Aus dem Exil | Belarus

„In Belarus ist jedes offene Gespräch politisch“

Die Kuratorin Anna Chistoserdova kämpft aus dem Berliner Exil für ein freies Belarus

Das Gespräch führte Jess Smee

Frau Chistoserdova, sie leben im Exil in Berlin. Wann war Ihnen klar, dass Sie nicht in ihre Heimat Belarus zurückkehren können?

Mitte Juli des Jahres 2021 kamen ich und meine Kollegin Valentina Kisilowa für ein Residenz-Programm nach Berlin. Wir hatten zuvor in Minsk eine unabhängige Galerie geführt, die aus politischen Gründen geschlossen wurde. Unser Anwalt riet uns schon nach einer Woche dringend davon ab, zurückzukehren. Wir hatten nicht geplant, ins Exil zu gehen. Plötzlich mussten wir unsere Arbeit aus dem Ausland weiterführen.

Im Februar 2022 begann Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine...

Für uns war das ein doppelter Schock. Erst wurde der zivile Protest nach der manipulierten Präsidentschaftswahl im August 2020 mit Panzern und Soldaten niedergeschlagen. Und plötzlich marschierten russische Truppen über belarusisches Staatsgebiet in die Ukraine ein. Wir wurden über Nacht zu Bürgerinnen eines Landes, das einen illegalen Angriffskrieg unterstützt – natürlich ohne jemals gefragt worden zu sein.

Wie hat der Krieg Ihre Arbeit verändert?

Nach Kriegsbeginn konzentrierten wir uns darauf, ukrainische Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen und gleichzeitig die unabhängige belarusische Kulturszene zu fördern. Wir gründeten die Online-Plattform AntiWarCoalition.art, um darüber nachzudenken, weshalb Imperialismus bis heute fortbesteht und ob die Kunst ihm etwas entgegensetzen kann. Das Projekt wurde bald auch zu einem physischen Debattenraum, etwa auf der documenta fifteen oder der Biennale von Venedig.

„Schon ein falsches „Gefällt mir“ in den sozialen Medien kann ausreichen, um verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden“

Von außen wird Belarus häufig einfach als Verbündeter Russlands wahrgenommen. Entspricht das auch der Sicht der Menschen im Land?

Ich glaube nicht. Aber die Menschen haben Angst. Schon ein falsches „Gefällt mir“ in den sozialen Medien kann ausreichen, um verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Die Repression und die empfundene moralische Schuld aufgrund des Krieges belasten viele Belarusinnen und Belarusen doppelt. Genau deshalb wurde die Solidarität mit der Ukraine für uns so wichtig.

Vor Ihrem Exil haben Sie fast zwei Jahrzehnte lang unabhängige Kunsträume in Minsk aufgebaut. Wie hat alles begonnen?

2004 eröffneten Valentina und ich ein kleines Geschäft, in dem wir Designobjekte belarusischer Künstlerinnen und Künstler verkauften. Doch bald begannen viele Kreative den Ort als Treffpunkt zu nutzen, denn schon damals gab es kaum noch unabhängige Kulturorte. Der Raum wurde unter dem Namen Podzemka („Untergrund“) bekannt. Er befand sich tatsächlich in einem Souterrain mitten im Zentrum von Minsk, ausgerechnet direkt neben der Polizeiakademie. Er wurde zu einem Treffpunkt der unabhängigen Kulturszene. Als wir diesen Ort 2009 verloren, eröffneten wir die Galerie für zeitgenössische Kunst: Ў. Der Buchstabe existiert ausschließlich im belarusischen Alphabet. Für uns ist er ein Symbol für unsere Sprache und Identität. Auch deshalb beschlossen wir, Belarusisch zur Hauptsprache der Galerie zu machen.

Warum war ihnen das so wichtig?

Unter Lukaschenko war schon die Entscheidung, Belarusisch und nicht Russisch zu sprechen, ein politisches Statement. Die Sprache wird automatisch mit der Opposition in Verbindung gebracht.

Waren Ihre Ausstellungen politisch?

Offen politisch nicht, weil wir wussten, dass wir dann sofort geschlossen worden wären. Doch in Belarus ist jedes offene Gespräch zwangsläufig politisch. Wir luden Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen, Soziologen, Philosophen und Aktivistinnen ein, um gemeinsam zu diskutieren. Außerdem organisierten wir Bildungsprogramme für Kuratorinnen, Kritiker und Künstlerinnen. Viele Menschen bauten über die Galerie internationale Netzwerke auf.

Wann ging den Behörden Ihre Arbeit zu weit?

Es gab nicht diesen einen Moment. Uns war bewusst, dass die Behörden unsere Arbeit genau beobachteten. Regierungsvertreter erschienen bei Gesprächen und Veranstaltungen oder luden uns zu „freundlichen Gesprächen“ ein. Dort hörten wir immer wieder denselben Satz: „Eine Galerie solle schöne Dinge zeigen. Weniger Kritik. Weniger Diskussion.“ Der Druck nahm fortlaufend zu. Ironischerweise hatte eine unserer politischsten Aktionen nichts mit Kunst zu tun.

„Über Nacht verwandelte sich ein Kunstraum in einen Ort der Fürsorge“

Womit dann?

Mit der COVID-Pandemie. Die belarussische Regierung leugnete die Pandemie weitgehend. Doch als wir gerade in einen neuen, rund 1.000 Quadratmeter großen Galerieraum umgezogen waren, mussten plötzlich sämtliche Ausstellungen abgesagt werden. Anstatt das Gebäude leer stehen zu lassen, stellten wir es einer Freiwilligeninitiative zur Verfügung, die Krankenhäuser unterstützte. Die Galerie wurde zu einem Verteilzentrum für medizinische Hilfsgüter, Schutzausrüstung und Spenden. Über Nacht verwandelte sich ein Kunstraum in einen Ort der Fürsorge. Für mich war das ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie eng Kultur mit der Gesellschaft verbunden ist.

Wie setzen Sie Ihre Arbeit heute ohne Galerie fort?

Wir schaffen heute andere Formen von Begegnungsorten, knüpfen Netzwerke und stoßen Gespräche an. Eines der wichtigsten Projekte war unsere Ausstellung im Jahr 2024 in Charkiw, nur 35 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Gemeinsam mit ukrainischen Kolleginnen und Kollegen brachten wir Künstlerinnen und Künstler aus elf Ländern zusammen. Parallel dazu organisierten wir das Programm „Bridges of Solidarity“, mit mehr als dreißig öffentlichen Veranstaltungen in fünfzehn europäischen Ländern. Sie alle wurden live an das Publikum in Charkiw übertragen. Besonders bewegend war eine Zusammenarbeit mit dem ZKM Karlsruhe.

Worum ging es da?

Während eines sogenannten „Festival of Lights“ projizierten wir Kunstwerke gemeinsam mit von Kindern produzierten Darstellungen der Kunstschule AziNiziMaza aus Charkiw, die ihren Unterricht aufgrund der Bombardierungen in die U-Bahn verlegen musste. Und gemeinsam mit der belarussischen Diaspora-Organisation RAZAM entwickelten wir das Residency-Programm PerspAKTIV, das mehr als siebzig belarusischen Kulturschaffenden ermöglichte, ein bis drei Monate in Deutschland oder Polen zu arbeiten. Diese Aufenthalte führten auch zu langfristigen Kooperationen, Ausstellungen und Freundschaften.

„Die Menschen schaffen weiterhin Kunst. Sie müssen nur andere Wege finden“

Woran arbeiten Sie derzeit?

Unser derzeit größtes Projekt heißt „Open Muzej“. Belarus hat bis heute kein Museum für zeitgenössische Kunst. Noch vor den Protesten von 2020 hatten wir bereits ein Gebäude angemietet, in dem wir ein solches Museum gründen wollten. Das Exil zwang uns jedoch dazu, diese Idee völlig neu zu denken. Für mich ist ein Museum nicht nur ein Ort, an dem Kunstwerke ausgestellt werden. Es ist ein Ort, an dem Erinnerung bewahrt wird. Deshalb bauen wir jetzt ein nomadisches Museum auf – mithilfe von Archiven, Podcasts, Forschungsprojekten und Publikationen. Außerdem arbeiten wir an einem Buch über die belarussische Gegenwartskunst zwischen 2015 und 2025 – ein Jahrzehnt außergewöhnlicher kultureller Blüte, auf das Jahre der Repression und des Exils folgten.

Gibt es heute noch eine unabhängige Kulturszene in Belarus?

Schon, aber sie ist wieder unsichtbar geworden. Ich höre von Ausstellungen, die in Wäldern, Privatwohnungen oder an anderen versteckten Orten stattfinden. Das erinnert mich an das inoffizielle Kunstleben während der Sowjetzeit. Die Menschen schaffen weiterhin Kunst. Sie finden nur andere Wege.

Was bedeutet Exil heute für Sie?

Seit Belarus vor einigen Jahren aufgehört hat, Pässe über seine Auslandsvertretungen zu verlängern, müssen Belarussinnen und Belarussen in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie im Exil ein neues Dokument benötigen. Damit setzen sie sich der Gefahr einer Verhaftung aus. Deutschland stellt zwar Reiseunterlagen aus, doch der Verlust des regulären Passes erschwert internationales Reisen erheblich. Es ist eine weitere Möglichkeit für das Regime, unser Leben zu kontrollieren – selbst dann noch, wenn wir das Land längst verlassen haben.