Wie misst man Glück?
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Glück ist kein Gemütszustand, der durch einen einzigen Faktor hervorgerufen wird. In einem bestimmten Moment mag mal ein einzelner unsere Emotionen dominieren, weshalb wir ihn für den Hauptgrund halten – doch in Wahrheit müssen, damit das Gefühl von Glück entsteht, viele verschiedene Faktoren ineinandergreifen.
Bhutans Index des Bruttonationalglücks (Gross National Happiness, GNH) bietet deshalb einen differenzierten Ansatz, um das Wohlbefinden der Menschen zu messen. Er wird mit Hilfe regelmäßiger, umfassender Umfragen erstellt. An ihnen beteiligen sich elftausend zufällig ausgewählte Personen, die repräsentativ für das demografische Profil der Bevölkerung sind. Alle vier Jahre stellen ihnen etwa hundert Interviewer im ganzen Land 134 Fragen. Jedes Interview dauert etwa drei Stunden, die gesamte Umfrage sechs Monate. Für ein so kleines Land ist diese Erhebung ein bedeutendes Unterfangen. Sobald sie abgeschlossen ist, werden die Ergebnisse im Parlament diskutiert und online veröffentlicht, damit jedermann sie einsehen kann.
Der GNH umfasst verschiedene Bereiche: Zeitnutzung, Kultur, Erziehung, geistige und körperliche Gesundheit, Umweltschutz, Regierungsführung und die Verbindung zur Gemeinschaft.
„Im Durchschnitt können die Bhutanerinnen und Bhutaner auf etwa acht enge Personen bauen“
Soziale Bindungen sind die Grundlage des Glücks – vor allem die Qualität und Tiefe unserer Beziehungen zu Familie, Nachbarn und Kollegen. Bei der Analyse der Umfragedaten ist dies ein bestimmender Faktor, er übertrifft das Einkommen an Relevanz, das erst an achter oder neunter Stelle rangiert. Natürlich, ausreichende Einkünfte bleiben für einkommensschwache Gruppen zentral, da Armut in all ihren Formen enormen Stress verursacht. Sind jedoch die Grundbedürfnisse einmal gedeckt, reduziert sich die Bedeutung zusätzlichen Einkommens für das Glück – dieser abnehmende Effekt lässt sich weltweit beobachten.
Weit wichtiger sind andere Faktoren: Großzügigkeit, gegenseitige Unterstützung, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Hilfreiche Maßstäbe sind dabei die Qualität und Häufigkeit von persönlichen Begegnungen und die Anzahl der Menschen, auf die man sich in Zeiten von Krankheit, Verzweiflung oder in anderen Notlagen verlassen kann. Im Durchschnitt können die Bhutanerinnen und Bhutaner auf etwa acht enge Personen zur Unterstützung bauen. In einer Krise – etwa einem Todesfall in der Familie – erweitert sich dieses Netzwerk auf etwa zwanzig. Vertrauenswürdigkeit ist ebenso entscheidend, bei den Menschen in unserer Umgebung, aber auch in Regierungspositionen. Wir müssen darauf vertrauen können, dass wir uns in schwierigen Zeiten gegenseitig helfen.
„Das innere Wohlbefinden wird als Privatsache behandelt“
Darin, dass nach diesen Dingen gefragt wird, unterscheidet sich die GNH-Erhebung in Bhutan deutlich von den meisten vergleichbaren Indizes in anderen Ländern. Dort liegt der Schwerpunkt nach wie vor auf dem Pro-Kopf-Einkommen oder dem Bruttoinlandsprodukt. Regierungen befragen ihre Bürger überall nach ihren Prioritäten, aber fast nie heißt es da: Was macht Sie glücklich? Oder: Wie können Sie andere glücklich machen? Das innere Wohlbefinden wird als Privatsache behandelt – und was privat ist, gilt als weniger relevant für die Politik. Im Ergebnis priorisieren staatliche Institutionen weiterhin wirtschaftliche Produktion und kommerziellen Erfolg.
Demgegenüber geht es bei unserem Glücks-Index sowohl um objektive Daten als auch um das subjektive menschliche Erleben. Die Gefühle und Stimmungen der Menschen, ihre Lebenseinstellungen und Zukunftsaussichten, und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern.
Die GNH-Umfrage deckt viele interessante Trends auf, die sich auch auf kleinere politische Entscheidungen auswirken. So hat etwa die ständige Beschäftigung mit flackernden Social-Media-Screens die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen verkürzt. Seit 2010 geben immer weniger Bhutanerinnen und Bhutaner an, eine überdurchschnittliche Konzentrationsfähigkeit zu haben – eine notwendige Voraussetzung für Klarsicht und Gelassenheit. Denjenigen, die Meditation praktizieren, gelingt es am besten, diese Fähigkeit zu bewahren. Dieser deutliche Zusammenhang hat die Regierung veranlasst, Maßnahmen zur Förderung von Meditation zu ergreifen.
Auch Freizeit ist von zentraler Bedeutung für das Glück. Arbeitswege verschlingen Stunden, die man anders nutzen könnte, und übermäßig lange Arbeitszeiten stehen dem sozialen Leben im Weg. Wertvolle Freizeit – unabdingbar für unser Wohlbefinden – wird immer weniger. Landesweit geht die Anzahl der Tage, die für Feste, Musik oder Gemeinschaftsveranstaltungen genutzt werden, langsam zurück: 2015 haben die Bhutanerinnen und Bhutaner solchen Aktivitäten durchschnittlich 8,2 Tage gewidmet. 2022 waren es nur noch sechs. Jeder Mensch braucht Zeit zum Entschleunigen, um Freude zu empfinden und das kurze Leben, das uns gegeben ist, wertzuschätzen.
„Wen interessiert es wirklich, ob Menschen unter chronischem Schlafmangel leiden, und warum?“
Wie es in der Bevölkerung um die psychische Gesundheit steht, bleibt für politische Entscheidungsträger oft unsichtbar. Durch das GNH rücken wir sie in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Sich um sie zu kümmern, wird in Bhutan selbstverständlich als dringende Aufgabe gesehen.
Forschungsergebnisse aus anderen Ländern legen nahe, dass Menschen die Hälfte ihrer Zeit gedanklich durch die subjektive Zeit reisen, anstatt im Hier und Jetzt präsent zu sein. Gelassen die eigenen Gedanken zu beobachten und diese auch loslassen zu können – um sich aus endlosen Grübeleien zurückzuziehen –, ist entscheidend für das Glück. Diese Erkenntnis stammt aus der buddhistischen Lehre, die dies schon seit langem betont, doch wir müssen sie nun in säkularen Zusammenhängen umsetzen.
Weltweit wird bereits viel getan, um Leid zu verringern – sei es durch die Bekämpfung von Krankheiten und der Armut. Mit Blick auf die Zukunft könnten wir noch mehr erreichen, indem wir der Innerlichkeit als zentralem Aspekt des menschlichen Lebens mehr Aufmerksamkeit schenken. Wen interessiert es wirklich, ob Menschen unter chronischem Schlafmangel leiden, und warum? Solche Fragen sollten aber sowohl für Regierungen als auch den Einzelnen wichtig sein.
Es ist an der Zeit, das Glück als Faktor in die tägliche Politik einzubeziehen. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten eine mächtige Behörde wie ein „Pentagon des Glücks“ – statt eines Pentagons des Krieges. Wenn ein Mensch stirbt, wird er oder sie sich dabei daran erinnern, wie glücklich das Leben war, das man geführt hat. Niemand ist Buchhalter bis zum letzten Atemzug.
Aus dem Englischen von Friederike Biron