die journalistische Berichterstattung geriet zunehmend ins Visier. Auf dem World Press Freedom Index, der Rangliste der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zur Pressefreiheit, rangiert Venezuela derzeit auf Platz 156 von 180 Ländern. Zwischen dem 28. Juli und dem 31. August 2024 dokumentierte „Espacio Público“, eine venezolanische NGO für Pressefreiheit, 215 Beschwerden über Verletzungen derselben, darunter mehrere Verhaftungen.

„Alles, was du sagst oder schreibst, kann dich ins Gefängnis bringen“

„Es ist fast unmöglich geworden, die Art von verifiziertem Journalismus zu betreiben, an die ich glaube“, so Rafael Osío Cabrices, Chefredakteur von „Caracas Chronicles“, einem Medienunternehmen, das auf Englisch über Venezuela berichtet. Die Schließung diverser Nachrichtenquellen – von Radio- und Fernsehsendern und sogar Online-Plattformen wie Signal und X – hat dazu beigetragen, ein Klima der Angst zu schaffen. „Es war noch nie so schwierig“, sagt Cabrices, selbst die Berichterstattung über den Alltag sei inzwischen riskant: „In Venezuela sind noch nie so viele Journalisten auf einmal inhaftiert worden – zumindest nicht seit 1958. Es ist unmöglich, die Konsequenzen deiner Arbeit abzusehen. Alles, was du sagst oder schreibst, kann dich ins Gefängnis bringen.“

Hier setzt die „Operación Retuit“ an: „Das Projekt ist eine Antwort auf den Versuch der Regierung, Falschinformationen und Angst zu verbreiten und die Menschen zum Schweigen zu bringen“, so Carlos Eduardo Huertas, Direktor der Nachrichtenplattform „Connectas“, einer der Trägerorganisationen der Initiative. Bereits vor der Wahl hatten sich mehrere venezolanische Medien zusammengeschlossen, um Ressourcen zu bündeln und eine korrekte Berichterstattung zu gewährleisten: Konkret die Mediennetzwerke „Venezuela Vota“ („Venezuelas Wahlen“) und „La Hora de Venezuela“ („Venezuelas Stunde“). Wenige Tage, nachdem die Wahlergebnisse bekannt gemacht wurden, entstand bei einem gemeinsamen Brainstorming die Idee für „Operación Retuit“. Mittlerweile sind rund zwanzig venezolanische Organisationen und hundert Medienschaffende im In- und Ausland an der Produktion der Kurzvideos beteiligt. „Der Mythos des einsamen Genies ist genau das – ein Mythos. Ein solcher Prozess ist immer das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen und der Beiträge vieler“, so Huertas.

Den Einsatz künstlicher Intelligenz bei dem Projekt beschreibt Huertas als »Hybridisierung«. Man verbinde neue Technologien mit klassischem Journalismus, um mit der „Zensur, mangelndem Zugang zu Informationen, Verfolgung und zunehmender Repression“ fertigzuwerden. Für ihn liegt die Stärke nicht im Tool an sich, sondern im Mut und in der Kraft einer Allianz, die den freien Informationsfluss aufrechterhalten will.

„Neue Technologien treffen klassischen Journalismus“

Jedes Video ist das Ergebnis eines intensiven redaktionellen Prozesses und enthält verifizierte Informationen der verschiedenen Partner. Die Texte der Sprecher sind umgangssprachlich formuliert – so wie ein „Chama“ oder eine „Pana“ sprechen würde –, um Nähe zum Publikum herzustellen. Das Ergebnis ist eine Reihe von Clips, die auf die tägliche Nachrichtenlage reagieren. Sie enthalten Erklärungen zu wichtigen Themen wie der Stimmenauszählung, der Flucht des Oppositionskandidaten Edmundo González oder Gesetzesvorschlägen. Mit durchschnittlich 30.000 Aufrufen pro Video hat sich die Initiative in den sozialen Medien gut entwickelt. Die kurzen Clips werden auf den Accounts verschiedener Medien wie „Tal Cual“, „El Pitazo“, „RunRunes“, „Caracas Chronicles“ und anderer beteiligter Nachrichtenorganisationen gepostet.

Wie Luis Carlos Díaz, ein venezolanischer Menschenrechtsaktivist und Experte für digitale Medien, erklärt, sind Avatare im Journalismus schon länger üblich: „Ob die Presse nun eingeschränkt ist oder nicht – der Einsatz von 'Avataren' zu Informationszwecken ist nichts Neues, sondern gehört zum Werkzeugkasten der Kommunikation. Der Vorteil besteht darin, dass kein realer Mensch wiedererkennbar ist, der Opfer von Repressalien werden könnte.“ Die Arbeit unabhängiger Medienschaffender sei gerade unter einer autoritären Regierung so wichtig, weil sie die Zivilgesellschaft stärke: Der Journalismus ist von entscheidender Bedeutung, um den Propagandaapparaten entgegenzuwirken, die versuchen, die Diktatur zu normalisieren. Die „Operación Retuit“ ist ein Beispiel dafür, wie das unter schwierigen Umständen gelingen kann – und dabei zusätzlich die Sicherheit der beteiligten Journalistinnen und Journalisten gewahrt bleibt.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte