„Queere Inhalte werden unsichtbar gemacht“
Es gibt eine lebendige queere Community in China: nun wird sie systematisch unsichtbar gemacht.
Foto: Xianjie Peng
Herr Wen, wissenschaftlichen Schätzungen zufolge leben heute mehr als 70 Millionen LGBTQI+-Menschen in China. Das sind mehr Menschen, als in Frankreich leben. Ist diese Schätzung realistisch?
Genau darin liegt bereits ein Teil des Problems. Obwohl es zweifellos Millionen queere Menschen in China gibt, liegen keine offiziellen Zahlen vor. Die LGBTQI+-Community und ihre Inhalte sollen unsichtbar gemacht werden. Ein aktuelles Beispiel sind queere Dating-Plattformen. Die Apps Blued und Finka wurden aus den App-Stores entfernt. Und das sind nicht die einzigen Maßnahmen, mit denen die Behörden diese Plattformen unter Druck setzen.
„Liberale Vorstellungen von Individualität, sexueller Freiheit oder Menschenrechten werden oft als westliche Ideen dargestellt“
Wie wirken sich die Maßnahmen konkret aus?
Man kann sich auf Datingapps beispielsweise nicht mehr so offen als schwul oder queer identifizieren wie früher, man verwendet daher oft Cartoonbilder und falsche Namen. Dadurch wird die Community Schritt für Schritt entsexualisiert und unsichtbar gemacht – Degayification nennen wir das. Es geht nicht unbedingt darum, die Plattformen komplett zu verbieten, sondern darum, ihre Funktion als Raum queerer Selbstorganisation zu schwächen.
Schon 2015 wurden in China Darstellungen von Homosexualität im Fernsehen stark eingeschränkt und dann verboten…
Ja. Seitdem mussten zahlreiche LGBTQI+-Organisationen nach Druck der Regierung ihre Arbeit einstellen, und es verschwanden Pride-Events, queere Accounts und Initiativen aus sozialen Medien. 2023 musste schließlich das Beijing LGBT Center schließen. Das war eine der wichtigsten queeren Organisationen im Land, sie bot psychologische Beratung sowie Unterstützung für queere Menschen an. Wenn man diese Ereignisse zusammennimmt, erkennt man einen klaren Trend.
Warum ist die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren deutlich restriktiver geworden? Schließlich gab es auch Phasen, in denen sich die Situation verbessert hat, etwa durch die Entkriminalisierung von Homosexualität im Jahr 1997 und die Entfernung von Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten im Jahr 2001.
Ich habe den Eindruck, dass die Regierung versucht, traditionelle, vom Konfuzianismus geprägte Familienstrukturen wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Das betrifft nicht nur LGBTQI+-Menschen, sondern auch feministische Bewegungen oder junge Menschen, die sich bewusst gegen Ehe und Familiengründung entscheiden. Dahinter steht die Vorstellung, gesellschaftliche Stabilität zu schaffen. Menschen sollen sich primär über familiäre Rollen definieren: sich zuerst als Sohn oder Tochter begreifen, dann als Mutter oder Vater und erst dann als Individuum. Wenn diese Rollen zur zentralen Identität werden, bleibt weniger Raum für andere Formen der Selbstdefinition.
Der Konfuzianismus ist eine sehr alte philosophische Tradition. Warum wird gerade jetzt so stark darauf zurückgegriffen?
Eine mögliche Erklärung ist, dass China heute stärker auf Eigenständigkeit und Selbstbehauptung setzt. Die Regierung spricht häufig davon, „unabhängiger von westlichen Einflüssen zu werden“ – wirtschaftlich, technologisch, aber auch ideologisch. Gerade liberale Vorstellungen von Individualität, sexueller Freiheit oder Menschenrechten werden oft als westliche Ideen dargestellt.
Aber haben nicht insbesondere auch westliche Einflüsse, Kolonialismus und später kommunistische Vorstellungen zur Queerfeindlichkeit in China beigetragen? Wenn man beispielsweise an die kommunistische Bewegung denkt, wurden homosexuelle Menschen darin oft als “bourgeois" oder „dekadent“ betrachtet. Ist es nicht schlichtweg falsch, wenn heute behauptet wird, Queerness sei etwas Fremdes oder Nicht-Chinesisches?
Ja, das ist ein wichtiger Punkt. In China gibt es eigentlich eine lange Geschichte der Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte vom „abgeschnittenen Ärmel“. Sie erzählt von einem Kaiser und dessen männlichem Geliebten. Als dieser auf seinem Ärmel eingeschlafen war, schnitt der Kaiser den Stoff lieber ab, statt ihn zu wecken. Bis heute ist diese Geschichte sehr bekannt. Der „abgeschnittene Ärmel“ wurde zu einer traditionellen Metapher für die Liebe zwischen Männern. Deshalb kann man nicht behaupten, Homosexualität sei etwas Fremdes oder nur von außen Importiertes. Es gibt dafür zahlreiche historische Beispiele.Die kommunistische Vorstellung war noch in einer anderen Hinsicht einflussreich: Sexualität wurde darin vor allem als Mittel zur Reproduktion betrachtet. Alles darüber hinaus wurde als dekadent geframt. Dieses Denken sehen wir bis heute: Zum Beispiel ist es in China bis heute illegal, einen Dreier zu haben, wussten Sie das?
Nein. Aber wird das auch tatsächlich bestraft?
Leider ja. Vor einigen Jahren gab es beispielsweise Gerichtsverfahren gegen Personen, die private Swinger- oder BDSM-Veranstaltungen organisiert hatten. Obwohl es sich um einvernehmliche Aktivitäten unter Erwachsenen handelte, wurden einige Beteiligte zu Haftstrafen verurteilt. Das zeigt, dass staatliche Kontrolle nicht nur LGBTQI+-Menschen betrifft. Jede sexuelle oder individuelle Freiheit wird skeptisch betrachtet.
Vor einigen Jahren war die Serie The Untamed in und auch außerhalb Chinas ein riesiger Hit. Sie basiert auf einem Web-Novel, in dem die romantische Beziehung zwischen zwei Männern explizit dargestellt wird. Für die Fernsehversion wurde diese Beziehung jedoch in eine Freundschaft umgewandelt. Wie haben die Menschen in China darauf reagiert? Schließlich kennen viele Fans die literarische Vorlage aus dem Netz.
Das ist ein sehr interessantes Beispiel. Tatsächlich gibt es in der klassischen chinesischen Literatur schon lange bestimmte Archetypen, mit denen eine besondere emotionale Nähe zwischen Männern dargestellt wird. Ein Beispiel ist die Figur des Gelehrten – ein sensibler, kultivierter, oft etwas fragiler junger Mann. Es gibt auch ein eigenes literarisches Genre namens „Danmeii„ oder „Boys’ Love„. Dieses Genre war über Jahre hinweg außerordentlich populär. Allerdings wird es zunehmend reguliert. Viele Autorinnen und Autoren wurden gezwungen, sexuelle Inhalte zu entfernen oder ihre Geschichten zu entschärfen. In der Folge entstand eine Tendenz zu reinen „Chún ài “-Inhalten, was man als „reine Liebe“ übersetzen kann. Die emotionalen Beziehungen bleiben bestehen, aber ihre sexuelle Dimension wird abgeschwächt oder verschwindet ganz. Nach dieser Logik wurde auch das extrem beliebte The Untamed adaptiert: Die romantische Beziehung bleibt erkennbar, wird aber so dargestellt, dass sie offiziell als Freundschaft gelesen werden kann.
Wie sieht es mit der Zensur auf Social Media aus?
Früher konnte man dort staatliche Kontrolle häufig umgehen, indem man alternative Begriffe oder sprachliche Codes verwendete. Ein Beispiel stammt aus der lesbischen Community, die ihre Beiträge mit Hashtags wie „Babyfood” kennzeichnete. Die Überlegung war, dass heterosexuelle Männer wahrscheinlich nicht nach Babynahrung suchen würden. Wenn man also solche Begriffe verwendete, würden die Beiträge eher Frauen erreichen. Das funktionierte eine Zeit lang recht gut. Später entdeckten aber homophobe Gruppen diese Strategie und verwendeten dieselben Hashtags für Hate Speech.
Was gibt es noch für Geheimcodes?
Ein anderes Beispiel ist „Roommate“. Das bedeutet zwar einfach Mitbewohner oder Mitbewohnerin, innerhalb der Community kann damit aber auch ein romantischer Partner gemeint sein. Für trans Personen gibt es wiederum Kürzel wie „TS“. Queere Frauen benutzten lange als Erkennung die Abkürzung LES, als dies entdeckt wurde, gingen sie zu „LE“ über. Deshalb entstehen ständig neue Wörter, Spielarten von chinesischen Schriftzeichen und unserer Lautschrift, oft werden Wörter oder Silben benutzt, die Doppeldeutigkeiten oder phonetische Ähnlichkeiten haben. Das neue Problem ist, dass die Algorithmen, die das Ausspielen queerer Beiträge bestimmen, eine Black Box sind. Heute sehen wir immer mehr Fälle von sogenanntem Shadow Banning.
Worum handelt es sich dabei?
Dabei wird ein Beitrag nicht gelöscht. Die Person, die ihn veröffentlicht hat, kann ihn weiterhin sehen. Aber niemand weiß, wie viele Menschen der Beitrag tatsächlich erreicht. Manchmal bleibt ein Beitrag online und wirkt völlig normal. Erst nach einigen Tagen merkt man, dass er nur wenige Dutzend Aufrufe erhalten hat. Dann vermuten viele Nutzerinnen und Nutzer, dass der Beitrag algorithmisch durch Shadow Banning unsichtbar gemacht wurde. Die Strategie besteht heute weniger darin, queere Inhalte direkt zu löschen. Stattdessen wird ihre Sichtbarkeit reduziert.
Wie umgehen queere User diese Bans?
Manche Influencer haben festgestellt, dass bestimmte visuelle Elemente dazu beitragen können, dass Inhalte häufiger bei queeren Nutzerinnen und Nutzern landen. Ein Beispiel sind weiße Socken, die Männer für wenige Sekunden in Videos auftauchen lassen. Dadurch signalisiert man sich gegenseitig, dass man zur queeren Community gehört.
Wie rechtfertigt die Zensurbehörden die Einschränkung durch Algorithmen?
Ein Beispiel ist der Schutz Minderjähriger. Das ist natürlich grundsätzlich ein legitimes Ziel. Gleichzeitig können solche Regelungen sehr weit ausgelegt werden. Wenn Behörden argumentieren, dass bestimmte Inhalte Jugendliche negativ beeinflussen könnten, entsteht ein sehr großer Interpretationsspielraum. LGBTQI+-Inhalte geraten deshalb oft unter Druck, selbst wenn sie vollkommen harmlos sind.
Gibt es queere Persönlichkeiten, die es dennoch schaffen, sichtbar zu bleiben?
Wenn man sich bekannte queere Influencer anschaut, fällt auf, dass sie oft über Humor, oder ihren persönlichen Stil bekannt werden. Sie sprechen selten offen über politische Forderungen oder LGBTQI+-Rechte wie Ehe für alle oder politische Reformen. Stattdessen präsentieren sie sich oft als Comedians. Es gibt zum Beispiel eine bekannte lesbische Influencerin, die häufig humorvoll mit Geschlechterrollen spielt und über ihren Alltag spricht. Solche Personen können eine gewisse Sichtbarkeit erreichen, weil sie nicht als politische Akteure wahrgenommen werden.
Das heißt, erfolgreiche queere Influencer dürfen sichtbar sein, solange sie nicht politisch werden?
Genau. Und solange sie ihre privaten Beziehungen nicht zur Schau stellen. Man sieht sehr selten, dass offen queere Influencer ihre Partner zeigen oder gar Händchen halten.
„Auch unter schwierigen Bedingungen bewahrt die queere Community ihre Codes und einen starken Sinn für Humor”
Rechnet die Community damit, dass die staatlichen Einschränkungen in Zukunft noch weiter zunehmen werden?
Das ist schwer zu beantworten. Trotz der Einschränkungen gibt es auch einige positive Signale. Vor kurzem hat ein Studierender eine Petition eingereicht, in der er rechtliche Maßnahmen gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität forderte. Daraufhin reagierte der Oberste Volksgerichtshof Chinas mit einer Stellungnahme: Darin erklärte er, dass eine solche Diskriminierung rechtliche Aufmerksamkeit verdiene und dass Gerichte entsprechende Fälle ernst nehmen sollten. Außerdem wurde betont, dass diskriminierende Handlungen als Verletzung der persönlichen Würde und der Persönlichkeitsrechte betrachtet werden können.
Das klingt überraschend wohlwollend.
Ja, viele Menschen waren überrascht. Auch ich. Gleichzeitig muss man vorsichtig sein. Es handelt sich nicht um eine neue Gesetzgebung oder ein Urteil. Die Antwort erfolgte auf eine konkrete Petition und hat eher symbolischen Charakter. Trotzdem zeigt sie, dass die Situation nicht völlig eindeutig ist.
Wie sieht es mit der Einschränkung des queeren Nachtlebens aus?
Es gibt nach wie vor viele Clubs, die bislang relativ geschützt sind, solange sie bestimmte politische Grenzen nicht überschreiten und sie sich klar dem Bereich „Entertainment“ zuordnen, ähnlich wie bei den Influencern. Außerdem ist die Community sehr kreativ. Ich gucke mir gerade die aktuellen Veranstaltungsplakate des Clubs Destination in Peking an: Eine Veranstaltung mit Dragqueens heißt sinngemäß „Die Abenteuer von Tintin“, also auf Deutsch Tim und Struppi. Im Chinesischen sehen die verwendeten Schriftzeichen für Tin- Tin, 丁丁, wie zwei Phalli aus! Wir sehen also: Auch unter schwierigen Bedingungen bewahrt die queere Community ihre Codes und einen starken Sinn für Humor. Sie ist witzig und tapfer.
Vielen Dank für das Gespräch.