„China wird zum Sehnsuchtsort verklärt“
Xi Jinpings Vorstellung von chinesischer Kultur gilt als eher konservativ und langweilig. Die Kultur der chinesischen Jugend ist dagegen ein globaler Exportschlager
Visual: Julia Neller
Frau Drinhausen, gibt es in der Kommunistischen Partei Chinas eine gewisse Obsession mit dem Westen?
Peking will eine Alternative zur westlich dominierten Ordnung schaffen, das ist seit Langem ein zentrales Ziel der Kommunistischen Partei Chinas (KPC). Die offizielle Erzählung lautet: China hat zwischen 1839 und 1949 ein „Jahrhundert der nationalen Demütigung“ durch westliche Mächte und Japan erlitten. Unter der Führung der KPC soll das Land an seinen zentralen Platz auf der Weltbühne zurückkehren.
Will China Augenhöhe oder Dominanz?
Offiziell wirbt China gegenüber der internationalen Gemeinschaft für die Gleichheit und Vielfalt der verschiedenen Weltanschauungen und Systeme, sieht sich aber selbst in einer leitenden Rolle. Getrieben wird das Streben nach Diskursmacht von der Angst, kulturell vom Westen unterwandert zu werden. Um das zu verhindern, soll dessen Wertehegemonie gebrochen und die eigenen Normen und Visionen durchgesetzt werden. Letztere sind allerdings teils inkompatibel mit liberalen Wertvorstellungen.
Sie sprechen von Dingen wie kulturellen Werten und Normen, die man eher mit dem Begriff »Soft Power« beschreiben würde.
Das stimmt und ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen dabei aber nicht übersehen, dass es hier im Kern um politische Wertvorstellungen geht. Kultur wird in China viel stärker politisch geformt als in liberalen Demokratien. Die Zeiten der Kulturrevolution unter Mao gehören zwar der Vergangenheit an, aber nach wie vor wird Kultur als Machtinstrument des Parteistaats verstanden.
Wie unterscheiden sich die politischen Wertesysteme von Europa und China?
China bezeichnet sich selbst als Demokratie, doch das politische System ist darauf ausgerichtet, den Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei aufrechtzuerhalten. Ein weiteres Beispiel: In Europa sprechen wir aktuell oft von digitaler oder kognitiver „Souveränität“, also der Fähigkeit, wirtschaftliche und technologische Entscheidungen zu treffen, ohne dabei die eigenen demokratischen Prinzipien aufzugeben. Xi Jinping spricht dagegen häufig von »ideologischer Sicherheit«, also dem Schutz vor „schädlichen“ Einflüssen und Ideen aus dem Ausland. Nachdem Debatten in China durch Zensur überwiegend auf Linie gebracht worden sind, wendet sich Peking verstärkt der Diskurs- und Meinungsbildung im internationalen Umfeld zu.
„Die chinesische Regierung bietet sich immer öfter als neutraler Vermittler in internationalen Konflikten an”
Wie will China von der internationalen Gesellschaft gesehen werden?
China soll als verantwortungsvolle Großmacht gesehen werden, als Patron der Schwachen und Unterdrückten. Das lässt sich in den regelmäßigen Statements des chinesischen Außenministeriums, Eingaben bei den Vereinten Nationen oder in den Reden von Xi Jinping nachlesen. Hier wird gezielt der Globale Süden adressiert und China bewusst als Gegenpol zu den als aggressiv bezeichneten USA und deren Werten positioniert. „Die mischen sich ein, wir halten uns raus“, so ließe sich diese Haltung umreißen.
Man inszeniert sich als Wahrer des Friedens?
Genau. Die chinesische Regierung bietet sich immer öfter als neutraler Vermittler in internationalen Konflikten an. Dort, wo China interveniert und droht, siehe Taiwan, wird das zur inneren Angelegenheit deklariert.
Wie verbindet sich diese wertebasierte Sprache etwa mit der Wirtschaftspolitik?
Das Zusammenspiel zwischen Chinas politscher Rhetorik und Handelspolitik wurde im Westen oftmals unterschätzt. Projekte wie die Neue Seidenstraße wurden anfangs belächelt. Aber egal, ob jemand eine Firma leitet oder als Kader in der Provinz irgendeine Form von Wirtschaftsförderung machen soll: Wenn alle ihre Aktivitäten zum Teil einer Initiative erklären, entwickelt so ein politisches Label eine unheimlich große Strahlkraft und befördert das Bild eines integrierten globalen Wirtschaftsförderungs- und Infrastrukturprojektes.
China hat eine große Erzählung von der Zukunft, wir aber nicht?
Zumindest hat China die bessere PR. Ein Beispiel: Europäische Staaten stellen nach wie vor viel Entwicklungshilfe bereit, heben dies aber kaum als gemeinsamen Beitrag hervor. China geht da anders vor und präsentiert sich gekonnt als Partner im Globalen Süden. Dazu kommt noch: Die chinesischen Hilfen und Investitionen werden mit weniger Auflagen verbunden, man agiert scheinbar auf Augenhöhe. Gerade die aufstrebenden Wirtschaftsnationen registrieren das sehr genau.
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Wie sieht gute PR made in China aus?
Seit 2021 hat China eine Reihe von globalen Initiativen zu Entwicklung, Sicherheit und anderen Themen ausgerufen, zuletzt die „Global Governance Initiative“ von 2025 (ein Vorschlag für eine multipolare Weltordnung, in der staatliche Souveränität betont und den Interessen des Globalen Südens mehr Gewicht gegeben wird, Anm. der Red.). All diese Projekte haben das Wort „global“ im Titel, was signalisiert, dass China hier für die internationale Gemeinschaft sprechen will.
Und solche Initiativen haben konkrete Folgen?
Absolut. Soft Power ist in China eine Großbaustelle. Politische Initiativen werden durch strategische Leitlinien, Förderprogramme, Gipfeltreffen und andere Formate mit Leben gefüllt. Vor Kurzem wurde ein Thinkank in Peking gegründet, der bei der Umsetzung der „Global Civilization Initiative“ unterstützen soll. Auch im Bereich Wissenschaftsdiplomatie ist China mit Forschungskooperationen und Stipendien zunehmend aktiv. All dies soll dazu beitragen, chinesische Positionen und Wertvorstellungen stärker in den internationalen Diskurs einzubringen.
„Chinesische Verkaufsplattformen für Mode, Elektroautos, Chatbot- und KI-Anbieter erobern internationale Märkte und verändern dabei das Image der Volksrepublik”
Kulturelle Attraktivität war schon immer Teil von hegemonialen Ambitionen. Die Amerikaner haben Coca-Cola und McDonald's exportiert, dazu Werte wie Freiheit und einen Begriff von Coolness. Wollen die Chinesen das jetzt kopieren, betreiben sie letztlich Imagepolitik?
Auf jeden Fall. Aber während die US-Regierungen lange darum bemüht waren, die Sichtbarkeit von unabhängigen Kulturprodukten wie dem Hollywoodkino zu erhöhen, denkt die Kommunistische Partei Chinas, sie wüsste selbst am besten, was im Ausland zieht. Mit dem Ergebnis, dass etwa Kalligrafiekurse oder Übersetzungen der Bücher von Xi Jinping angeboten wurden. Das liegt sicher auch daran, dass zumindest Xis Vorstellung von der chinesischen Kultur eher konservativ ist und Kulturschaffende politisch eingeschränkt sind. Im Sinne der Soft Power war das kein wirklicher Hit.
Heute läuft es besser?
In den letzten fünf bis zehn Jahren hat Peking begonnen, die eigenen Positionen anschlussfähiger für internationale Debatten zu machen. Chinesische Kulturprodukte besitzen noch nicht die Anziehungskraft von amerikanischer Popkultur, aber chinesische Technologieprodukte, Mode, Essen und Lifestyle stoßen im Ausland auf immer größeres Interesse – auch ohne Zutun der Partei. Ein Ausdruck von Chinas wachsender Soft Power sind Begriffe wie „China Speed“ oder der Social-Media-Trend „Chinamaxxing".
Foto: Marco Urban
Katja Drinhausen ist Programmleiterin für „Innenpolitik und Gesellschaft“ am Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Entwicklung von Chinas Rechtssystem und Regierungsführung, einschließlich digitaler Regierungsführung, dem gesellschaftlichen Bonitätssystem sowie Menschenrechten in China und der staatlichen Minderheitenpolitik.
Und mit TikTok kommt die wohl mit Abstand einflussreichste Social-Media-App aus China.
TikTok ist ein gutes Beispiel dafür, welche Breitenwirkung innovative Produkte haben, die es verstehen, Konsumenten weltweit anzusprechen. Auch chinesische Verkaufsplattformen für Mode, Elektroautos, Chatbot- und KI-Anbieter erobern internationale Märkte und verändern dabei das Image der Volksrepublik. In sozialen Medien wird China immer häufiger zu einem techno-futuristischen Sehnsuchtsort verklärt, während der Westen angeblich im Niedergang begriffen sei. Es gibt eine neue Welle internationaler Influencerinnen und Influencer, die nach China kommen, teils auf Einladung oder mit Unterstützung von Regierungsstellen. Der chinesische Staat hofft, dass positiver Content langfristig negative Berichterstattung verdrängt.
Ist es nicht schwer, cool und innovativ zu wirken und dennoch immer alles unter Kontrolle haben zu wollen?
Die Partei hat immer wieder Menschen zum Schweigen gebracht oder ins Gefängnis gesteckt, weil man sie für systemgefährdend hielt, wie beispielsweise den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Dieser Sicherheitsreflex hat unheimlich viel kaputt gemacht. Aber diese inneren Widersprüche sind aus Sicht der Partei heute weitestgehend befriedet. Dazu kommt, dass die USA unter Trump in den letzten Jahren der Konkurrenz den Gefallen getan haben, ihr eigenes Image zu ramponieren. Im Vergleich steht China heute viel besser da.
Welche Rolle spielt dabei eigentlich die KI?
Das ist spannend. Fragen Sie mal einen KI-Chatbot, egal welches Modell, ob China eine verantwortungsvolle Großmacht ist.
Warten Sie … das sagt ChatGPT: „China übernimmt heute in vielen Bereichen Verantwortung, die mit seinem Status als Großmacht einhergeht, verfolgt dabei jedoch konsequent eigene strategische Interessen. Ob dies als ,verantwortungsvolle Großmacht' gilt, hängt maßgeblich davon ab, welche Maßstäbe – etwa Menschenrechte, internationale Kooperation, Souveränität oder regelbasierte Ordnung – man zugrunde legt.“
Es gibt immer wieder diese Gegenüberstellung von internationaler, oft kritischer Analyse mit dem chinesischen Gegennarrativ. Siehe ChatGPT. Das liegt daran, dass es wahnsinnig viele Dokumente gibt, die Chinas Sicht auf die Dinge erklären und behaupten, dass die Kritik faktisch falsch sei oder einfach auf Missverständnissen beruhe. Und diese Dokumente werden von der KI eingelesen und fallen gegenüber anderen Informationen ins Gewicht.
„Ich würde sagen, dass der Übergang von der diskursiven Soft Power hin zu einer graduellen Veränderung der institutionellen Nachkriegsordnung schon begonnen hat“
Mir ist bei der KI-Recherche für dieses Gespräch aufgefallen, wie nuanciert China dargestellt wird, wie oft ich ermahnt wurde, keine westlichen Stereotype zu wiederholen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass KI-Systeme auf Ausgewogenheit ausgerichtet sind und keine eigene Wertgrundlage haben. Das ist sicher ein Wettbewerbsvorteil für die chinesische Position und wird schon in naher Zukunft die öffentliche Wahrnehmung des Landes verändern. Denn offiziell heißt es ja: China steht für Demokratie, Inklusivität und Diversität, für Gleichheit der Zivilisationen und den Respekt von Unterschieden.
Das klingt super liberal.
Absolut, auch wenn dieses Bild sehr schnell zerbricht, wenn man tiefer in den chinesischen Diskurs einsteigt. Gleichzeitig wird weiterhin unterschätzt, wie groß Chinas Gestaltungsmacht in fünf bis zehn Jahren auch auf regulativer Ebene sein wird, insbesondere bei internationalen Normen in neuen Feldern wie KI. Ich würde sagen, dass der Übergang von der diskursiven Soft Power hin zu einer graduellen Veränderung der institutionellen Nachkriegsordnung schon begonnen hat.
Sie beraten auch deutsche Politiker. Hat man verstanden, wie weit China enteilt ist?
Im Prinzip ja. Aber wir neigen immer noch dazu, unsere eigene Logik und Denkmodelle auf China zu projizieren. Aktuell binden die Themen Wirtschaft und Technologie die politische Aufmerksamkeit. Dabei wird der Einfluss von politischer Sprache und kulturellen Narrativen unterschätzt. Die USA setzten zuletzt nur noch auf Hard Power. China dagegen erkennt die Relevanz der Soft Power an. Wir sollten das ernst nehmen.