„Mit Politik kann man keine Kultur machen“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Veranstaltung zu 75 Jahre Goethe-Institut in Berlin
Foto: Bundesregierung / Guido Bergmann
„Mit Politik kann man keine Kultur machen; vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.“ So Theodor Heuss zu Beginn der 1950er Jahre. Was er damals formuliert hat, war nicht etwa gesicherte Erfahrung, eher Hoffnung oder eben, genauer gesagt, Aufgabenbeschreibung für die Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland im Ausland.
„Was ich sagen will: Das Goethe-Institut ist ein Kind der Bundesrepublik Deutschland. Seine Eltern sind eine mutige und vertrauensvolle Politik sowie gleichzeitig eine verantwortungsvolle und vor allen Dingen engagierte Zivilgesellschaft.“
Die damalige Bundesregierung unter Konrad Adenauer und besonders unter Heinrich von Brentano als Außenminister hat diese Aufgabe angenommen. Und damals einen Schritt gewagt, den wir vielleicht erst heute in seinem ganzen Mut und seiner Radikalität ermessen können. Nach dem Vorbild der Weimarer Republik wurde die Kulturarbeit des Bundes in die Hände zivilgesellschaftlicher Organisationen gelegt. Des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der neugegründeten Alexander-von-Humboldt- Stiftung und des Instituts für Auslandsbeziehungen – und vor allem eben des ebenso neu gegründeten Goethe-Instituts, an das das damalige Auswärtige Amt in den 1950er und 1960er Jahren auch seine Kulturinstitute, die es im Ausland schon gab, übergeben hat.
Was ich sagen will: Das Goethe-Institut ist ein Kind der Bundesrepublik Deutschland. Seine Eltern sind eine mutige und vertrauensvolle Politik sowie gleichzeitig eine verantwortungsvolle und vor allen Dingen engagierte Zivilgesellschaft. Wenn wir heute 75 Jahre Goethe-Institut feiern, dann erinnern wir also an die Weitsicht und, ich finde, auch an den Mut der Gründerväter und Gründermütter der Bundesrepublik. Die Kulturarbeit im Ausland freiheitlich zu verfassen – das war und das ist jedenfalls in dieser Form weltweit ziemlich einmalig!
Es waren diese Gründerväter und -mütter, die damals, nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und der Shoah, an das „andere Deutschland“ glaubten und der Zivilgesellschaft ihr Vertrauen schenkten. Und sie glaubten auch daran, dass eine Stärkung der Kulturarbeit im Ausland dazu beitragen kann, das Vertrauen der Welt in die Deutschen nach den von ihnen begangenen Menschheitsverbrechen allmählich wieder wachsen zu lassen. Spätere Bundesregierungen haben diesen Weg fortgesetzt – mal mehr, mal weniger. Willy Brandt hat die Auswärtige Kulturpolitik gleichberechtigt neben die Sicherheits- und Wirtschaftspolitik zur dritten Säule seiner und, ich würde sagen, der Außenpolitik gemacht. Und Helmut Kohl hat die europäische Einigung und Aussöhnung, ganz besonders auch mit den Staaten Mittel- und Osteuropas, auch als kulturelle Aufgabe begriffen und gestaltet.
Wichtigster Partner der deutschen Außenpolitik war dabei immer das Goethe-Institut mit seinen Präsidentinnen und Präsidenten, mit seinen Generalsekretärinnen und Generalsekretären und vor allem mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wenn wir heute 75 Jahre Goethe-Institut feiern, dann feiern wir vor allem das Engagement, den Einsatz, den Enthusiasmus derer, die für die Kultur unseres Landes in aller Welt tätig waren und sind. Ich durfte als Außenminister und ich darf als Bundespräsident immer wieder erleben, mit wie viel Leidenschaft, wie viel Herzblut Sie sich in aller Welt für den kulturellen Dialog und für grenzüberschreitende Verständigung einbringen. Und ich weiß: Die Auswärtige Kulturarbeit ist ein anspruchsvoller, ein verantwortungsvoller und in Krisengebieten leider oft auch ein gefährlicher Job. Deshalb gilt mein Dank Ihnen allen, die Sie diese Aufgabe tatsächlich mit Leidenschaft und Engagement Tag für Tag meistern. Herzlichen Dank für Ihren großartigen Einsatz!
Erlauben Sie, dass ich an dieser Stelle auch und besonders an Jutta Limbach erinnere. Jutta Limbach hatte das Goethe-Institut in wahrhaft schwierigsten Zeiten übernommen. Als meine erste Amtszeit als Außenminister begann, sah sich Jutta Limbach damals als frische Präsidentin einer nie dagewesenen Krise der Institution Goethe-Institut ausgesetzt. Finanzielle Zwänge, jährliche Kürzungen der Programmarbeit, Schließungen von Instituten waren an der Tagesordnung. Und gemeinsam mit ihr, mit Johannes Ebert als Geschäftsführer des Goethe-Instituts und mit Unterstützung des Deutschen Bundestages haben wir damals ein Reformkonzept – ja, erarbeitet wäre zu wenig: errungen und auf den Weg gebracht. Abbau in der Zentrale, Aufbau in den Regionen, mehr Verantwortung und klarere Ziele, das waren damals die Stichworte, die dieses Programm erfüllte. Den Startschuss für den dann folgenden Erneuerungsprozess konnten wir 2007 mit der Neueröffnung des Goethe-Instituts in Paris geben.
„Millionen von Menschen haben am Goethe-Institut Deutsch gelernt, Zugang zu unserer Kultur gefunden, oft genug auch zu unserem Arbeitsmarkt und zu unseren Unternehmen“
Gemeinsam mit Klaus-Dieter Lehmann, der sicherlich auch heute hier ist, durften wir anschließend diese Reform mit Unterbrechungen über mehr als zehn Jahre fortsetzen. Ein besonderes Anliegen war uns allen damals der Ausbau des Goethe-Instituts, vor allem der Standorte in Afrika und in anderen Ländern des Globalen Südens, in Zentralasien und im Kaukasus.
An dieser Stelle sei es erlaubt, ganz ausdrücklich – das sage ich mit vollem Ernst – auch für das zu danken, was oft ein bisschen im Schatten steht, nämlich die hervorragende Spracharbeit des Goethe- Instituts. Millionen von Menschen haben am Goethe-Institut Deutsch gelernt, Zugang zu unserer Kultur gefunden, oft genug auch zu unserem Arbeitsmarkt und zu unseren Unternehmen, und ich bin Ihnen, Herr Lehmann, ausdrücklich dankbar, dass Sie in unserer gemeinsamen Zeit auch den Wirtschaftsbeirat des Goethe-Instituts gegründet haben.
Ich darf an dieser Stelle Stefan von Holtzbrinck, den ich gerade gesehen habe, Helena Melnikov und Nicolas Peter als Mitglieder des Wirtschaftsbeirates nicht nur herzlich begrüßen, sondern auch danke sagen! Wenn wir die europäischen Partnerschaften stärken, bestehende Partnerschaften vertiefen und neue Partner in der Welt gewinnen wollen, dann brauchen wir dringender denn je kulturelle Infrastruktur im Ausland. Erstens, weil wir unseren Partnern in der Welt erklären müssen, warum wir so sind, wie wir sind. Welche Geschichte, welche Erfahrung, welches Denken uns prägen, etwa auch unser Verhältnis zu Israel prägen, das für uns für immer ein besonderes bleiben wird.
Und zweitens, weil wir diesen Partnern ein Angebot machen wollen. Ein Angebot der Verständigung jenseits politischer Differenzen und wirtschaftlicher Interessen. Ein Angebot der Verständigung auf Grundlage gemeinsamer Humanität. Einer Humanität, die kein Besitz ist, sondern Aufforderung und Möglichkeit. Und die genau deswegen vorpolitische, das heißt freie und zugleich geschützte Räume der Kunst und Kultur benötigt. Diese Räume sind heute mehr denn je Teil des politischen Kampfes geworden. In der Tat, die Frage, wer das Recht hat auf einer Bühne zu stehen, welche und wessen Geschichte erzählt, welche Töne gehört werden, wo die Grenzen des Sagbaren verlaufen, das alles ist Gegenstand eines täglichen Aushandlungsprozesses, den Sie alle hautnah erleben.
Darum wird gekämpft. Das darf nicht zu dem Missverständnis führen, dass sich dieser politische Kampf selbst für Kultur hält. Umso mehr sollten wir beharren auf dem Eigenwert vor-politischer Räume wie der Goethe-Institute: Neue Sinnhorizonte und Verständigungsmöglichkeiten erschließen sich nicht in erster Linie durch das Reden über diese, sondern in der Praxis neuer Verweise, die zunächst einmal gelebt und gezeigt werden müssen, bevor man politisch über sie reden kann. Konkret und aus meinem eigenen Erleben: Ein Konzert von Julia Hülsmann in einer Kellerbar in Bischkek, ein Film von Maren Ade, eine Ausstellung von Nevin Aladağ oder eine Lesung von Lukas Rietzschel ermöglichen andere und oft viel tiefergehende Gespräche als jede politische Diskussionsrunde. Ein Konzert mit Burger- Highlife-Musik von George Darko in Accra kann jenseits der Schönheit und Kraft der Musik mehr Nähe zu Afrika vermitteln als die sympathisierende Rede eines europäischen Besuchers.
Und als Ausdruck gegenseitigen Interesses wird sicher auch empfunden, wenn der in Burkina Faso geborene Berliner Francis Kéré das neue Goethe-Institut in Senegals Hauptstadt Dakar baut. Deshalb sollten wir gerade heute auf dem Unterschied zwischen politischer Kunst und politischer Meinung bestehen und den Mut haben, gerade in Ländern, deren Gesellschaften sich sehr von der unsrigen unterscheiden, auch und mehr noch durch Kunst und durch Künstlerinnen und Künstler präsent zu sein – auch in den Ländern, die uns mit Blick auf politisches System, gesellschaftliche Praxis und religiöse Prägung weniger nahe stehen.
Deshalb begrüße ich die stärkere Präsenz deutscher Kulturangebote auch in den Golfstaaten, sowohl die Goethe-Einrichtungen wie die neuen Wege der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und anderer in den Museumskooperationen dort vor Ort. Und ja, ich finde es auch richtig, dass wir zwanzig Jahre nach der großen Ausstellung über europäische Aufklärung auch in China nicht nur politisch, sondern auch kulturell wieder mehr in die Vermittlung unserer Werte investieren. Dort müssen wir uns anbieten, anderswo ist das anders: An vielen anderen Orten wird die Präsenz Deutschlands und deutscher Kultur geradezu ersehnt.
Ich bin gemeinsam mit meiner Frau am Wochenende aus Usbekistan zurückgekommen, einem Land, das in der nicht immer leichten Nachbarschaft von gleich zwei Großmächten lebt, einem Land, das engere Beziehungen nach Deutschland und Europa wünscht – und nicht nur politische und wirtschaftliche, sondern gerade auch kulturelle! Und am meisten wünscht man sich dort ein Goethe-Institut, das diesen Weg einer stärkeren Annäherung an Deutschland und Europa begleitet. Gleichzeitig weiß ich, wie schwer oft die Arbeit des Goethe-Instituts gerade in Krisenorten und -regionen der Welt ist.
„Was das Goethe-Institut allerdings braucht, das sind – neben der finanziellen Grundlage – Fürsprecher in der Politik und Rückenstärkung gegen die Verächter von Vielfalt und Offenheit in der Kultur- und Bildungspolitik“
Ob in Kabul, im Kosovo oder in Ruanda, an vielen Orten konnte ich sehen, wie sehr Ihre tatkräftige Unterstützung gerade in schwierigen Zeiten geschätzt wird. Und wenn heute wieder deutsche Außenpolitik in Syrien möglich ist, dann war auch der Einsatz zum Schutz kulturellen Erbes dort, der Schutz von Kulturschaffenden durch das Goethe-Institut, durch das DAI, und die Unterstützung von syrischen Studierenden insbesondere durch den DAAD, dann war all das eben am Ende doch nicht vergeblich. Was ich sagen will: Vieles ist gelungen in den 75 Jahren der Arbeit des Goethe-Instituts. Grund genug eigentlich, stolz zu sein. Aber natürlich ist mir bewusst, dass es aktuell auch Besorgnis und vielleicht auch die eine oder andere angespannte Diskussion über die Zukunft des Goethe-Instituts gibt.
Aber ich bin sicher, liebe Gesche Joost, liebe Serap Güler und liebe Abgeordnete des Deutschen Bundestages, Sie werden diese Diskussionen über Veränderungen konstruktiv und mit Blick auf Erhaltung notwendiger und effektiver Strukturen des Goethe-Instituts führen. Und das weiß ich auch: Erneuerung und Veränderung sind dem Goethe-Institut nicht fremd. Beides gehört seit 75 Jahren zu der Geschichte des Goethe-Instituts. Was das Goethe-Institut allerdings braucht, das sind – neben der finanziellen Grundlage – Fürsprecher in der Politik und Rückenstärkung gegen die Verächter von Vielfalt und Offenheit in der Kultur- und Bildungspolitik. Diese Rückenstärkung, die braucht es mehr denn je. Und diese Rückenstärkung, die braucht es auch nicht nur im zuständigen Ressort, sondern in der ganzen Breite des Bundestages und möglichst auch in der Breite der Gesellschaft. Ich finde, das Goethe-Institut hat diese Rückenstärkung verdient!
Ja, die Welt ist ein unübersichtlicher und ungemütlicher Ort geworden. Wir sind umgeben von Krisen und Kriegen. Politik, zumal internationale Politik, ist nicht einfacher geworden. Die Faszination des Autoritären gewinnt vielerorts an Kraft. Das Denken in den Kategorien von kalter Macht und Einflusssphären kehrt vielerorts zurück. Aber wer aus alldem den Schluss zieht, Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sei verzichtbar geworden, der irrt eben gewaltig! Wer behauptet, es komme in dieser alten und wieder neuen Welt nur noch auf militärische Stärke an, der begibt sich nach meiner Überzeugung sogar auf einen gefährlichen Weg. Für Länder wie unseres, die wir keine Großmacht sind, wird nämlich unsere Außenpolitik auch künftig auf vier Pfeilern ruhen müssen: ja, auf militärischer Stärke, um überhaupt ernst genommen zu werden; aber eben auch auf kluger Diplomatie, um Lösungen zu entwerfen und Allianzen zu schmieden; möglichst auch auf einer internationalen Rechtsordnung als Rahmen und Richtung; aber viertens eben auch auf Kultur und Wissenschaft als Soft-Power, wie man sagt, besser gesagt: als Angebot für die Welt da draußen.
Die Notwendigkeit jedenfalls, uns verständlich zu machen in einer hochpolarisierten globalen Umgebung; den Willen nicht aufzugeben, andere wenigstens verstehen zu wollen – alles das ist nicht verzichtbar geworden. Im Gegenteil: Gerade in einer Welt, in der das Erbe der europäischen Aufklärung immer weniger Leitstern der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung ist, müssen wir präsenter sein denn je. Ziehen wir uns zurück, werden Rückwege zu einer friedlicheren Zukunft eher noch schwerer zu finden sein. Deshalb, ganz zum Schluss, gerichtet an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Goethe-Instituts: Sie alle leisten Tag für Tag einen wirklich wichtigen Beitrag für eine bessere, für eine friedlichere Zukunft. Lassen Sie sich von der Weltlage bitte nicht entmutigen! Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg für Ihre Arbeit. Herzlichen Glückwunsch und vor allem, von Herzen, mein großer Dank!
Diese Rede hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt zum 75. Gründungsjubiläum des Goethe-Instituts am 23. Juni 2026.