Leben im Stau
Foto: Andrew Esiebo/Panos Pictures
Lang vor Sonnenaufgang, um 5:30 Uhr, macht sich Ayodeji Monsuru, Beamter und Vater von zwei Kindern, der am Stadtrand von Lagos lebt, auf den Weg. Bis er sein Büro in Maryland im Zentrum der Metropole erreicht, hat er, im Bus sitzend, bereits zwei Stunden im Stau verbracht, ist mehrmals umgestiegen – und hat einmal mehr die Kosten durchgerechnet: Näher am Arbeitsplatz zu wohnen, kommt leider nicht infrage. Die Miete würde den Großteil seines Gehalts verschlingen. „Also verlasse ich das Haus im Dunkeln und komme im Dunkeln nach Hause“, sagt er. „Nur so kann ich den Job behalten.“
Er teilt diesen Alltag mit vielen Menschen in Lagos, wo sich die Wohnungskrise immer weiter verschärft. In der ganzen Stadt sind die Mieten in die Höhe geschossen, sehr viel schneller als die Löhne. Das stellt die Menschen vor schwierige Entscheidungen. Für Wohnungen auf dem Festland, die vor zwei Jahren noch 500.000 Naira, umgerechnet etwa 312 Euro, kosteten, zahlt man heute oft das Fünffache. Auf den Inseln, die das Stadtzentrum bilden, haben sich die Mieten verdreifacht, und die Kluft zwischen dem Einkommen und dem, was die Menschen realistischerweise fürs Wohnen ausgeben können, hat sich noch weiter vergrößert.
„Man bezahlt einfach mit seiner Zeit“
In den gelben Danfo-Bussen, die täglich Millionen Fahrgäste transportieren, ist der Druck, unter dem so viele stehen, spürbar; die Pendler erzählen einander von all den Kompromissen, die sie machen müssen. Eine junge Krankenschwester ist in eine WG in einer beengten Vorstadtwohnung gezogen, weil sie sich das Leben allein nicht mehr leisten kann. Näher an ihrer Arbeitsstelle zu wohnen, würde ihre ohnehin geringen Ersparnisse völlig aufbrauchen. „Man bezahlt einfach mit seiner Zeit“, sagt sie. „Etwas anderes bleibt einem nicht übrig.“
Die Zahlen belegen, wie groß das Problem ist. Lagos, Nigerias ökonomisches Powerhouse, hat über zwanzig Millionen Einwohner und wächst mit rasender Geschwindigkeit. Dabei fehlen bereits jetzt 3,4 Millionen Wohnungen, und 75 Prozent der Menschen leben in informellen Siedlungen. Zunehmende Migration und steigende Baukosten verschärfen die Notlage, auch werden immer mehr Wohnungen für Kurzzeitvermietungen umgestaltet und verdrängen die Langzeitmieter.
Bis 2100 wird Lagos wohl eine der größten Städte der Welt sein – und die Wohnungsnot umso schlimmer.