Jail Time Records | Kamerun

Der Sound von New Bell

In Kameruns berüchtigtstem Gefängnis wird nicht nur ums Essen gekämpft – sondern auch gerappt. Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Jail Time Records“ zeigt, wie Häftlinge ihren Alltag in Musik verwandeln

Der „Guide“ gibt eine Führung durch das Gefängnis

„Ein Höllenknast“ – so nennt Steve Happi, Musikproduzent und ehemaliger Häftling, das New Bell Central Prison in Douala, Kamerun. Gebaut für 800 Menschen, sitzen dort heute fast 6.000 ein. Damit zählt es zu den überfülltesten Gefängnissen Afrikas. Und ein neuer Dokumentarfilm über den Knast führt uns in eine Parallelwelt: einen Ort mit eigenen Regeln, einem Marktplatz, Häftlingen, die als „Sicherheitsleute“ arbeiten, und sogar einem „Taxidienst“ – Boten, die Nachrichten durchs labyrinthische Gefängnis tragen. Viele Insassen schlafen auf dem Betonhof, unter den Sternen – oder im Regen. In New Bell wird täglich gekämpft, geraubt, gedealt. Und ums Essen gerungen. „Essen bedeutet Krieg“, sagt einer der Gefangenen mitten im Gedränge um eine Portion Reis.

Es ist eine Szene aus „Jail Time Records“, der beim Tribeca Film Festival 2026 gleich drei Preise gewann. Trotz aller Härte erzählt der Film vor allem eine andere, hoffnungsvollere Geschichte: Wie Häftlinge 2018 Jail Time Records gründeten – als Aufnahmestudio und Musiklabel mitten im Gefängnis. Seitdem sind die talentiertesten Insassen teilweise international bekannt geworden, darunter Musiker wie Empereur, der gefürchtete Anführer von Banden innerhalb und außerhalb des Gefängnisses und einer von drei Protagonisten des Films. Sein in der Haftanstalt gedrehtes Afro-House-Musikvideo „Sa Ngando“ hat bereits fast 50.000 Aufrufe auf YouTube. Der Song ist auf dem Album „Jail Time Vol. 1“ erschienen, auf dem ein Mix verschiedener Sprachen zu hören ist – Französisch, Englisch, Douala, Fulfulde, Bamun, Bassa und Sango.

Der Musiker Empereur ist ein Protagonist des Films „Jail Time Records“

Regie führten Dione Roach und Steve Happi – für beide ist „Jail Time Records“ der erste Langfilm. Happi, Musikproduzent und ehemaliger Häftling, saß zwei Jahre lang in New Bell ein und baute dort das Aufnahmestudio auf. Roach, eine italienische Malerin und Mitarbeiterin einer NGO, hatte zuvor innerhalb der Hochsicherheitsmauern Tanz- und Kunstprojekte organisiert. Als ausführende Produzenten sind der neuseeländische Oscar-Preisträger Taika Waititi und die britische Sängerin Rita Ora an dem Film beteiligt. Sechs Jahre lang sammelten Happi und Roach Filmmaterial – darunter intime Aufnahmen von Stone, einem der Protagonisten, der vergeblich versucht, seine kleine Tochter Maira am Telefon zu erreichen. „Es ist lange her. Sie muss von Zeit zu Zeit meine Stimme hören, damit sie ihren Vater nicht vergisst.“ Eine andere Szene zeigt ein großes Jail-Time-Records-Konzert im Innenhof von New Bell, bei dem Häftlinge neben Wärterinnen und Wärtern sowie Besuchern tanzen. 

„Plötzlich ging es nicht mehr nur um Musik, sondern ums Leben“

Doch das Filmen sei nicht einfach gewesen, erzählt Roach, als wir danach fragen. „Man muss sich einen überfüllten Ort in einem Land mit wenig Ressourcen vorstellen: Es war brütend heiß und schwül, dazu der beengte Raum und der ständige Lärm – man muss kreativ werden“, sagte sie. „Aber der Film hat viele Menschen mitgezogen: Plötzlich ging es nicht mehr nur um Musik, sondern ums Leben.“ Beim Tribeca Film Festival 2026 gewann der Film den Preis für den besten Dokumentarfilm, den Albert-Maysles-Award für die beste Nachwuchsregie sowie den Preis für die beste Kamera in einem Dokumentarfilm.

Ein Wach­turm der Haftanstalt

Er folgt den Schicksalen dreier Insassen: Stone, Transporter und Empereur. Sie werden in ihrem Alltag gezeigt und bei Auftritten und Musikaufnahmen. Im Zentrum steht dabei immer wieder das kleine, improvisierte Jail-Time-Records-Studio: eine schwüle Aufnahmekabine in einem Raum mit bunt bemalten Wänden und kaum mehr als einem Laptop als Equipment – auch ohne selbst dort zu sein, spürt man die Hitze. Die Künstler schwitzen, singen und geben alles. „Es ist unsere einzige Chance, draußen Erfolg zu haben“, sagt einer der Häftlinge zu einem Mitinsassen. „Musik“, so erklärt es Steve Happi, „ist unsere Laterne für eine bessere Zukunft.“

Und inzwischen hat das Jail-Time-Records-Label expandiert: 2023 eröffnete es ein Studio in MACO, einer Haftanstalt in Ouagadougou, Burkina Faso, dann ein Kunstzentrum im neu gebauten Ngoma-Gefängnis in Kamerun. Und die New-Bell-Häftlinge haben Fans gefunden, sogar in Südafrika, den USA und Argentinien. Aber die Musiker wissen ganz genau, das Leben hinter Gittern ist nur ein Teil der Herausforderung. Einer der Jail-Time-Records-Sänger bringt es in seinem Song auf den Punkt: „Gefängnis bleibt Gefängnis. Wenn du nach deiner Entlassung nicht aufpasst, landest du wieder drin.“

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