Südafrika | Reblocking

Hausbau in zwei Tagen

Die NGO Ikhayalami versucht in Südafrika informelle Unterkünfte sicherer zu machen. Kann das funktionieren?
Ein Innenhof, der als Teil des Ikhayalami Projekts gebaut wurde, ist zu sehen

Eine Maßnahme, die die NGO Ikhayalami umgesetzt hat: Größere Innenhöfe zwischen den einzelnen Unterkünften. So können Kinder dort in Sicherheit spielen, statt auf der stark befahrenen Straße

„Ikhayalami“ bedeutet auf Xhosa „mein Zuhause“. Es ist auch der Name unserer Organisation, die seit 2006 gemeinsam mit sozialen Bewegungen und den Bewohnerinnen und Bewoh-nern von Slums in Kapstadt die Wohnbedingungen verbessern will. Damals wurde uns klar, dass der immense Bedarf an Unterkünften die Möglichkeiten des Staates, arme Haushalte mit Sozialwohnungen zu versorgen, bei Weitem übersteigt. 

Mit der üblichen bürokratischen Herangehensweise wurde die öffentliche Verwaltung den Bedürfnissen der großen Mehrheit der Hüttenbewohner, die in informellen Siedlungen leben, nicht gerecht. Seitdem hat sich die Lage sogar noch verschlechtert: Der von der Regierung versprochene Bau von Sozialwohnungen kommt nur schleppend voran. Jedes Jahr ziehen aber Zehntausende Menschen aus ländlichen Regionen nach Kapstadt. Zwangsräumungen, Überschwemmungen, durch die auch gefährliche Krankheiten übertragen werden, sowie sich schnell ausbreitende Brände gehören in diesen weitläufigen Slums zum Alltag. Insbesondere die Naturkatastrophen werden immer häufiger in Zeiten der Klimakrise. 

Geht man jedoch in die Siedlungen hinein, findet man dort viele Innovationen und geniale Ideen – und darin liegt der Schlüssel zum Erfolg. Im Laufe der Jahre haben wir mit vielen lokalen Gemeinschaften zusammengearbeitet und viel zugehört. Der Schlüsselbegriff unseres Ansatzes ist das sogenannte „Reblocking“. Die Idee stammt ursprünglich von den Philippinen. Es geht darum, die Grundrisse informeller Siedlungen so zu verändern, dass Wege für Rettungsfahrzeuge und Platz für grundlegende Infrastruktur geschaffen werden, etwa für die Versorgung mit fließendem Wasser und die Abwasserentsorgung.

Mit Materialien wie Metall und Holz können wir in nur ein bis zwei Tagen ein Haus errichten

Dieses Konzept haben wir an den südafrikanischen Kontext ​​angepasst. Dabei ersetzen wir baufällige Hütten durch deutlich verbesserte Unterkünfte. Mit Materialien wie Metall und Holz können wir in nur ein bis zwei Tagen ein Haus errichten. Angesichts der Größe südafrikanischer Slums, in denen Millionen von Menschen leben, ist Schnelligkeit entscheidend.  

Beispiele für unsere Arbeit finden sich in den Straßen der Townships Philippi und Khayelitsha – ausgedehnte Gebiete östlich und südöstlich von Kapstadt. In der Sheffield Road in Philippi zum Beispiel konzentrierten wir uns bei unserem ersten Reblocking-Projekt auf kleine Gruppen von sechs bis zwölf Wellblechhütten. Wir hielten Workshops mit den Bewohnerinnen und Bewohnern ab und verwendeten Kartons und Karten, um den Grundriss der Siedlung ihren Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Wir analysierten die vorhandene räumliche Aufteilung und untersuchten, warum die Menschen ihre Häuser so gebaut haben. 

Zum Beispiel stellten wir fest, dass sich drei Baracken um einen winzigen Innenhof gruppierten. Wir erweiterten das Konzept und schufen dort einen größeren Außenbe-reich. Dieser kleine Eingriff veränderte alles. So konnten die Menschen das Haus oder das Kind der Nachbarn im Auge behalten. Die aufgehängte Wäsche war nicht mehr für jedermann sichtbar, und die Menschen konnten sich im Freien aufhalten, ohne direkt an einer stark befahrenen Straße zu sitzen. Statt auf der Straße konnten die Kinder in den Innenhöfen spielen. 

Dank dieser minimalen Veränderung gibt es inzwischen weniger tödliche Unfälle. Eine weitere große Gefahr bestand in unseren Siedlungen darin, dass für den Bau der Baracken neben dünnem Zinkblech viele leicht entflammbare Materialien verwendet wurden, Holz, Pappe und Plastik etwa. So mussten die Bewohner stets mit der Angst schlafen gehen, nachts von Flammen geweckt zu werden. Brände konnten sich sehr schnell ausbreiten. 

Letztendlich umgeht man mit dem Reblocking viele formale Einschränkungen und bürokratische Hürden, die mit Bauvorschriften und Flächennutzungsplänen verbunden sind

Doch inzwischen werden unsere Häuser aus schwer entflammbarem und hochwasserfestem Material gebaut. Wir kommen mit einem Minimum an Holz aus – eine wichtige Neuerung, die mehr Sicherheit bringt. Nach ihrem Einzug berichteten einige Bewohner, dass sie zum ersten Mal seit ihrem Umzug in das Viertel nachts ruhig schlafen konnten. 

Letztendlich umgeht man mit dem Reblocking viele formale Einschränkungen und bürokratische Hürden, die mit Bauvorschriften und Flächennutzungsplänen verbunden sind. Da die Strukturen leicht wieder abgebaut werden können, gelten sie – genau wie eine Hütte – als temporär. Man muss sich also nicht an die strengen gesetzlichen Rahmenbedingungen halten. Mit unserem Ansatz überbrücken wir die Kluft zwischen dem formellen und dem informellen Bereich. Es geht darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Wir arbeiten oft mit städtischen Behörden zusammen und haben dabei Erfolge, aber auch Herausforderungen erlebt. 

Ziel der Reblocking-Methode ist es, den Menschen neue Unterkünfte anzubieten, die nicht mehr als zehn Meter von ihrem ursprünglichen Wohnort entfernt sind. Als Reaktion auf die weit verbreiteten Hüttenbrände verfolgt die Regierung inzwischen ein Konzept namens „Superblocking“. Die Idee ist, neue Blöcke zu errichten, um Slums mit Straßen, Strom und einer Kanalisation zu versorgen. Dabei sollen die Bewohner jedoch in viel kleinere Räume zwangsumgesiedelt werden – manche in Unterkünfte, die weit von ihren ursprünglichen entfernt liegen. 

Aufgrund von Widerständen wurde dieser Ansatz bislang nicht umgesetzt. Die Tatsache, dass der Top-down-Ansatz der Regierung so ähnlich klingt wie jener des Reblocking, hat die Menschen verwirrt und zu Misstrauen gegenüber unserer Arbeit geführt.  Mit Blick auf die hohe Bevölkerungsdichte in diesen Gebieten haben wir bei unserem „Empowershack-Projekt“ im Rahmen unseres Reblocking-Konzepts zweigeschossige Wohnhäuser entworfen und gebaut. 

Doch die Regierung wandelte die Siedlung versehentlich in eine formelle um, indem sie den Einzug von Blockwänden zwischen benachbarten Einheiten aus Brandschutzgründen förderte: Als sich die Aufsichtsbehörden einschalteten, wurde das Projekt als ein formelles eingestuft und musste alle entsprechenden Verfahren durchlaufen. Dies verzögerte den gesamten Bau, der erst vor Kurzem abgeschlossen wurde. 72 zweistöckige Wohnungen zu errichten, dauerte insgesamt zehn Jahre.

Die Siedlung wurde zu einem Modellprojekt in Südafrika und darüber hinaus

Anfangs sträubten sich die Menschen gegen die zweistöckigen Häuser, aber als sie sahen, wie gut alles funktionierte, erfreuten diese sich zunehmender Beliebtheit. Die Siedlung wurde zu einem Modellprojekt in Südafrika und darüber hinaus. Mit ihren leuchtend gelben Wänden, den öffentlichen Sitzgelegenheiten vor den Gebäuden und den Spielplätzen für die Kinder ist das Ganze ein Beispiel dafür, wie informelle Siedlungen umgestaltet werden können. Menschen, die früher in baufälligen Baracken lebten, haben jetzt Wohnungen mit sanitären Einrichtungen. Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, wie neue Wohnungen für Slumbewohner finanziert werden können. Für die Modernisierung von Unterkünften haben wir ein Darlehensprogramm entwickelt. Wir prüfen die Bonität der Menschen. Wenn sie die Voraussetzungen erfüllen, bauen wir ihnen ein neues Zuhause; die Bewohner müssen dann innerhalb von zwölf bis 18 Monaten für die Kosten aufkommen. 

Auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten haben wir vor Kurzem auch ein Mikrofinanzierungskonzept für Südafrikanerinnen und Südafrikaner mit mittlerem bis höherem Einkommen entwickelt, die nicht wissen, wie sie eine angemessene und sichere Unterkunft für ihre Mitarbeitenden, Haushaltshilfen etwa, finden sollen. Dieses Programm mit dem Namen Khaya Le Khaya spiegelt die komplexen und ungleichen Verhältnisse in Südafrika wider; mit ihm lässt sich aber auch die Finanzierungslücke für Menschen ohne Zugang zu Wohnraum schließen. 

Das ist insbesondere jetzt wichtig, da die staatlichen Mittel für die Bereitstellung von bezahlbaren Unterkünften beschnitten werden. Im Rahmen von Khaya Le Khaya (was so viel bedeutet wie „ein Zuhause ist ein Zuhause“) führen wir bei den einkommensschwachen Angestellten, denen ihre Arbeitgeber eine gute Unterkunft bieten wollen, Wohnungsaudits durch. Wir machen Fotos von der Hütte, in der sie leben, und erklären, wie sie verbessert werden kann. Anschließend schlagen wir den Arbeitgeber verschiedene Möglichkeiten vor, wie sie helfen können. 

Mal beinhaltet das die vollständige oder teilweise Übernahme der Kosten, mal die Übernahme einer Bürgschaft. Mit diesem Pro-jekt lässt sich innerhalb weniger Tage neuer Wohnraum für Menschen schaffen, die früher jahrelang auf bessere Wohnver-hältnisse warten mussten und teils die Hoffnung aufgaben. Zugleich leisten wir einen Beitrag dazu, die große und wachsende Kluft zwischen oben und unten in Südafrika wenigstens an einem Punkt etwas zu verringern. 

Protokolliert von Jess Smee

Aus dem Englischen von Claudia Kotte