„Wir waren immer Europa“
Giorgi Kakabadze bei einer Demonstration in Berlin
Foto: Salome Kochlamazashvili
Das Gespräch führte Mira Schwedes
Herr Kakabadze, Sie leben seit 2021 in Berlin und haben dort im Jahr 2023 das proeuropäische Georgische Zentrum im Ausland (GZA) mitgegründet. Würden Sie sich als ausländischen Agenten bezeichnen?
(lacht) Im Sinne der neuen Gesetzgebung in Georgien: ja. Dort bin ich Vorstandsmitglied einer NGO und hier Teil des proeuropäischen GZA, das heißt, ich bin sozusagen ein Doppelagent.
Wie ging es Ihnen in den letzten Wochen? Die Demonstrationen in Tiflis für Neuwahlen halten an, es gab viele Verhaftungen ...
Ich schlafe nicht viel. Ich arbeite, dazu kommt das Engagement beim GZA, und dann trifft es mich natürlich persönlich, wenn ich sehe, mit welcher Brutalität gegen die Demonstranten in Georgien vorgegangen wird. Viele meiner Freunde sind dort auf der Straße. Sie erzählen mir ihre Geschichten, auch von der Polizeigewalt. Das heißt, ich bin in Berlin, aber geistig zum Teil in Georgien. Das ist schwer, besonders wenn man nicht richtig helfen kann.
„Nach den Wahlen standen wir erst mal unter Schock. Dann haben wir begonnen, uns zu organisieren“
Wie sieht Ihre Arbeit hier seit der Wahl im Oktober 2024 aus?
Nach den Wahlen standen wir alle erst mal unter Schock. Dann haben wir begonnen, uns zusammen mit anderen Initiativgruppen zu organisieren. Gemeinsam haben wir in über vierzig Städten auf der ganzen Welt bei Demonstrationen mitgewirkt und Forderungen aufgeschrieben. Wir haben uns mit vielen deutschen Politikerinnen und Politikern getroffen, ihnen die Situation erklärt und E-Mails an Parteien geschickt.
Was fordern Sie von der Politik?
Die georgische Regierung hat gezeigt, dass sie kein Gewissen mehr hat und es keine rote Linie für sie gibt. Die Menschen, die für die Gewalt verantwortlich sind und gegen die Verfassung verstoßen, sollten sanktioniert werden. Etwa mit Einreiseverboten und finanziellen Sanktionen. Es muss deutlich werden, dass Europa den Kampf der Menschen in Georgien für eine gemeinsame Zukunft unterstützt. Wir waren immer Europa, und deswegen brauchen wir jetzt die Hilfe der großen europäischen Familie. Wir beobachten, wie sich die Prioritäten im transatlantischen Raum verschieben. Deshalb setze ich umso mehr darauf, dass die deutsche Regierung unter Friedrich Merz dort, wo es um die Sicherheit Europas geht, eine Führungsrolle übernimmt und dabei Georgien und die Ukraine in eine neue Sicherheitsarchitektur mit einbezieht.
Wie wird Ihre Arbeit in Ihrer Heimat wahrgenommen?
Seitdem ich so aktiv in die Prozesse hier involviert bin, war ich selbst nicht mehr in Georgien. Aber andere Mitglieder unserer Organisation haben dort von uns berichtet, sodass man uns mittlerweile kennt. Der Georgische Marsch in Berlin 2024 etwa ist zu einem Gesprächsthema geworden. Wenn ich als Historiker mit etwas Abstand auf diesen Prozess blicke, sehe ich, dass die georgische Diaspora noch nie so vereint war wie jetzt. Das gibt auch den Menschen im Land selbst Kraft.