Was ist ein Huhn wert?

Die Autoren Raj Patel und Jason W. Moore beschreiben unseren Weg ins »Kapitalozän« – und wieder heraus

Weltgeschichten haben Konjunktur, seit die Menschheit im Zeitalter des Anthropozäns gestrandet ist. Der Historiker Jason W. Moore und der Ökonom und Aktivist Raj Patel würden die Epoche, in der wir leben, lieber »Kapitalozän« nennen, denn nicht der Mensch an sich hat den apokalyptischen »Zustandswechsel« des Planeten verursacht, sondern sein profitorientierter Umgang mit ihm. Diesen machen sie an »sieben billigen Dingen« fest.

So werden zu unseren Hinterlassenschaften nicht nur Plastikberge und readioaktive Strahlung zählen, sondern auch absurde Mengen an fossilen Hühnerknochen. Das ertragsoptimierte Geflügel wird demnächst das am meisten gegessene Fleisch weltweit sein. In nur zwanzig Wochen wird aus einem Ei ein 16 Kilogramm schwerer Vogel. Im Chicken McNugget als »ikonischem Symbol der Moderne« greifen die sieben Dinge ineinander, mit deren »Entwertung« – so der Titel des Buches – die Menschheit die Welt umgeformt hat: Natur, Geld, Arbeit, Fürsorge, Nahrung, Energie und Leben.

Jedes Kapitel verfolgt den Weg dieser Dinge seit der europäischen Kolonialisierung im 15. Jahrhundert. In Details, beeindruckenden Fakten und zügigen, vielleicht manchmal zu zügigen Verknüpfungen zwischen Themen und Zeiten zeigen die Autoren, wie  ökologische und ökonomische Krisen zusammengehören. Aber es gilt ja, die Welt nicht nur zu beschreiben, sondern zu verändern: Die Autoren schlagen Wege zu einer »reparation ecology« vor, einer Ökologie der Wiedergutmachung. Es sehe zwar nicht nach baldigem Abschied vom Kapitalismus aus,  schreiben sie, aber schließlich seien »die Geschichten von Revolutionen Geschichten des Unerwarteten«.     •

Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen. Von Raj Patel und Jason W. Moore. Aus dem ­Englischen von Albrecht Schreiber. Rowohlt Berlin, 2018.

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