Wenn Schulen unter Schlamm begraben werden
Das Rohingya Flüchtlingscamp Cox's Bazar in Bangladesch, im Juni 2026
Foto: IMAGO / JNA Press
„Mama, mein Rücken tut so weh.“ Das waren die ersten Worte der 15-jährigen Rozia Bibi, nachdem Helfer sie unter einem Berg aus Schlamm und Trümmern hervorgezogen hatten. Verängstigt und unter starken Schmerzen warf sie sich ihrer Mutter Hazera Khatun in die Arme. Zuvor war ein Berghang auf die Madrasa gestürzt, eine islamische Religionsschule, in der sie gerade Unterricht gehabt hatte. In den Tagen darauf diagnostizierten die Ärzte bei Rozia eine schwere Wirbelsäulenverletzung. Sie hatte überlebt, doch ihre Genesung verlief langsam. Für ihre Mutter verband sich ein Gefühl der Erleichterung bald mit Trauer.
„Ich muss ständig an die Mütter denken, die ihre Kinder verloren haben“, sagt Hazera. „Meine Tochter hat überlebt, aber so viele andere kehren nie nach Hause zurück.“
Tagelanger Monsunregen hatte im Juli in Kutupalong, dem riesigen Flüchtlingslagerkomplex nahe der Hafenstadt Cox’s Bazar am Golf von Bengalen, Erdrutsche und Sturzfluten ausgelöst. Viele der Geflüchtetenunterkünfte dort sind aus Bambus und Planen auf steilen, entwaldeten Hängen errichtet. Zur Monsunzeit können sie zu tödlichen Fallen werden. Die Rohingya Coordination Platform, die zentrale Koordinierungsplattform der humanitären Hilfe für die Rohingya in Bangladesch, berichtet, dass die anhaltenden Regenfälle zwischen dem 4. und 9. Juli mindestens 95 Erdrutsche ausgelöst haben. Mehr als 26.000 Flüchtlinge waren davon betroffen, über 4.000 Menschen mussten vorübergehend umgesiedelt werden.
Die Rohingya, eine überwiegend muslimische ethnische Minderheit aus Myanmars Bundesstaat Rakhine, wurden durch ein Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 faktisch staatenlos. Im August 2017 zwang eine Militäroffensive mehr als 750.000 von ihnen zur Flucht nach Bangladesch. Die Vereinten Nationen und internationale NGOs werfen Myanmar Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Akte des Völkermords vor. Heute leben mehr als eine Million Rohingya in den überfüllten Camps in Cox’s Bazar.
„Sobald es regnet, bekomme ich Angst“
Wie so viele kam Rozia Bibi 2017 mit ihrer Familie, mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in eines der Lager von Kutupalong. „Als ich am Morgen des Unglücks Menschen schreien hörte, dass ein Hügel abgerutscht sei, wusste ich überhaupt nicht mehr, wohin“, erinnert sich Hazera. „Ich bin direkt zur Madrasa gerannt und habe nach meiner Tochter gesucht.“ Was sie dort vorfand, war ein Bild des Chaos. Kinder waren unter Schlamm und Trümmern eingeschlossen. Eltern schrien ihre Namen, während Nachbarn und freiwillige Helfer verzweifelt mit bloßen Händen gruben. Obwohl Rozia inzwischen wieder in die Madrasa geht, ist das Trauma nicht verschwunden. „Sobald es regnet, bekomme ich Angst“, sagt sie. „Ich denke ständig daran, dass der Hügel wieder abrutschen könnte.“
Nach dem Unglück suchte nur wenige Meter entfernt eine andere Familie verzweifelt nach ihrer 13-jährigen Tochter Unaisha Bibi. Wenig später war klar: Rozia hatte das Unglück überlebt, Unaisha nicht.
Mohammad Elias, Unaishas Vater, ist vor acht Jahren mit seiner Familie aus der Stadt Maungdaw im Westen Myanmars geflohen. Er hatte gehofft, dass sie in Bangladesch sicher sein würden. Diese Hoffnung zerbrach an diesem Tag im Juli innerhalb weniger Minuten. „Die Leute schrien, dass der Hügel neben der Madrasa abgerutscht sei“, erinnert er sich. „Ich habe sofort meine Frau zuhause abgeholt. Wir haben überall gesucht, konnten Unaisha aber nicht finden.“
Für Sura ist die Trauer zu einem Teil ihres Alltags geworden
Im Friendship Hospital, einem von einer bangladeschischen NGO betriebenen Krankenhaus nahe den Rohingya-Camps, bekamen sie schließlich die Nachricht, die sie gefürchtet hatten: Ihre älteste Tochter Unaisha war tot. „Es war mein Traum, all meinen Kindern eine richtige Ausbildung zu ermöglichen und ihnen zu helfen, gute Menschen zu werden“, sagt Elias. „Jetzt fühle ich mich nicht einmal mehr sicher, sie zur Schule oder in die Madrasa zu schicken. Alles, was wir wollten, war ein Ort, an dem wir sicher leben können. Nun leben wir in ständiger Angst.“ Für Elias’ Frau Sura Khatun ist die Trauer zu einem Teil ihres Alltags geworden: „Ich gehe oft zu Unaishas Grab und sitze mit Tränen in den Augen davor. Meine Kinder sind meine ganze Welt.“ Sie hält inne, bevor sie hinzufügt: „Ich denke immer wieder darüber nach, wie viel Schmerz meine Tochter vor ihrem Tod ertragen haben muss. Jetzt fühle ich diesen Schmerz jeden einzelnen Tag.“
Für den Leiter der Rohingya-Gemeinde Shahid Ullah waren die Erdrutsche im Juli nur das jüngste Kapitel einer Krise, die mit jedem Monsun wiederkehrt. Seit mehreren Jahren beobachtet er, wie die Situation in den Camps immer prekärer wird: Stärkere Niederschläge, Überbevölkerung und fragile Infrastruktur – aus dieser Kombination erwachsen immer neue Gefahren. „Früher hatten wir auch Starkregen. Doch heute ist er viel heftiger und fällt innerhalb kürzerer Zeit. Erdrutsche treten häufiger auf, jedes Jahr werden die Schäden größer.“ Doch den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als hier auszuharren. „Es gibt schlicht keinen Platz mehr“, sagt Shahid.
„Heute sind die Hänge wesentlich anfälliger für Erdrutsche.“
Für viele der betroffenen Bewohner reichen die Folgen weit über die unmittelbare Katastrophe hinaus. Überflutete Wege unterbrechen den Zugang zu Schulen und Gesundheitszentren, verunreinigtes Wasser erhöht das Krankheitsrisiko und beschädigte Unterkünfte lassen Familien buchstäblich im Regen stehen. Shahid fordert stabilere Unterkünfte, sicherere Entwässerungssysteme, sauberes Wasser, eine bessere Gesundheitsversorgung und kontinuierliche Investitionen in die Katastrophenvorsorge. „Aber vor allem“, fügt er hinzu, „besteht die einzig wirkliche Lösung darin, dass die Rohingya sicher nach Myanmar zurückkehren können und dort ihre Menschenrechte garantiert werden.“
Professor Mohammad Sofi Ullah vom Fachbereich Geografie und Umwelt der University of Dhaka erklärt: „Die Orte, an denen die Rohingya heute leben, waren früher von Wäldern bedeckt.“ Doch als 2017 Hunderttausende Rohingya in die Region kamen, wurden riesige Flächen für provisorische Unterkünfte gerodet. „Bäume und Vegetation gaben dem Boden Stabilität“, sagt er. „Heute sind die Hänge wesentlich anfälliger für Erdrutsche.“ Allein die Abholzung erklärt die wachsende Gefahr allerdings nicht. Der Klimawandel verändere die Niederschlagsmuster in Bangladesch. „Der Boden kann das viele Wasser nicht so schnell aufnehmen. Wenn sich der Untergrund mit Wasser vollsaugt, kollabieren die Hänge.“
„Jeder Monsun wird für die Rohingya-Flüchtlinge tödlicher“
Während klimabedingte Katastrophen häufiger werden, gerät die humanitäre Hilfe zunehmend unter Druck. Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) beschädigten starke Regenfälle, Sturzfluten und Erdrutsche im Juli 5.663 Unterkünfte in den Flüchtlingslagern. Hunderte Gemeinschaftseinrichtungen – darunter Lernzentren, Wasser- und Sanitäranlagen, Straßen und Brücken – waren ebenfalls betroffen. Während der Bedarf an Hilfe also wächst, gehen die humanitären Finanzmittel weiter zurück. Laut dem Joint Response Plan 2026 (JRP), einem von der Regierung in Dhaka koordinierten Hilfsplan für die Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch, werden Hilfsorganisationen insgesamt über 700 Millionen US-Dollar brauchen, um die Geflüchteten und besonders schutzbedürftige Menschen in den aufnehmenden Gemeinden mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch nun müssen entsprechende Programme gekürzt oder ganz eingestellt werden. „Jeder Monsun wird für die Rohingya-Flüchtlinge tödlicher“, erklärte vor Kurzem Meenakshi Ganguly, die stellvertretende Asien-Direktorin bei Human Rights Watch. „Das sind nicht einfach Naturkatastrophen, sondern vorhersehbare Folgen einer Politik, mit der das Leben von Flüchtlingen aufs Spiel gesetzt wird.“
Mohammed Mizanur Rahman, der für die Flüchtlingshilfe und Rückführung der Rohingya zuständige Regierungsbeauftragte in Cox’s Bazar, klagt ebenfalls über mangelnde Hilfe. Die Camps lägen in einer Region, in der ursprünglich rund dreißig Quadratkilometer Land für Flüchtlingssiedlungen ausgewiesen worden seien. Das ist mittlerweile fast neun Jahre her. „Die internationale Finanzierung ist in dieser Zeit allmählich zurückgegangen“, sagt Rahman. „Regelmäßige Arbeiten zur Stabilisierung der Hänge und zur Instandhaltung von Brunnen, Latrinen, Wasserversorgungsnetzen, Entwässerungssystemen und Unterkünften in den hügeligen Camps werden nicht mehr in dem erforderlichen Umfang durchgeführt.“ Doch die Zahl der Geflüchteten nimmt laut dem Regierungsbeauftragten weiter zu. „Nach wie vor kommen neue Menschen an, Kinder werden geboren, Familien wachsen und Haushalte teilen sich in getrennte Einheiten auf.“ Dadurch entstünde ein ständiger Bedarf an neuen Unterkünften. „Wir siedeln Menschen regelmäßig aus Gebieten um, die als sehr stark gefährdet eingestuft wurden, und bringen sie an vergleichsweise sicherere Orte“, sagt Rahman. „Aber die Realität ist, dass wir nicht genug Land haben. Wir können das Risiko nur verringern.“
Das gilt auch für die Familien von Mohammad Elias und Hazera Khatun. Sie sind der Gewalt in Myanmar entkommen und sehen sich nun einer neuen Bedrohung gegenüber: den Folgen des Klimawandels und mangelnder internationaler Solidarität und Hilfe.